Schweizer Ökonomen warnen vor der Finanzspritze

Gestern hat US-Präsident Bush die 700 Milliarden Dollar für die Finanzwelt freigegeben. Jetzt warnen Experten vor den Folgen des Geldsegens.

Yvan Lengwiler von der Universität Basel befürchtet, dass der Rettungsplan die heilende Umstrukturierung der Branche bremst. «Es ist zu befürchten, dass der Rettungsplan die Konsolidierung der Branche eher verzögert als fördert», schreibt er in einem Beitrag für die heutige «Neue Zürcher Zeitung».

Der Staat nehme den Banken das Risiko ab, das sie leichtsinnigerweise eingegangen seien, kritisiert Lengwiler: «Der Anreiz, der dadurch geschaffen wird, ist fatal.» In wenigen Jahren könnte die Wirtschaft wieder in einer ähnlichen Situation sein.

Für Lengwiler hat es einen schalen Beigeschmack, dass sich mit US-Finanzminister Henry Paulson ausgerechnet ein ehemaliger Investmentbanker «derart vehement dafür einsetzt, eine grosse Summe Steuergelder dafür zu riskieren, Banken von ihren maroden Investitionen zu befreien».

Kollaps des kapitalistischen Systems

Von einem «Kollaps eines kapitalistischen Systems, wie er nicht vorkommen darf», spricht Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI, in einem Interview mit der «Berner Zeitung» vom Samstag.

«Dass ausgerechnet in den USA - der Mutter des Kapitalismus - Vater Staat ein 700 Milliarden Dollar schweres Paket als rettenden Anker auswerfen muss», dürfe nicht schöngeredet werden, so der Schweizer Ökonom.

Aufstieg und Fall seien «die Voraussetzung dafür, dass der Mensch Fortschritte macht und der Wohlstand zunimmt. Jedes System, das auf Freiheit und Eigenverantwortung setzt, ist anderen überlegen. Das hat die Geschichte oft genug gezeigt.»

Zweifel an der Wirkung des Pakets

Ob die nun beschlossenen 700 Milliarden Dollar genügen, um das System nachhaltig zu stabilisieren, ist indes ungewiss: «Neben den Hypothekarkrediten existieren zahlreiche andere potenzielle Krisenbereiche, etwa die verbrieften Autoleasingverträge», gibt Lengwiler in seinem Beitrag für die NZZ zu bedenken.

Das Rettungspaket sei nicht mehr als eine vertrauensbildende Massnahme, konstatiert auch Beat Bernet, Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen an der Universität St. Gallen, in der «Samstagsrundschau» von Schweizer Radio DRS.

Schweizer Behörden müssen handeln

Dieser Ansicht ist auch Bernd Schips, der frühere Leiter der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich. Im «St. Galler Tagblatt» fordert er Bundesrat, Nationalbank und Bankenkommission daher auf, Möglichkeiten zur Sicherung des Bankensystems aufzuzeigen, falls sich die Situation weiter zuspitzen sollte.

«Ein blosses Aussitzen» der Krise trage nicht dazu bei, das Vertrauen in das Finanzsystem zurückzugewinnen, warnt Schips. Die Behörden müssten auch zeigen, welche konkreten Regulierungsschritte geplant seien, um Fehlentwicklungen künftig zu verhindern.

oku/sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt