Wo es am meisten Teilzeitstellen gibt

Ein Ranking zeigt, welche Firmen besonders viele Teilzeitjobs ausschreiben. Die Nummer 1 ist dabei nicht unbedingt am fortschrittlichsten.

«Überrascht über den ersten Platz»: Eine Lidl-Angestellte bei der Arbeit.

«Überrascht über den ersten Platz»: Eine Lidl-Angestellte bei der Arbeit.

(Bild: Keystone)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Der Aufstieg, den Lidl in nur zwei Jahren vollbracht hat, ist beeindruckend. 2015 schaffte es der Detailhändler in der Schweiz zum ersten Mal auf die Liste der Top-Teilzeit-Arbeitgeber. 2016 führt er das Ranking bereits an. «Top» ist in diesem Zusammenhang allerdings kein Qualitätssiegel, sondern sagt lediglich etwas über die Anzahl der Stellen im Teilzeitpensum aus, die eine Firma anbietet.

Zusammengetragen werden diese Jobs vom Portal Teilzeitkarriere.com. Es erfasst die ausgeschriebenen Teilzeitstellen auf 30'000 Firmen-Websites und erstellt jedes Jahr das besagte Ranking. Hinter Lidl folgen das Universitätsspital Zürich, die Privatklinikgruppe Hirslanden, die Insel-Spitalgruppe Bern und der Detailhändler Manor. Allein in den Top 10 sei die Anzahl der ausgeschriebenen Jobs mit reduziertem Pensum letztes Jahr um fast 40 Prozent auf rund 12'000 gestiegen, sagt Andy Keel, Gründer von Teilzeitkarriere.com und der Organisation Teilzeitmann.

«Oft geht es um die Signalwirkung»

Hinter der Zunahme stecken laut Keel zwei Treiber: «Einerseits werden solche Jobs immer populärer und deshalb auch häufiger ausgeschrieben. Andererseits handelt es sich bei einem grossen Teil davon um 80- bis 100-Prozent-Stellen.» Bei diesen geht es laut Keel oft um die Signalwirkung. Und zwar nicht nur nach aussen. Gerade Firmen im Finanzbereich wie die UBS oder die Zürich-Versicherung wollen laut Keel auch eine Botschaft nach innen vermitteln. «Die Personalabteilungen haben immer noch mit grossen Widerständen gegen Teilzeitjobs zu kämpfen, weil viele Abteilungsleiter dagegen sind.» Mit der Ausschreibung von reduzierten Pensen werde die Beweislast umgekehrt: «Früher mussten Manager begründen, warum sie eine Stelle zu 80 Prozent besetzen wollen. Heute müssen sie sich oft rechtfertigen, wenn sie 100 Prozent einfordern.»

Allerdings schätzt Keel, dass zwei von drei dieser Stellen am Ende trotzdem mit 100 Prozent angetreten werden. Um tatsächliche Teilzeitstellen handelt es sich also nur bei einem Drittel. Auch bei der UBS – einer der grössten Aufsteigerinnen im aktuellen Ranking – werden nicht alle der reduziert ausgeschriebenen Stellen auch so besetzt. Die Bank biete seit geraumer Zeit den Grossteil der Jobs in der Schweiz mit einem 80- bis 100-Prozent-Pensum an, sagt UBS-Sprecherin Eveline Müller. Die Zunahme der Teilzeitquote wirkt auf den ersten Blick allerdings eher bescheiden: In den letzten zehn Jahren stieg sie um 4 Prozentpunkte auf 20 Prozent. Bei insgesamt über 21'000 Angestellten sei das «ein bedeutender Anteil», sagt Müller.

Die UBS verfolgt laut Müller insbesondere das Ziel, «die Anzahl Teilzeitstellen für Positionen im mittleren und oberen Kader zu erhöhen und so die Rückkehr gut ausgebildeter Mitarbeiterinnen aus dem Mutterschaftsurlaub zu unterstützen». Gerade bei den qualifizierten Jobs sieht es in Sachen Frauenanteil nämlich immer noch sehr düster aus. Das zeigt eine aktuelle Studie der Hochschule Luzern (HSLU), von der die «NZZ am Sonntag» berichtete. Der Diversity-Index der HSLU habe gezeigt, dass der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen von rund 35 untersuchten Firmen nicht über 10 Prozent hinauskomme. Die Studienautorinnen glauben, dass die Untervertretung der Frauen in den Chefetagen durch die Mutterschaft verursacht wird. Ein Jahr nach der Geburt eines Kindes arbeiteten durchschnittlich nur noch 57 Prozent der Frauen im gleichen Unternehmen.

Nicht nur anbieten, sondern verinnerlichen

Die Firmen an der Spitze des Rankings seien allerdings nicht immer die Unternehmen, die Teilzeitarbeit am meisten verinnerlicht hätten, sagt Keel. Die Axa-Versicherung etwa landete bloss auf Platz 25, bei ihr sei die Teilzeitkultur aber stark ausgeprägt. «Sogar Geschäftsleitungsmitglieder arbeiten mit reduzierten Pensen.» Das ebne den Weg für einen grösseren Frauenanteil in höheren, qualifizierten Teilzeitpensen.

Bei der Nummer 1 Lidl kann man sich den Erfolg denn auch nicht so recht erklären. Man habe keine grundsätzlichen Änderungen bei der Ausschreibung von Stellen vorgenommen und sei deshalb «überrascht» über den ersten Platz, sagt eine Sprecherin. Viele Angestellte, vor allem Studenten und Eltern, schätzten die Möglichkeit einer Teilzeitanstellung. Lidl wurde für seine Anstellungspraxis allerdings auch schon kritisiert: Vielen Angestellten sei es gar nicht möglich, Vollzeit zu arbeiten, auch wenn sie das wollten, sagt Pepo Hofstetter, Sprecher der Gewerkschaft Unia.

Die Erhebung von Teilzeitkarriere.com sagt auch viel über die Unterschiede zwischen den Branchen aus. Am stärksten positioniert sind der Detailhandel, die öffentliche Verwaltung und der Gesundheitsbereich – Branchen also, in denen naturgemäss viele Frauen arbeiten. Kaum vertreten sind hingegen Firmen aus den Bereichen Pharma oder Industrie. «Dort ist die Teilzeitarbeit immer noch ein absolutes Stiefkind, obwohl das Bedürfnis da wäre», sagt Keel. «Wer sich ein reduziertes Pensum wünscht, muss fast aussteigen.» Dabei könnten diese Firmen den Pool an geeigneten Bewerbern massiv vergrössern, wenn sie auch Teilzeitpensen zulassen würden. «37 Prozent oder 1,6 Millionen Angestellte arbeiten in der Schweiz heute weniger als 100 Prozent. Wer solche Stellen ausschreibt, hat automatisch eine viel grössere Reichweite.»

baz.ch/Newsnet

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