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Wie Twitter die Facebook-Falle umgeht

Von der Anlegereuphorie zum Kursabsturz: Twitter kann einiges aus den Erfahrungen von Facebook lernen. Aus dem Desaster beim dortigen Börsengang lassen sich vier kritische Punkte herausschälen.

Das Timing als wichtiger Faktor: Twitter hat seine Position im Mobile-Geschäft schon stärker gefestigt, gleichzeitig bleibt Luft nach oben im Anzeigengeschäft.
Das Timing als wichtiger Faktor: Twitter hat seine Position im Mobile-Geschäft schon stärker gefestigt, gleichzeitig bleibt Luft nach oben im Anzeigengeschäft.
Reuters
Beim Pricing ging Facebook an die Grenze, eine Spekulationsblase wurde mit echter Nachfrage verwechselt. Twitter will den Fehler vermeiden.
Beim Pricing ging Facebook an die Grenze, eine Spekulationsblase wurde mit echter Nachfrage verwechselt. Twitter will den Fehler vermeiden.
Reuters
Zusammen mit dem Kult um Mark Zuckerberg entstand im Vorfeld des Börsengangs ein Hype um Facebook.
Zusammen mit dem Kult um Mark Zuckerberg entstand im Vorfeld des Börsengangs ein Hype um Facebook.
Reuters
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Gross war der Hype gewesen, noch grösser die Ernüchterung. Nachdem sich Anleger monatelang bemüht hatten, als Käufer mit von der Partie zu sein, geriet der Börsengang von Facebook im vergangenen Mai zum Debakel. Nur dank Stützungskäufen überlebte Facebook den ersten Handelstag, schon am Folgetag setzte die Talfahrt ein. Von «langen Gesichtern», von «Sündenböcken», sogar von «verbrannter Erde» war danach die Rede.

Der verpatzte Event würde weitere Dotcom-Firmen auf ihrem Gang an die Börse zurückwerfen, hiess es damals – wobei besonders Twitter im Fokus stand. Inzwischen hat sich die Facebook-Aktie erholt, die allgemeine Stimmung ist wieder besser. So kommt nun auch Twitter zum Zug. Bis Ende Jahr könnte das Initial Public Offering (IPO) über die Bühne gehen. Die Erfahrung von Facebook macht allerdings deutlich, dass dabei Fallstricke warten. Vier Punkte werden beim Twitter-Börsengang entscheidend sein.

Das Timing

Erinnern Sie sich an die Eurokrise? Der letzte grosse Einbruch fand 2012 statt. Das Börsenjahr 2013 dagegen war gut, die Konjunktur zieht an. Das ist ein guter Nährboden für einen Börsengang. Auch das firmeninterne Timing ist günstig. Sieben Jahre ist es nun her, seit bei Twitter die erste 140-Zeichen-Nachricht durchs Netz rauschte. Das ist nur ein Jahr weniger, als Facebook im Jahr 2012 alt war. Im Vergleich zu seinem IPO-Vorgänger steht Twitter heute in einem früheren Entwicklungsstadium. Bei der Erweiterung seiner Funktionen ging Twitter behutsam vor, im Vergleich zum Facebook-Bildschirm ist Twitter kaum mit Werbung zugekleistert.

Mit geschätzten 583 Millionen Dollar nimmt Twitter heute rund achtmal weniger ein als Facebook zum Zeitpunkt seines Börsengangs. Das verspricht Steigerungspotenzial: Eine Tatsache, die bei Anlegern gut ankommt. Andererseits ist die Erschliessung von Mobile-Einnahmen bei Twitter heute schon ausgereift, was eine gewisse Sicherheit verleiht. Um den Börsengang sauber über die Bühne zu bringen, muss Twitter die Investoren in den kommenden Wochen davon überzeugen, dass sie zur rechten Zeit ein Teil der Wachstumsstory werden können.

Der Preis

Würden Sie Twitter-Aktien kaufen? Die Frage ist sinnlos, wenn dabei kein Preis genannt wird. In Erinnerung bleiben die Spekulationen im Vorfeld des Facebook-Börsengangs. Dabei halfen Mark Zuckerberg und die beteiligten Banken kräftig mit, den Preis nach oben zu treiben: Keine zwei Wochen vor dem Datum erhöhten sie den Ausgabepreis noch einmal, um den Anlegerhype voll auszuschöpfen. Die Quittung dafür kam schon am ersten Handelstag: Facebook schloss gerade einmal 23 Cent im Plus, bei einem Ausgabepreis von 38 Dollar.

Ob Twitter diesen Fehler vermeiden kann, hängt nicht nur vom IPO-Pricing ab, sondern auch vom Handel auf dem ausserbörslichen Privatmarkt. Dort wurden die Aktien zuletzt zu 26 bis 28 Dollar gehandelt, was Twitter einen Firmenwert von rund 14 Milliarden Dollar verleiht. Beobachtern zufolge haben die verschiedenen Deals mit Investoren in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass der Markt für Twitter-Aktien im Vorfeld des Börsengangs deutlich entspannter ist, als es bei Facebook der Fall war. Wegen der geringen Menge an verfügbaren Aktien war dort eine Preisblase entstanden.

Die Informationen

Wann entsteht ein Hype und wann nicht? Euphorie war bei Facebook auch deshalb entstanden, weil das Unternehmen von der erstmaligen Einreichung der Unterlagen bis zum Börsengang permanent unter Beobachtung stand. Jede weitere Zahlenveröffentlichung wurde medial bis ins Kleinste analysiert. Täglich traten Börsenhändler, Social-Media-Kenner und selbst ernannte Silicon-Valley-Experten auf den Plan, um ihre Meinung über die Aktie kundzutun. Eine ähnliche Transparenz wird es bei Twitter wohl nicht geben – was aus Investorensicht bedauerlich ist, letztlich aber zu realistischeren Preisvorstellungen führen könnte.

Bei seinem IPO nutzt Twitter eine besondere Bestimmung der amerikanischen Börsengesetze. Die von Präsident Barack Obama eingeführte Regel existiert noch nicht lange: Sie erlaubt Unternehmen mit Umsätzen unter einer Milliarde Dollar, ihre Unterlagen bei der Börsenaufsicht im Geheimen einzureichen. Das bedeutet, dass Twitter seine Geschäftszahlen bis kurz vor Beginn der Investoren-Roadshow unter Verschluss halten kann. Experten zufolge dürfte dies zur Dämpfung eines möglichen Hypes beitragen, was ein wichtiges Ziel der Twitter-Crew ist.

Die Führungscrew

Wissen Sie, wer Dick Costolo ist? Der Chef von Twitter wurde vom «Time»-Magazin in die Liste der zehn einflussreichsten CEOs der Technologiebranche gewählt, und doch kennt kaum einer seinen Namen. Costolo kam 2009 zu Twitter, seit 2010 hält er dort die oberste Führungsposition inne. Zuvor hatte der Computeringenieur bei Google gearbeitet, sein Karrierebeginn lag im Consulting. Costolos geringe Bekanntheit dürfte sich als Vorteil erweisen, weil um den Twitter-Chef kein Personenkult existiert. Mit von der Partie bei Twitter ist auch Cynthia Gaylor. Sie kam im Mai von der Investmentbank Morgan Stanley zu Twitter, wo sie als IPO-Spezialistin tätig war.

Ironischerweise war Morgan Stanley jene Bank, die beim Facebook-Börsengang den Lead innehatte. Ein schlechtes Omen? Jedenfalls weiss die Twitter-Führungscrew, welche Fehler sie auf dem Weg an die Börse nicht wiederholen darf. Als Begleitung wurde diesmal Goldman Sachs engagiert. Die Machtstrukturen sind bei Twitter ausgeglichener als bei Facebook: Dort konzentrierte sich im Vorfeld des Börsengangs alles auf Mark Zuckerberg, der als Gründer zugleich Präsident und CEO der Firma war und ist. Die vier Twitter-Gründer haben sich dagegen aus der operativen Leitung zurückgezogen. Mit Jack Dorsey führt einer von ihnen heute das Präsidium.

Die Börsenstory des Jahres

Die Chancen sind intakt, dass Twitter einige der Fehler von Facebook vermeidet. Entsprechende Signale hat auch das Unternehmen selbst wiederholt gegeben: Man möchte keinen Hype um den Börsengang. Allerdings ist Twitter mit seinen 500 Millionen Usern ein Gigant unter den Social-Media-Netzwerken. Über Tweets und Re-Tweets werden täglich zig Unterhaltungen geführt, es werden Kundenkontakte gepflegt, Promigerüchte verbreitet und Storys recherchiert.

Neben Facebook und Linkedin wird Twitter künftig auch in allen Portfolios wichtiger Dotcom-Firmen vertreten sein. «Die Aufregung über den Twitter-IPO ist gross», sagt ein Analyst zum Portal Investors.com. Die Aussage macht deutlich: Twitter wird für die Profis, aber auch fürs grosse Publikum die Börsenstory des Jahres. Hut ab, wenn es Twitter gelingt, die Dynamik aus Euphorie und anschliessender Enttäuschung zu durchbrechen, die dem Facebook-Börsengang noch Jahre im Nachhinein als Makel anhaften wird.

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