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Wie Nestlé aus der Krise kommen will

Vitamine statt Zuckerbomben: Nestlé-Chef Mark Schneider richtet den Konzern neu aus. Er zielt auf junge, gesundheitsbewusste Konsumenten.

Baut den Konzern um: Nestlé-Chef Mark Schneider.
Baut den Konzern um: Nestlé-Chef Mark Schneider.
Denis Balibouse, Reuters

Der neue Nestlé-Chef Mark Schneider baut den Konzern seit seinem Jobantritt im letzten Jahr rigoros um. Gefruchtet hat das bislang noch nicht: Der Reingewinn ist beim Nahrungsmittelkonzern im letzten Jahr um knapp 16 Prozent eingebrochen. Das Unternehmen schreibt, dies sei in erster Linie auf eine Abschreibung bei Nestlé Skin Health zurückzuführen.

Das organische Wachstum belief sich auf 2,4 Prozent, was mit einer schwachen Umsatzentwicklung Ende des Jahres zu tun habe, sagte Chef Schneider. Im vierten Quartal lag das organische Wachstum sogar nur bei 1,9 Prozent. Besonders die Märkte Nordamerika und Brasilien hinkten hinterher. Mit dem Ergebnis ist Schneider weit weg von dem Wachstumsziel, welches er sich ursprünglich gesteckt hatte: Ein mittleres einstelliges Wachstum wollte er bis 2020 erreichen.

Von Zuckerbomben zu Gesundheitsprodukten

Im Jahr 2018 erwartet Nestlé allerdings ein organisches Wachstum zwischen 2 und 4 Prozent, schreibt das Unternehmen. Dafür sollen neue Zukäufe und ein umgebautes Geschäft sorgen. Im ersten Amtsjahr Schneiders nahmen diese Kosten bereits um 900 Millionen auf 1,5 Milliarden Franken zu. Im laufenden Jahr sind erneut 700 Millionen Franken an Restrukturierungskosten eingeplant.

Schneider will vor allem mit Millennials und dem Gesundheitsgeschäft Kasse machen. Ungesunde Snacks werden abgestossen, gesundheitsunterstützende Produkte zugekauft. Zu dieser Entwicklung gehört etwa der Verkauf des US-Süsswarengeschäfts an den italienischen Konkurrenten Ferrero. Dieser soll Ende des ersten Quartals 2018 abgeschlossen sein.

Vitamine und vegane Lebensmittel

Gleichzeitig kauft Schneider im Gesundheits- und Lifestylegeschäft zu. Dazu gehörte zuletzt die im Dezember angekündigte Übernahme des kanadische Unternehmens Atrium, welches Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel herstellt. Der Schritt unterstütze Nestlés Strategie, gezielt Wachstumsmöglichkeiten in Consumer Healthcare zu suchen, schreibt das Unternehmen.

Ebenfalls kaufte Nestlé im Bereich von vermeintlich gesundem Convenience-Food zu: Zuletzt übernahm der Konzern die Mehrheit an der Firma Terrafertil aus Ecuador, die Snacks wie Nüsse, Beeren oder pflanzliche Drinks verkauft. Weiter gehört der Einstieg bei Freshly zu dieser Entwicklung. Das US-Unternehmen liefert Kunden, die online bestellen, fertig gekochte, gesunde Mahlzeiten nach Hause. Im September folgte der Kauf von Sweet Earth, einem Hersteller von veganen und vegetarischen Lebensmitteln.

Hipster-Kaffee-Brands

Auch die Bereiche Baby- und Tiernahrung, Wasser und Kaffee will Schneider ankurbeln. Der langsam wachsenden Säuglingsnahrungssparte hatte er eine neue Führungsstruktur verpasst. Ausserdem übernahm er 2017 mit Materna Laboratories einen Spezialisten für Kleinkindernährung. Beim Tierfutter kaufte Schneider mit dem Hundefutterhersteller Terra Canis weiter zu.

Im Kaffeegeschäft, in dem Nestlé mit Nespresso bereits ein solides Standbein hat, hat der Konzern im letzten Jahr drei Zukäufe getätigt: Im Januar kam Caravan Marketing, ein ägyptisches Unternehmen, das löslichen Kaffee herstellt, dazu. Im September kaufte Nestlé die kleine hippe kalifornische Kaffeekette Blue Bottle. Diese brüht ihren Kaffee aus selbst gerösteten Bohnen und setzt in eigenen Cafés auf Individualität und Entschleunigung.

Im November folgte die Übernahme von Chameleon Cold Brew. Das texanische Unternehmen ist führender Hersteller von kalt gebrautem Biokaffee – einem weiteren Trend unter jungen Konsumenten. Chameleon Cold Brew bietet sowohl Konzentrate wie auch abgefüllte Getränke zum sofort Konsumieren an.

Weitere Deals in Planung

Viele der Deals würden gerade erst zum Abschluss gebracht, sagte Schneider. Bis sie sich positiv niederschlagen würden, könne es etwas dauern. Auch im laufenden Jahr wolle Nestlé vor allem kleinere und mittelgrosse Firmen kaufen.

Laut Bloomberg hat Nestlé Interesse an Hain Celestial, einem US-Unternehmen, das neben einer Bandbreite an Biolebensmitteln auch Kosmetik herstellt. Weiter hiess es zeitweise, Nestlé solle den Vorstoss im Pharmabereich vorantreiben. Gerüchten zufolge habe Nestlé Interesse an der Sparte mit rezeptfreien Gesundheitsprodukten von Merck und Pfizer gezeigt. Zuletzt hiess es allerdings, Nestlé habe sich aus dem Rennen um die Sparten bei beiden Unternehmen zurückgezogen.

«Erwarten 2018 erste positive Effekte»

Die Reaktionen am Markt blieben nach Bekanntgabe von Nestlés Jahreszahlen verhalten: Die Aktie verlor bis 12 Uhr 2 Prozent. Experten bemängelten, dass die Wachstumsverlangsamung bei Nestlé dem Trend in der Branche entgegenstehe. Auch mit dem Ausblick für 2018 kann der Konzern nicht punkten: Am Markt hatte man auf eine deutlich optimistischere Prognose gehofft.

Die Bank Vontobel hält in einem Kommentar fest, das Geschäftsjahr 2017 sei für Nestlé Übergangsjahr gewesen – und zwar ein hartes. «Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass sich Nestlé auf die richtigen Problemfelder konzentriert und erwarten hier 2018 die ersten positiven Effekte. Auch die Zielvorgaben für 2020 erscheinen uns realistisch.»

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