Wer nie krank ist, bekommt einen Bonus

Daimler belohnt Angestellte, die nie fehlen, mit Geld. Solche Systeme gibt es auch in der Schweiz. Ob das sinnvoll ist?

Unter Umständen teurer, als ganz zu Hause zu bleiben: Kranke Angestellte, die ihre Kollegen anstecken.

Unter Umständen teurer, als ganz zu Hause zu bleiben: Kranke Angestellte, die ihre Kollegen anstecken.

(Bild: istock)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Es ist Grippezeit. Übersteht man sie, ohne sich anzustecken, hat man Glück gehabt. Insbesondere, wenn man im Grossraumbüro arbeitet – dort verbreiten sich Grippeviren besonders gern. Deshalb raten Experten schon lange: Wer krank ist, soll zu Hause bleiben, auch den Arbeitskollegen zuliebe.

Der deutsche Autokonzern Daimler scheint von solchen Ratschlägen nicht viel zu halten. Er führt im Januar ein neues Bonusprogramm ein, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtet. Das Prinzip ist einfach: Wer niemals fehlt, wird belohnt. Und zwar mit bis zu 200 Euro Bonus pro Jahr, beziehungsweise 50 Euro pro Quartal ohne Absenz. Bei einer Absenz gibt es 30 Euro pro Quartal, danach nichts mehr. Die Personalvertreter haben dem Programm zugestimmt, im Januar soll es starten.

Die Regelung soll laut dem Bericht dort einen Anreiz setzen, wo Angestellte das Krankmelden «zu ihren Gunsten ausgenutzt haben». Daimler hat das System zwei Jahre lang an drei Standorten getestet. Ob und welchen Einfluss es auf die Absenzen hatte, ist allerdings nicht bekannt.

«Boni sollten von der Leistung abhängen»

Auch in der Schweiz gebe es Dutzende Firmen, die ihre Angestellten fürs Nicht-Kranksein belohnen, sagt Jörg Buckmann, HR-Experte und ehemaliger VBZ-Personalchef. Eine davon ist der Energieversorger IBAarau. Er zahlt seinen Angestellten im ersten absenzenfreien Jahr 300, im zweiten 400, im dritten 500 Franken Bonus. In den ersten anderthalb Jahren seien die Absenzen so um 32 Prozent gesunken, berichtete der «Blick». Buckmann kann der Idee trotzdem nichts abgewinnen, und zwar aus drei Gründen:

  • «Das System bestraft in erster Linie Menschen, die das Pech haben, krank zu sein», sagt Buckmann. Es entspreche ausserdem nicht seinem Menschenbild: «Ich gehe davon aus, dass die allermeisten, die sich abmelden, wirklich krank sind.»
  • Das System führe zu unkollegialem Verhalten. «Stellen Sie sich vor, Sie werden in diesen Tagen zum ersten Mal krank. Der Anreiz ist gross, sich mit Medikamenten bis zum Jahresende durchzuschleppen, um den Bonus nicht zu verlieren.» Bei Büroangestellten, die auf engem Raum zusammenarbeiten, sei das «im Minimum unkollegial». Bei Angestellten, die Verantwortung für andere übernehmen – Lastwagen- oder Postautochauffeure zum Beispiel – sei es sogar hochgefährlich.
  • Boni sollten laut Buckmann von der Leistung eines Angestellten abhängen, und nicht von anderen Faktoren. «Er muss sie selber mit seinem Verhalten steuern können, damit sie etwas bringen.»

Krank ins Büro gehen ist auch teuer

Dass Konzerne sich überhaupt solche Strategien ausdenken, um Absenzen zu reduzieren, hat mit einem simplen Umstand zu tun: Krankheitstage kosten viel Geld. Geht man davon aus, dass ein durchschnittlicher ausgefallener Arbeitstag etwa 500 Franken kostet, kommt schnell ein grosser Fehlbetrag zusammen. Ins sogenannte Präsenzmanagement zu investieren, sei deshalb sinnvoll, sagt Buckmann. Doch es gebe bessere Massnahmen als Boni. «Die Führungskräfte könnten angehalten werden, ihre Angestellten nach einer gewissen Anzahl Krankheitstagen anzurufen und mit ihnen Rückkehrgespräche zu führen.» So würden Absenzen auf produktive Art und Weise thematisiert. Und tieferliegende Probleme könnten schneller erkannt werden.

Ausserdem würde der Präsentismus verhindert: die Tendenz, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen. Auch das kostet die Unternehmen nämlich viel Geld, wie die Uni St. Gallen in einem Kurzbericht zeigt. Erstens ist die Leistungsfähigkeit von kranken Angestellten eingeschränkt. Zweitens erhöht sich das Risiko, dass Krankheiten verschleppt oder chronisch werden. Drittens machen unfitte Angestellte mehr Fehler, was unter Umständen noch mehr Kosten produziert. Und viertens besteht die Gefahr, dass die gesamte Produktivität sinkt, weil Arbeitskollegen sich gegenseitig anstecken. Studien haben ausserdem gezeigt, dass Präsentismus indirekt sogar grössere Kosten produziert als unberechtigte Absenzen. Ob Daimler mit seinem neuen Bonus am Ende tatsächlich Geld spart, ist also unklar.

baz.ch/Newsnet

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