Was ist uns ein Lebensjahr wert?

Die neuen Gentherapie-Formen zeigen die Grenzen der hergebrachten Vergütungssysteme auf.

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Holger Alich@Holger_Alich

Die Aussicht klingt zunächst ­vielversprechend: Patienten benötigen nur noch eine Injektion und sind danach von ­gefährlichen Krankheiten wie der Bluterkrankheit geheilt. Roche und Novartis folgen dem ­Fortschritt und investieren Milliarden in Zukäufe von Unternehmen, welche diese neuen Gentherapien entwickeln.

Die Begeisterung für den Fortschritt kippt aber in Entsetzen um, wenn die Pharmaindustrie das Preisschild für ihre Innovationen enthüllt. So soll die Therapie Luxturna gegen das Erblinden, welche Roches Zukaufsziel Spark entwickelt hat, 850'000 Dollar kosten.

Aus Sicht der Branche sind solche Preisforderungen rational: Denn pro Patient können sie das Mittel nur einmal verkaufen. Es ist naiv, von der Industrie Mässigung zu verlangen. Sie steht im internationalen Wettbewerb – haben Roche und Novartis keinen Erfolg, drohen sie von einem Konkurrenten geschluckt zu werden. Die Preisbremse muss vom Regulierer kommen.

Es ist naiv, von der Industrie Mässigung zu verlangen. Die Preisbremse muss vom Regulierer kommen.

Die Gentherapien stellen dabei Regulierer und die Branche gleichermassen vor Herausforderungen. Die Geschäfts- und Vergütungsmodelle müssen neu gedacht werden. Das ist den Pharmachefs auch bewusst. So schlägt Roche-Chef Severin Schwan vor, dass die Gesundheitssysteme die neuen Therapien in Raten zahlen sollen. Und grundsätzlich die ­Branche nur dann Geld sieht, wenn die Behandlung anschlägt.

Klingt in der Theorie einfach, ist es in der Praxis aber nicht. Laut dem zuständigen Bundesamt für Gesundheit sind zum Beispiel Ratenzahlungen rechtlich nicht möglich. Und um den Therapieerfolg zu messen, fehlt dem Amt schlichtweg der Zugang zu den Patientendaten.

Es ist Zeit, dass die Vergütungs­systeme mit dem Innovationstempo der Branche Schritt halten. Damit ist nicht gemeint, dass die Branche sich mit ihren Preisforderungen durch­setzen soll. Wie viel uns ein zusätzliches Lebensjahr bei hoher Qualität wert ist, diese Frage sollen auch nicht Beamte entscheiden müssen. Solche Fragen gehören ins Parlament.

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