Warum Staatskonzerne auf der Trendwelle surfen

Selbstfahrende Busse, Drohnen und Roboter: Viele staatsnahe Betriebe wollen beim Hype um neue Technologien vorn mit dabei sein. Warum eigentlich?

«Ein sehr grosser Wachstumsmarkt»: Die Post startet ihr Drohnenprojekt in Lugano. (31. März 2017)

«Ein sehr grosser Wachstumsmarkt»: Die Post startet ihr Drohnenprojekt in Lugano. (31. März 2017)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Man könnte meinen, es handle sich um ein neues iPhone, das am Donnerstag in Zürich präsentiert wurde. Von einer «Weltpremiere» ist die Rede, einem «weltweit einmaligen Pilotprojekt». Der amerikanische Drohnenanbieter Matternet, der Autohersteller Mercedes-Benz Vans und die Onlineplattform Siroop haben eingeladen, um ein neues Experiment vorzustellen.

Es gehe um ein Konzept für den urbanen Raum, das durch die intelligente Kombination von Drohne und Auto Kunden und Händler noch schneller verbinde, schreiben die Firmen in einer Medienmitteilung. Konkret testen sie die Lieferung von Paketen per Drohne an Mercedes-Transporter, welche die Ladung dann bis zum Kunden bringen. Davon könnten zum Beispiel Handwerker profitieren, die sich Ersatzteile auf eine Baustelle liefern lassen.

Video: So funktioniert das Liefersystem «Vans and Drones»

Video: The Wheel Network / Youtube

Der Onlinemarktplatz Siroop wurde von Coop und der halbstaatlichen Swisscom gemeinsam aufgebaut. Auch die staatliche Post testet derzeit den Einsatz von Drohnen, für den Transport von Laborproben im Tessin. In Zürich lässt sie während fünf Wochen Pakete von Robotern ausliefern. Und die Bundesbahnen SBB experimentieren in Zug mit selbstfahrenden Bussen. Warum sind es gerade staatsnahe Betriebe, die bei neuen Technologien ganz vorne mitmischen? Und bringen Projekte wie das von Siroop und Mercedes-Benz überhaupt etwas, wenn am Ende doch noch Lieferwagen zum Einsatz kommen?

Ein Vorteil im Kampf um Fachkräfte

Dass neben privaten auch staatsnahe Betriebe beim Experimentieren vorwärtsmachen, sei kein Zufall, sagt Roland Büchi, Leiter der Abteilung für Informatik, Elektrotechnik und Mechatronik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Die Branche ist ein sehr grosser Wachstumsmarkt. Somit werden entsprechende Budgets dafür verfügbar gemacht.» Das Engagement der staatsnahen Betriebe komme später auch der Wirtschaft zugute. In der Solarindustrie etwa seien es ebenfalls zuerst staatliche Förderprogramme gewesen, welche der Wirtschaft den entsprechenden Aufschwung ermöglichten. Im Vergleich dazu würden die Drohnen allerdings nicht staatlich gefördert, sondern eroberten den Markt aus eigener Kraft.

Mit einer logistischen Kette wie der von Siroop und Mercedes-Benz «würde die Lieferzeit mit einem entsprechenden Netz von Landeplätzen gegenüber heute sicher verkürzt», sagt Büchi.

«Eine Landung gleich beim Kunden selbst wäre aus Sicherheitsgründen aus heutiger Sicht nicht zweckmässig.»Roland Büchi

Büchi glaubt, dass die Idee «grundsätzlich machbar» ist – «wenngleich es dabei sicher auch um das Image geht».

Den Image-Faktor betont auch Georg von Krogh, Professor für Strategisches Management und Innovation an der ETH Zürich. «Natürlich liegt es im Interesse der Betriebe, sich möglichst modern zu präsentieren», sagt von Krogh. Vor allem im harten Ringen um Fachkräfte sei das ein Vorteil. «Auf dem Forschungsplatz Zürich herrscht ein grosser Wettkampf um die besten Talente. Das bekommen wir bei der ETH auch stark zu spüren.» Wer als besonders innovativ wahrgenommen werde, gelte als attraktiver Arbeitgeber.

Die Ersten bezahlen auch am meisten

In erster Linie gehe es den Firmen aber darum zu lernen, sagt von Krogh. «Jedes Experiment liefert Wissen und Daten. Im Fall der selbstfahrenden Busse etwa darüber, wo ihr Einsatz besonders sinnvoll ist und wo er sich eher nicht lohnt.» Ausserdem lernten die Betreiber viel über die Lieferanten der nötigen Technologie. Die SBB zum Beispiel teilten vor zwei Wochen mit, dass sie das Fahrzeug für ihr Experiment auswechseln. Eigentlich hätten Busse des US-amerikanischen Herstellers Local Motors zum Einsatz kommen sollen. Doch sie genügten den Anforderungen nicht. Die neuen Busse kommen vom französischen Hersteller Easy Mile.

Stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, Geld in Technologien zu investieren, die noch ganz am Anfang stehen. Oder ob es nicht besser wäre, abzuwarten, bis der Markt weiter entwickelt ist. «‹First mover› tragen immer höhere Kosten bei der Marktentwicklung. Sie bauen ihn ja für ihre Konkurrenten mit auf», sagt von Krogh. Umso wichtiger sei es, dass die Vorreiter die Lerneffekte sofort wieder in die Projekte einfliessen lassen. Und die Arbeit anderer Anbieter mitverfolgten. Im Transportsektor zum Beispiel machten die Skandinavier im Moment auch gute Fortschritte. In der norwegischen Hauptstadt Oslo etwa soll ab März 2018 eine Flotte von 10 bis 20 selbstfahrenden Bussen im Einsatz stehen. Einwohner können sie per App bestellen.

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