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Verschleierte Opfer

Chinas Baustellen sind wegen drastischer Sicherheitsmängel riskante Arbeitsplätze. Dennoch ist die offizielle Zahl fataler Unfälle verschwindend gering, weil tote und verletzte Arbeiter häufig verschwiegen werden.

Drastische Sicherheitmängel führen auf Chinas Baustellen zu zahllosen Unfällen.Foto: Elizabeth Dalziel (AP Photo)
Drastische Sicherheitmängel führen auf Chinas Baustellen zu zahllosen Unfällen.Foto: Elizabeth Dalziel (AP Photo)

Die Statistik des Bauministeriums erstaunt auf den ersten Blick: lediglich 653 Tote bei 505 schweren Unfällen auf chinesischen Baustellen im letzten Jahr. Das waren noch einmal 29 Tote weniger als 2012. Zwar ist jedes Einzelschicksal für sich genommen eine Tragödie. Doch nüchtern betrachtet ist die Zahl der ­Opfer bei einer Einwohnerzahl von fast 1,4 Milliarden Menschen und angesichts des anhaltenden Baumbooms in China erfreulich gering. Zum Vergleich: Auf Chinas Strassen sterben bei Verkehrs­unfällen 300 Menschen – jeden Tag.

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Experten schätzen, dass die Zahl der tatsächlichen Opfer in der Bauindustrie pro Jahr in die Zehntausende gehen könnte. China ist so etwas wie die grösste Baustelle der Welt. Es wird ­gebaggert und gemauert in jeder Ecke der Volksrepublik. Die Urbanisierung schreit nach Wohnraum, die Industrie nach Fabriken. Der Bausektor und seine anhängenden Branchen tragen bis zu 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts zusammen, rund vier Billionen Dollar. Tagtäglich sterben Menschen: Arbeiter fallen von Gerüsten, Kräne stürzen um, Stromleitungen liegen brach, Menschen treten in Gruben ohne Warnhinweis, oder Dämmmaterial gerät in Brand. ­Ausländische Ingenieure und Bauleiter schlagen beim Anblick der eklatanten ­Sicherheitsmängel oft die Hände über dem Kopf zusammen.

Hohe Zahl illegaler Arbeiter

Die offizielle Todesrate ist das Resultat von Verschleierung. Verantwortliche Firmen wollen Strafen und Ärger mit den Behörden vermeiden, wenn auf ­einer ihrer Baustellen tödliche Unfälle passieren. «Die Unternehmen versuchen die Fälle unter dem Tisch zu regeln. Sonst drohen ihnen Baustopps und empfindliche Geldstrafen», sagt Liu ­Xiaohong vom Entwicklungszentrum für den Umgang mit Wanderarbeitern, einer Nichtregierungsorganisation in ­Peking. Die Praxis ist weit verbreitet, weil viele Arbeiter ­illegal beschäftigt werden. Liu schätzt, dass 80 Prozent keine gültigen Arbeitsverträge besitzen. Baufirmen, die erwischt werden, müssen zahlen. Deshalb werden Unfälle ­entweder gleich verschwiegen oder an einen Ort ausserhalb der Baustelle ­verlegt. Dann sind die ­Firmen nicht mehr haftbar.

Die staatliche Volkszeitung berichtete kürzlich von einem Fall in Hainan, wo zwei Arbeiter ein halbes Jahr als vermisst galten. Erst der Hinweis eines verärgerten Vertragspartners des Unternehmens an die Polizei brachte die ­Todesfälle ans Licht. Die Männer waren aus grosser Höhe vom Gerüst gefallen. In den Provinzen Shanxi und Henan ­hatten Firmen mit Entschädigungszahlungen an die Angehörigen gestorbener Arbeiter versucht, ihre Unzulänglichkeiten zu verdecken.

Enormer Zeitdruck

Die Regierung macht den Baufirmen ­zunehmend strenge Auflagen. Doch mangelndes Wissen über die nötigen ­Sicherheitsprozedere oder die fehlende Autorität von Fachleuten auf den Baustellen vermischen sich mit Korruption und schwachen Kontrollmechanismen zu einem hoch riskanten Berufszweig. Der Zeitdruck gibt den Takt vor, in dem die Vernunft auf der Strecke bleibt. Mit der Versteigerung von Grundstücken hat die Regierung immerhin ein probates Mittel an der Hand, um das Tempo etwas zu drosseln. Nur zweimal im Jahr kann Land bei den Auktionen durch ­örtliche Behörden von Immobilienentwicklern oder Investoren aus der Wirtschaft erstanden werden. Jeder muss durch diesen Prozess, selbst wenn er der einzige Interessent und sich schon mit Behörden einig ist. Der Auktions­rhythmus soll Luft schaffen zwischen dem Beginn von neuen Projekten. Doch auch hier schlägt chinesischer Pragmatismus der Bürokratie ein Schnippchen.

«Chinesen sind Meister darin, Regeln zu umschiffen. Das gilt ganz besonders für die Bauindustrie», sagt der deutsche ­Ingenieur Martin Kelm, Co-Gründer von BMP Construction Consulting in Shanghai, einem Beratungsunternehmen für ­industrielle oder kommerzielle Bauvorhaben, das in der Vergangenheit schon für BMW, Volkswagen oder Bosch ­gearbeitet hat. 80 Prozent aller Projekte, die BMP begleitet, beginnen ohne die ­eigentlich nötige gesetzliche Genehmigung.

Alle Vertragspartner, inklusive der ­lokalen Behörden, einigen sich dabei mithilfe des sogenannten grünen ­Kanals auf einen vorzeitigen Baubeginn. Sieben relevante Ämter wie das Umweltbüro, das Planungsbüro oder das Amt für Feuerschutz erteilen den Investoren mit ihren Stempeln das Einverständnis für den frühzeitigen Startschuss. Genau genommen ist das illegal. Weil staatliche Institutionen jedoch massgeblich be­teiligt sind, die eigenen staatlichen ­Vorgaben auszuhebeln, sprechen alle Beteiligten lieber von einer Grauzone des Gesetzes, von der Zentrale in Peking toleriert und damit salonfähig.

Grosse Risiken

Der grüne Kanal überbrückt die Wartezeiten, die durch die enormen bürokratischen Hürden entstehen. Manche ­Investoren müssen bis zu einem Jahr warten, wenn sie auf die Abkürzung ­verzichten. Durch den wackligen juris­tischen Status müssen die Unternehmen schlimmstenfalls jedoch die Konsequenzen tragen, wenn es zu schweren Unfällen kommt. Die Haftungsfrage ist nicht geklärt, es drohen Geldstrafen und langwierige Untersuchungen durch Ermittlungsbehörden. Das kostet Zeit, die eigentlich gespart werden sollte. «Der grüne Kanal hat sein Risiko. Wenn etwas schiefgeht beim Bau, kann es ernste Schwierigkeiten geben. Trotzdem ist die Praxis allgemein üblich», sagt Kelm.

Viele Firmen wagen sich im Zeitraum bis zur endgültigen Erteilung der Baugenehmigung deshalb nur stückweise an das Projekt heran: Design, Bepfahlung, Aufschüttungen. Firmen, die jedoch mit geringen Gewinnmargen kalkulieren und in erster Linie durch ihre Geschwindigkeit profitabel werden, nehmen gerne grosse Risiken in Kauf. Schwerwiegende Unfälle sind dann wahrscheinlicher – und ebenso der Versuch der nachträglichen Verschleierung.

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