Ü-50er, Sie müssen den Bergtourismus retten

Weinkeller, Golfplatz, Bibliothek: In der Schweiz gibt es neuerdings eine Plattform für Hotels, die sich an Über-50-Jährige richten.

«Hohe Lebenserwartung, grosse finanzielle Möglichkeiten, genussorientiert»: Ältere Damen machen Sport im Pool.

«Hohe Lebenserwartung, grosse finanzielle Möglichkeiten, genussorientiert»: Ältere Damen machen Sport im Pool.

(Bild: Getty Images)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Ü-20-Partys im Club, Ü-30-Datingseiten im Internet und jetzt Ü-50-Hotels in den Schweizer Bergen: Die Ü-Bewegung ist um ein Angebot reicher. Die Kooperation 50plus Hotels stürzt sich auf Schweizer Touristen gehobenen Alters. In Österreich, Ungarn, Italien, Tschechien und Deutschland betreibt sie aktuell 24 Hotels. Nun will sie ihr Angebot auf dem Schweizer Markt ausbauen. Bereits fünf Betriebe in Graubünden und im Wallis hätten sich der Marke angeschlossen, schreibt die Tourismuszeitschrift «Hotel Revue».

«Wir sind dabei, Hotels auszusuchen und anzusprechen, die zu unserem Konzept passen», bestätigt Roland Huber. Bis vor kurzem war er Kurdirektor der Bündner Bergregion Surselva. Dann wurde er pensioniert, aber ganz zur Ruhe setzen will sich der Marketing- und Tourismusexperte nicht. Zusammen mit dem österreichischen Unternehmer Hermann Paschinger betreibt er das 50plus-Hotelkonzept. Es funktioniert wie ein Gütesiegel: Wer ins Programm aufgenommen wird, kann sein Hotelangebot auf einer entsprechenden Website bewerben und wird bei der Vermarktung unterstützt.

Die Hotels auf der Plattform unterscheiden sich zwar nicht grundlegend von anderen Häusern. Aber sie können Angebote vorweisen, die für ältere Touristen besonders attraktiv sind. Eine gut ausgestattete Bibliothek zum Beispiel, einen exklusiven Weinkeller, einen Golfplatz oder einen Wellness-Bereich. Auch die Zimmerqualität muss stimmen.

Gutzahlend und genussorientiert

«Die Generation, die wir ansprechen, ist gutzahlend, verlangt aber auch hohe Qualität», sagt Huber. «Ihre Lebenserwartung ist hoch, die finanziellen Möglichkeiten gross, gleichzeitig ist sie sehr genussorientiert.» Gerade der Bergtourismus, der wegen des starken Frankens und der ausländischen Konkurrenz stark unter Druck geraten ist, könne von diesem Nischentourismus profitieren, glaubt Huber.

Die Idee zum Konzept habe er schon vor 18 Jahren gehabt. «Doch die Zeit war damals noch nicht reif. Wir haben nicht genug Hotels gefunden, die unsere Kriterien erfüllten.» In den letzten Jahren versuchten zudem mehrere Touristiker, das 50plus-Konzept in die Schweiz zu bringen. Der erhoffte Erfolg blieb jeweils aus.

Trotzdem wagt Huber nun einen neuen Versuch. Denn mittlerweile habe der Tourismussektor gemerkt, dass sich mit dieser Zielgruppe Marktanteile gewinnen liessen, glaubt er. Studien zeigten, dass 79 Prozent der 50- bis 69-jährigen Deutschen 2015 mindestens eine Reise unternahmen, die fünf oder mehr Tage dauerte. Das zweitbeliebteste Reiseziel sei das eigene Land. «Das dürfte auch für die Schweiz gelten», sagt Huber. In den nächsten zwölf Monaten will er hierzulande zusätzlich zu den bestehenden Hotels zehn bis zwölf weitere für das 50plus-Konzept gewinnen.

Der Tourismusexperte ist kritisch

Skeptischer ist Roland Lymann, Dozent für Tourismus an der Hochschule Luzern HSLU. «Grundsätzlich glauben wir in der Tourismusbranche nicht an eine Abgrenzung von Zielgruppen aufgrund des Alters», sagt Lymann. Eine solche Segmentierung mache vor allem dann Sinn, wenn die angepeilten Gäste andere Bedürfnisse hätten als die restlichen Zielgruppen. «Das ist bei den Über-50-Jährigen aber nicht automatisch der Fall.» Es sei deshalb sinnvoller, Zielgruppen nach Interessen zu segmentieren, glaubt Lymann. Und zum Beispiel Angebote für Biker, Wanderer oder Wellness-Fans zu entwerfen. Natürlich sei das finanzielle Potenzial bei den Ü-50ern gross. «Dasselbe gilt jedoch auch für die Ü-30er, die noch keine Kinder haben.»

Aus der Praxis wisse er, dass die Bedürfnisse sich mit dem Alter durchaus verändern, sagt Roland Huber dazu. Ausserdem schliesse die Fokussierung auf die Altersgruppe bedürfnisgerechte Angebote nicht aus.

baz.ch/Newsnet

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