Tinder für Plunder

Eine neue App bringt Menschen zusammen, die Dinge tauschen wollen. Das ist auch eine Reise in die tiefste Vergangenheit.

Bei Swapper funkt es nicht zwischen Menschen, sondern zwischen Gegenständen. (Bild: PD)

Bei Swapper funkt es nicht zwischen Menschen, sondern zwischen Gegenständen. (Bild: PD)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Es gab eine Zeit, da war das Einkaufen um einiges komplizierter als heute. Wer zum Beispiel ein Schaf erwerben wollte, musste nicht nur jemanden finden, der eines im Angebot hatte. Er musste im Gegenzug auch etwas anbieten, das der Verkäufer brauchte. Hatte er das nicht, scheiterte das Geschäft und die Suche ging weiter. Eine mühsame und langwierige Angelegenheit.

Dann wurde das Geld erfunden, und das Problem war gelöst. Güter wurden jetzt nicht mehr gegen andere Güter eingetauscht, sondern gegen ein Zahlungsmittel, das weiterverwendet werden konnte. Einkaufen ohne Geld: für die heutige Gesellschaft unvorstellbar. Und doch will ein neuer Dienst genau das ermöglichen.

Bilder von Dingen statt Menschen

Die Gründer der App Swapper haben sich vom Datingdienst Tinder inspirieren lassen. Tinder funktioniert nach dem Matching-Prinzip: Die Nutzer sehen Bilder anderer Nutzer, wischen nach rechts, wenn sie ihnen gefallen, nach links, wenn nicht. Wischen beide nach rechts, ist es ein Match – und im besten Fall der Anfang einer Beziehung.

Bei Swapper zeigen die Nutzer nicht Bilder von sich selber, sondern von Dingen, die sie loswerden möchten: Fotoapparate, Kaffeemaschinen, Toaster, Zimmerpflanzen... Ausserdem geben sie an, welche Dinge sie selbst interessieren. Der Algorithmus der App sucht dann nach passenden Tauschgegenständen. Ein Match entsteht, wenn zwei Nutzer am Gegenstand des jeweils anderen interessiert sind.

Swapper will auf der Erfolgswelle der Sharing Economy mitreiten. Tauschen, mieten oder ausleihen, was man nicht braucht, und dafür bezahlen oder eine andere Gegenleistung erhalten: Nach diesem Prinzip funktionieren längst nicht mehr nur grosse Dienste wie die Wohnplattform Airbnb oder die Taxi-App Uber. Mittlerweile lassen sich online alle erdenklichen Dinge tauschen, zum Beispiel Kinderkleider, Bücher oder Spielzeug.

600 Nutzer wurden schon fündig

Gegründet haben Swapper die deutschen Jungunternehmer Joel Monaco (19) und Julius Kaden (22). Die beiden Studenten wollten einen Dienst entwickeln, mit dem Menschen Sachen loswerden können, die sie nicht mehr brauchen. Aber nicht gegen Bezahlung, sondern im Tausch. «Einerseits bekommt man meistens weniger Geld für einen gebrauchten Gegenstand, als er einem wert wäre», sagt Joel Monaco. «Andererseits wollten wir mithelfen, den Konsum einzuschränken und die Nachhaltigkeit zu fördern.»

Ihr Portal sehen sie als Konkurrenz zu anderen Onlinediensten wie Ebay. «Im Gegensatz dazu müssen unsere Nutzer aber nicht nach passenden Dingen suchen, sondern wir machen ihnen Vorschläge», sagt Monaco. Die Hauptzielgruppe seien Schüler, Studenten und Auszubildende, die finanziell noch nicht unabhängig seien, sich aber trotzdem neue Produkte wünschten. Statt auf dem Flohmarkt sollen sie diese im Internet finden.

Letzten September gründeten Monaco und Kaden die Swapper GmbH, unterstützt werden sie von zwei Investoren. Seit November kann die App in Deutschland heruntergeladen werden, ab April soll sie auch in der Schweiz und in Österreich verfügbar sein. 6000 Nutzer haben die App laut Monaco bereits installiert. Geld verdienen wollen die beiden Gründer mit Premiumfunktionen – etwa einem Supermatch, mit dem man Produkte markieren kann, die einem besonders gefallen – und mit Werbung. Es hätten sich zwar schon andere Interessenten gemeldet, die investieren wollten, sagt Monaco. «Aber wir wollen erst wachsen, bevor wir weitere Beteiligungen verkaufen.» Um schwarze Zahlen zu schreiben, brauche Swapper mindestens 100’000 Nutzer. «Wir rechnen damit, dass es im Sommer so weit ist.»

Es sei auf jeden Fall unabdingbar, «dass die Plattform riesig ist», sagt Urs Fischbacher, Vorsteher des Thurgauer Wirtschaftsinstituts TWI. Er stehe der Idee eher skeptisch gegenüber. «Der Tausch gegen Geld bietet viel mehr Möglichkeiten, da nur ein einseitiger Match stattfinden muss.» Konkret: «Es ist leichter, eine Person zu finden, die meine Kamera cool findet, als eine Person zu finden, die meine Kamera cool findet und zusätzlich noch die Kaffeemaschine hat, das ich cool finde.» Unmöglich ist es aber offenbar nicht: Laut Monaco hat es schon «mindestens 600 Matches» gegeben.

baz.ch/Newsnet

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