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Stromkonzerne verärgern die Wirtschaft

Die angekündigten Aufschläge der Strompreise schrecken nicht nur Privathaushalte auf, sondern auch die Wirtschaft. Grossverbraucher fürchten um ihre Konkurrenzfähigkeit.

Das Beispiel des Chemie- und Biotechunternehmens Lonza führt die Folgen der höheren Stromkosten drastisch vor Augen. Das Werk in Visp beansprucht pro Jahr rund 450 Gigawattstunden Strom. Das ist knapp 1 Prozent des schweizerischen Stromverbrauchs. Jede Strompreiserhöhung verursacht deshalb massive Mehrkosten. Verteuert sich die Kilowattstunde um einen einzigen Rappen, kostet das die Lonza 4,5 Millionen Franken im Jahr.

Zwar hat die Lonza bis Ende 2009 keine Preiserhöhung zu befürchten, da erst dann ein langfristiger Vertrag mit dem Stromlieferanten Enalpin ausläuft. Lange dauert die Schonfrist aber nicht mehr. «Wir erwarten Mehrkosten zwischen 20 und 30 Millionen Franken», sagt Sprecher Dominik Werner. Eine Projektgruppe sei bereits daran, die Folgen dieser Mehrbelastung im Detail zu studieren.

Das lässt aufhorchen. Erst vor kurzem hat Konzernchef Stefan Borgas noch laut darüber nachgedacht, andere Standorte seien in Erwägung zu ziehen. Man strebe zwar keine Verlagerung der Produktion an, sagt Dominik Werner. Finde man aber keine Lösung für das Problem, dann könne das schon Arbeitsplätze gefährden. «Wenn die Liberalisierung zu Mehrkosten führt, ist das für die Lonza ein Problem. Vor allem wenn in Asien die Stromkosten um 30 Prozent billiger sind.»

Die SBB produzieren eigenen Strom

Auch bei andern energieintensiven Unternehmen beobachtet man die Entwicklung mit Sorge. Etwa bei Holcim, die in der Schweiz drei Zement-, 39 Beton- und 22 Kieswerke betreibt. Zwar will sich die Holcim nicht in die Zahlen blicken lassen. Sprecherin Anja Simka sagt aber: «Die höheren Strompreise werden sich massiv auf unsere Produktionskosten auswirken.»

Und da sind die Schweizerischen Bundesbahnen. Allein der Zugverkehr verbraucht rund viermal so viel Strom wie der Grossverbraucher Lonza. 2007 waren es 1818 Gigawattstunden. «Die Energiekosten steigen auch bei uns», sagt Sprecher Roland Binz. Doch die SBB können diese Preissteigerung dank ihrer grossen Unabhängigkeit teilweise abfedern. 70 Prozent ihres Strombedarfs decken sie aus eigenen Wasserkraftwerken und Beteiligungen an andern Kraftwerken.

Die wenigsten Unternehmen produzieren aber eigenen Strom. Entsprechend irritiert reagieren Wirtschaftsvertreter. «Es geht in die falsche Richtung», sagt Unternehmer und Nationalrat Johann Schneider-Ammann. Die Strompreiserhöhung gehe in die Produktionskosten. Das sei schlecht für die Schweiz als Exportland.

Nicht alle schlucken höhere Preise

Swissmem-Direktor Peter Dietrich, der die Interessen der Maschinen-, Elektro- und Metallbranche vertritt, meint: «Wenn die Strompreise in der angekündigten Grössenordnung kommen, ist das für uns schmerzvoll.» Er schiebt aber nach: «Die Firmen werden sich zum Teil dagegen wehren.» Einzelne Verbandsmitglieder hätten bereits um Unterstützung gebeten.

Offensichtlich wurden viele Unternehmer von den Preisankündigungen der Stromwirtschaft auf dem falschen Fuss erwischt. Er hätte zwar so etwas befürchtet, sagt Johann Schneider-Ammann. Vom Ausmass sei er aber überrascht.

Wenig erstaunt zeigt sich dagegen Urs Näf vom Wirtschaftsdachverband Ec0nomiesuisse. Im Verbandsbulletin sagte Näf bereits 2006 die jetzige Entwicklung voraus: Die beschlossene Regulierung biete «keine Anreize zur Effizienzverbesserung, sondern belohnt jene Stromunternehmen, die in der Lage sind, mit grossem buchhalterischem Aufwand hohe Kosten auszuweisen». Schneider-Ammann fragt sich denn auch, «ob die Preiserhöhung in diesem Ausmass sein muss».

Für den Langenthaler Unternehmer und Swissmem-Präsident ist klar: «Der freie Markt spielt offensichtlich noch nicht.» Kurz bevor der Markt liberalisiert werde, passiere das Gegenteil dessen, was man gewollt habe: «Statt dass die Preise fallen, steigen sie.» Er ortet einen Anbietermarkt, in dem die Stromlieferanten die Preise bestimmen. Die Nachfrage sei grösser als das Angebot - verursacht durch eine limitierte Durchlaufkapazität des Stroms.

Nach Näf liegt das Problem im neuen Stromversorgungsgesetz. Das lasse sich nicht sofort durch ein anderes Gesetz ersetzen. Deshalb müsse man jetzt die Überprüfung der Preiserhöhungen durch die Elektrizitätskommission (Elcom) abwarten. Bei dieser sind bereits über 100 Klagen eingetroffen.

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