«Ich musste einsehen, dass es so nicht weitergehen kann»

Sacha Wigdorovits zieht sich als Verleger der Gratiszeitung «.ch» zurück. Im Interview spricht er über die Hintergründe seines Abgangs.

Herr Wigdorovits, Ihre Karriere als Verleger endet nach nur einem Jahr. Wie sehr schmerzt Sie das? Natürlich fällt mir dieser Schritt nicht leicht. Die Arbeit für «.ch» war aber so zeitintensiv, dass ich mich nicht mehr in genügendem Masse den Kunden meiner Agentur widmen konnte. Dem Verlag bleibe ich aber verbunden: Ich bin weiterhin Aktionär der Medien Punkt AG.

Geschieht Ihr Abgang aus dem operativen Geschäft aus freien Stücken? Ja. Ich besass einen langfristigen Arbeitsvertrag, musste aber einsehen, dass es so nicht weitergehen kann. Im Verlag bin ich ersetzbar, in der Agentur nicht.

Haben die Investoren aufgrund der Erfolglosigkeit von «.ch» auf Ihren Rückzug gedrängt? Alle Investoren sind erfahren genug, um zu wissen, dass sich die Dinge bei einem Startup-Projekt manchmal anders entwickeln, als man es sich vorgestellt hat. Und auch innerhalb des Verwaltungsrates gab es nie ein Schwarz-Peter-Spiel. Wir alle waren überzeugt von der Idee einer offenen Hauszustellung, entsprechend tragen wir auch die Konsequenzen gemeinsam, nachdem sich dieses Modell nicht im vorgesehenen Masse hat realisieren lassen.

Sie haben mit unermüdlichem Einsatz für Ihre Zeitung und gegen die grossen Verlage gekämpft. Trotzdem hat Ihr Blatt nur wenige Leser gefunden. Ist Ihr Rückzug als Eingeständnis zu verstehen, dass sie mit Ihrer Idee gescheitert sind? Die Hauptursache für die tiefen Leserzahlen ist das ursprüngliche Verteilkonzept der offenen Hauszustellung, die, wie gesagt, gescheitert ist. Deshalb ist es richtig, dass sich «.ch» von diesem Konzept verabschiedet und jetzt auf eine reine Verteilung im öffentlichen Verkehr setzt. Da stehe ich voll dahinter, wie auch hinter der damit zusammenhängenden Repositionierung des Produkts. Eine Briefkastenverteilung ist auf Dauer keine Lösung, weil daraus zu wenige Leser pro Exemplar resultieren. Wir brauchten sie vorübergehend, um zusätzliche Kapazitäten im öffentlichen Verkehr aufzubauen, ohne dass die Auflage zusammenbrach.

Die Hauszustellung war der eigentliche Kern ihres Zeitungsprojekt. Fällt mit der Distribution nicht das ganze Business-Modell von «.ch» in sich zusammen? Nein. Natürlich geben wir ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal auf. Aber die Positionierung der Zeitung wird einfacher, wenn wir uns ausschliesslich auf den Vertriebskanal öffentlicher Verkehr fokussieren. Um in den Pendlerströmen Erfolg zu haben, müssen wir schneller, dynamischer und farbiger sein. Und genau so wird das neue «.ch» künftig daherkommen.

«.ch» wird von der Werbewirtschaft praktisch ignoriert. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung? Wegen der Methodik, wie in der Schweiz Leserzahlen erhoben werden, dauert es bei einem neuen Produkt immer sehr lange bis man über Zahlen verfügt, die mit den bestehenden Titeln vergleichbar sind. Das macht es sehr schwierig, Werbung zu generieren, denn die Industrie stützt sich auf harten Zahlen ab. In unserem Fall kam hinzu, dass das Vertrauen erschüttert wurde, weil die Hauszustellung Probleme verursachte.

Ihr Verlag hat heute bekannt gegeben, dass auf eine Ausgabe bloss ein halber Leser kommt. Das wird das Anzeigengeschäft nicht eben ankurbeln. Die Werbekunden haben nun Klarheit: Wir werden die Zeitungen künftig allein über ein gut ausgebautes Boxennetz im öffentlichen Verkehr vertreiben. Niemand zweifelt daran, dass wir dieses Netz nicht zuverlässig betreiben werden.

Hoffen Sie immer noch, dass ein grosses Medienhaus dereinst «.ch» kaufen wird? Es gab bisher keine Gespräche. Bevor es dazu kommt, müssen wir Erfolge ausweisen können. Das heisst nicht, dass wir schon schwarze Zahlen schreiben müssen, aber etabliert muss die Zeitung sein. Das braucht Zeit.

baz.ch/Newsnet

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