Städter geraten beim 5G-Netz ins Hintertreffen

Tiefe Grenzwerte verzögern den Ausbau des schnellen Mobilfunkstandards. Ausgerechnet in Ballungszentren wird das zum Problem.

5G hilft unter anderem auch, dass auf den Smartphones Filme noch besser empfangen werden können. Foto: Christoph Schürpf (Keystone)

5G hilft unter anderem auch, dass auf den Smartphones Filme noch besser empfangen werden können. Foto: Christoph Schürpf (Keystone)

Dominik Feusi@@feusl

Die drei Mobilfunkanbieter Swisscom, Sunrise und Salt haben in einer Auktion zusätzliche Handyfrequenzen ersteigert. Sie bezahlen dafür dem Bund zusammen knapp 380 Millionen Franken. Die Frequenzen benötigen sie, um die nächste Generation Handytechnologie in der Schweiz einzuführen. Damit kann mehr als ein Gigabit pro Sekunde übertragen werden. Alle drei Anbieter wollen ihren Kunden 5G rasch zur Verfügung stellen. Ob das allerdings klappt, ist unklar.

Der Grund liegt in der Verordnung über die nicht ionisierende Strahlung. Sie kennt im Unterschied zu unseren Nachbarländern zusätzlich zum eigentlichen Immissionsgrenzwert einen Anlagengrenzwert. Dieser liegt in der Schweiz zehnmal tiefer als der Immissionsgrenzwert in den Nachbarländern. Er gilt für Orte, an denen sich Menschen regelmässig über längere Zeit aufhalten. Dazu gehören Wohnräume, Büros, Schulzimmer, Kinderspielplätze oder Spitäler.

Der Bundesrat legt diesen Grenzwert in einer Verordnung fest und könnte ihn darum auch in Eigenregie anpassen. Bundesrätin Doris Leuthard wollte jedoch die Rückendeckung des Parlaments. Zweimal scheiterte ein entsprechender Vorstoss wegen einer Stimme im Ständerat, zuletzt vor einem Jahr. 

Umstrittene Messung

Das zweite Problem ist die Messung der Strahlung. Gemäss Verordnung wird das Maximum gemessen. Die neue 5G-Technologie ist in der Lage, sich nach dem Bedarf auszurichten und die Leistung dorthin zu lenken, wo sie gerade benötigt wird. Das bringt allerdings Leistungsspitzen, die das zulässige Maximum überschreiten. Die Mobilfunkanbieter möchten, dass der Durchschnitt, nicht das Maximum gemessen wird. 

Die Gegner, zum Beispiel die Thurgauer CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller, argumentierten, dass nicht sicher sei, ob die Strahlung unbedenklich sei. Es fehle ein Monitoring des Bundes über die Strahlenbelastung und ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO), welche eine Gesamtschau zu den Gesundheitsrisiken vorlegen werde.

Befürworter wie beispielsweise der Zürcher Ständerat Ruedi Noser argumentierten vergeblich, es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Handystrahlen schädlich seien. Bei der Abstimmung im Ständerat verlief die Front quer durch alle Parteien hindurch.

Auf dem Land ist es eher möglich, 5G einzuführen, ohne die bestehenden Grenzwerte zu überschreiten.

Im letzten September setzte Doris Leuthard eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des Bundesamtes für Umwelt ein. Sie soll Bedürfnisse und Risiken beim Aufbau von 5G-Netzen analysieren und bis Mitte 2019 einen Bericht mit Empfehlungen dazu verfassen. 

Ständerätin Häberli findet, dieser Bericht sei vorerst abzuwarten: «An der Ausgangslage hat sich nichts geändert.» Die bestehenden Bedenken könnten nicht einfach weggewischt werden. Da es für eine Verordnungsänderung eine Vernehmlassung braucht, dürfte es sogar im Falle einer Empfehlung durch die Arbeitsgruppe mindestens bis Ende 2020 gehen. 

Die Verzögerung hat Folgen: Weil viele bestehende Antennen nicht mit mehr Leistung benutzt werden können, müssen mehr neue Antennen gebaut werden, dies vor allem in den Städten, wo gemäss Swisscom die Leistung von 90 Prozent der Antennen schon heute den Grenzwert erreicht. Für die Handybenutzer bedeutet dies, dass sie vor allem dort länger auf das schnelle Netz warten müssen.

Einfacher auf dem Land

Auf dem Land ist es eher möglich, 5G einzuführen, ohne die bestehenden Grenzwerte zu überschreiten. Bei den Netzbetreibern fallen zudem höhere Kosten an. «Ohne Lockerung der Grenzwerte können wir das volle Potenzial von 5G nicht nutzen», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber. Ein rascher und flächendeckender Ausbau von 5G sei wegen der strengen Grenzwerte insbesondere in den Ballungszentren «praktisch nicht möglich», sagt Sunrise-Sprecherin Séverine de Rougemont.

Swisscom bleibt jedoch dabei, dass sie bis Ende 2019 in 60 Gemeinden 5G «punktuell verfügbar» machen will. Salt will «ab dem dritten Quartal dieses Jahres» 5G anbieten. Sunrise strebt ein «flächendeckendes Weltklasse-5G-Netz» an, gibt dafür allerdings keinen Termin bekannt. 

Das Spiel mit der Angst: Virale Videos warnen vor 5G

Die Youtube-Videos gehen derzeit auf allen digitalen Kanälen viral – und lösen mit erfundenen Fakten Angst und Unbehagen bei der Bevölkerung aus. Diese Anti-5G-Clips – zwei wie fürs Netz produzierte Nachrichtenbeiträge, einer wie ein Interview – werden derzeit hauptsächlich auf Whatsapp verbreitet. Die beiden Nachrichtenclips stammen von «Kla TV» oder «Klagemauer-TV», das Interview von «Welt im Wandel TV».

Alle Videos suggerieren, etablierte Medien würden der Bevölkerung die Gefährlichkeit des neuen Mobilfunknetzes 5G verschweigen, das 2019 auch in der Schweiz eingeführt werden soll.

Zu den Themen von «Klagemauer-TV» zählen Zweifel an den Anschlägen vom 11. September, Antiamerikanismus und prorussische Wortmeldungen, etablierte Medien sind «Lügenpresse», die Bilderberger … Die Liste verschwörungstheoretischer Inhalte liesse sich fortsetzen. Wer sich auf ihrer Website oder auf ihrem Youtube-Kanal umschaut, sieht schnell, dass hier kein seriöses Medium arbeitet. Hinter «Klagemauer-TV» steht Ivo Sasek, ein selbst ernannter Prediger, seine Organisation Organische Christus-Generation wird als Sekte eingestuft.

Alarmistischer Ton, abstruse Behauptungen

Ähnlich verhält es sich, wenn man bei den Clips genau hinschaut: Im ersten Video mit dem Titel «Dringender Weckruf: 5G ist Gefahr für Leib und Leben!» spricht ein anonymer Mann, der wohl als Nachrichtensprecher durchgehen soll, mit spöttelndem Unterton von der neuen Technologie. Seine Rede soll suggerieren: Das brauchen wir doch nicht wirklich! Im Beitrag selbst wird dann in alarmistischem Ton von einem «Antennenwald» und von einem «Strahlentsunami» gesprochen. Es werden schwer zu beweisende Aussagen getroffen: Die Einführung von 5G sei «der gravierendste Eingriff des Menschen in die Natur in der gesamten Menschheitsgeschichte».

Weiter geht es mit abstrusen Behauptungen wie: «Das 5G-Netz kann durch Wände und Häuser sehen» oder «Jeder bewegliche Punkt kann überwacht werden». Als vermeintlicher Beweis für die Gefährlichkeit von 5G für Mensch und Tier muss ein Vogelsterben in den Niederlanden herhalten, das angeblich während eines 5G-Tests stattfand. Nur: Das stimmt nicht. Zwar starben in Den Haag knapp 300 Vögel, aber ein 5G-Test fand dort nicht statt. Das arme Federvieh, allesamt Stare, hat sich vermutlich vergiftet, wie das Onlineportal Mimikama berichtet. Mimikama ist auf das Aufklären von Verschwörungstheorien spezialisiert und gilt als verlässliche Quelle.

Was wohl auch zur weiten Verbreitung des Clips beigetragen hat, ist der explizite Aufruf zum Teilen am Ende des Videos. Das Ende Januar hochgeladene Filmchen wurde mittlerweile knapp 360'000-mal angesehen.

Sonstige Themen: Kristallenergie und Impfgegnerschaft

Auch das zweite Video von Klagemauer-TV «Dringende Warnung vor 5G (von Hans-U. Jakob, Präsident Gigaherz.ch.)» hat sich weit verbreitet: Knapp 270'000-mal wurde der Clip bislang angesehen, der bereits seit August 2018 online ist. Auch hier findet sich eine anonyme Sprecherin, die den Beitrag anmoderiert. In ihm kommt dann Hans-U. Jakob zu Wort, seines Zeichens Präsident des Vereins Gigaherz, der sich gegen die negativen Auswirkungen von elektromagnetischen Strahlungen einsetzt. Also kaum jemand, der als unabhängiger Experte durchgehen kann.

Und auch das letzte Video kommt nicht gerade aus einer vertrauenswürdigen Quelle. Das knapp vierzigminütige Gespräch zwischen Robert Fleischer und Richard Neubersch ist unter dem Titel «Dringende Warnung vor 5G – Die schockierende Wahrheit!» auf dem Youtube-Kanal von Welt im Wandel TV erschienen. Sonstige Themen des Senders: Kristallenergie, die Frage, wie souverän Deutschland wirklich sei, und Imfpgegnerschaft. Auch die beiden Gesprächspartner im fraglichen Video sind interessant: Robert Fleischer, der Interviewer, glaubt, dass Ausserirdische nicht nur existieren, sondern längst auf der Erde sind. Richard Neubersch verkauft auf seiner Website Swiss Harmony allerlei Esoterisches für Haus, Körper und sogar das Auto.

Es mag sein, dass die Wirkung von 5G-Technologie auf Mensch und Tier noch nicht ausreichend erforscht ist, und es ist verständlich, dass eine neue Technologie von einigen mit Skepsis betrachtet wird. Aber diese drei Videos tragen sicher nicht zur Aufklärung bei.

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