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Sein letzter Auftritt war grosses Kino

Der deutsche Medienmogul Leo Kirch ist im Alter von 84 Jahren in München verstorben. Zuletzt machte er mit einem Gerichtsprozess auf sich aufmerksam.

Baute unter anderem den Sender Sat 1 auf: Leo Kirch 2006 in Berlin.
Baute unter anderem den Sender Sat 1 auf: Leo Kirch 2006 in Berlin.
Keystone
Im Rollstuhl: Leo Kirchner 2009 an der Beerdigung von Monti Lüftner.
Im Rollstuhl: Leo Kirchner 2009 an der Beerdigung von Monti Lüftner.
Keystone
War am Axel-Springer-Verlag beteiligt: Kirch an einer Aktionärsversammlung der Firma 2002.
War am Axel-Springer-Verlag beteiligt: Kirch an einer Aktionärsversammlung der Firma 2002.
Keystone
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Der letzte öffentliche Auftritt des Leo Kirch verlief passend für einen Filmrechte-Händler: Es war grosses Kino. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen wurde ein lachender Kirch am 25. März im Rollstuhl in den Saal 411 des Oberlandesgerichts München gefahren. Neun Jahre nach der Pleite seines Medienkonzerns traf er zum ersten Mal wieder den Mann, dem er die Schuld daran gab und von dem er deshalb Milliarden als Schadenersatz forderte - den damaligen Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzenden Rolf Breuer. Aber das Duell blieb aus. Denn Kirch war so rasch erschöpft, dass das Gericht die Vernehmung abbrach.

Mit beiden Armen stemmte sich der grosse, breitschultrige Kirch ein paar Zentimeter aus dem Rollstuhl hoch, als die Richter den Saal betraten. Nur stockend und flüsternd antwortete er, als der Vorsitzende Guido Kotschy ihm die ersten Fragen stellte. «Bereitet es Ihnen jetzt schon Mühe zu sprechen?», fragte der Richter. «Ja, jetzt schon», presste Kirch kaum verständlich hervor.

Dicht an seiner Seite sass seine 73-jährige Mitarbeiterin Gertrude Barrera. «Jetzt bin ich Vorleserin», erklärte sie auf die Frage nach ihrem Beruf. Wie eine Dolmetscherin rief sie Kirch die Fragen des Gerichts ins Ohr und wiederholte Kirchs geflüsterte Aussagen laut - zum Unmut des Gerichts allerdings oft mit Auslassungen und ausgeschmückt mit eigenen Interpretationen. Um es etwas einfacher zu machen, hatte Kirch eine schriftliche Erklärung vorbereitet, die Barrera vorlas und die er im Gericht unterschreiben sollte. «Er sieht auch nicht», rief Wolf-Rüdiger Bub, einer seiner Anwälte. Aber Kirch wehrte ab und beugte sich tief über das Papier.

Kein Gruss für den Banker

In der Erklärung ging er zurück zu seinen Anfängen im Jahr 1956: «Eines meiner ersten grösseren Geschäfte war der Erwerb der Filmrechte an ‹La Strada› für 25'000 Mark» - auf Kredit. Denn «das ging über meine finanziellen Möglichkeiten hinaus». Schulden und Geschäfte seien dann in immer höhere Grössenordnungen gewachsen.

An seinem 75. Geburtstag im Oktober 2001 gehörten die Senderkette ProSiebenSat.1, der Pay-TV-Sender Premiere, Bundesliga- und Formel-1-Rechte, Constantin-Film und Produktionsfirmen und nicht zuletzt 40 Prozent am Axel-Springer-Verlag zu seinem Imperium. Laut Zeitschrift «Forbes» zählte er zu den reichsten Menschen Europas. Aber Kirch sagte damals: «Ich habe kein Geld, ich habe Schulden.» Als mehrere Banken, Springer und sein Premiere-Partner Rupert Murdoch aussteigen und plötzlich Milliarden zurück haben wollten, musste er Insolvenz anmelden.

«Der Rolf hat mich erschossen»

Breuer war am März 2011 schon im Gerichtssaal, als Kirch kam - aber der grüsste ihn nicht. Mit hochgezogenen Augenbrauen und verschränkten Armen hörte der 73-jährige Banker die Aussagen seines Widersachers.

Breuer hatte im Februar 2002 in einem Fernsehinterview bezweifelt, dass die schwer angeschlagene Kirchgruppe weitere Bankkredite bekommen werde. «Der Rolf hat mich erschossen», hatte Kirch später verbittert gesagt und die Bank mit rund 60 Verfahren überzogen. Der Bundesgerichtshof urteilte 2006, mit dem Interview habe Breuer seine Pflichten als Kreditgeber verletzt. Schadenersatz sagte der BGH Kirch aber nur für diejenigen seiner Firmen zu, die Geschäftsbeziehungen mit der Deutschen Bank hatten.

Unstrittig ist das bei der Kirchbeteiligungs-GmbH, die einen Kredit von der Bank hatte. Aber das Landgericht München wies Kirchs Forderung über 1,3 Milliarden Euro im Februar ab, weil Breuers Interview nicht die Ursache der Pleite gewesen sei. Im März wollten 17 andere Kirch-Gesellschaften vor dem Oberlandesgericht beweisen, dass auch sie eine Art Vor-Geschäftsbeziehung mit der Deutschen Bank gehabt hätten, um anschliessend zwei Milliarden einzuklagen.

«Sie sind kaum noch verständlich»

Kirch berichtete dem Gericht, Breuer habe die Beziehungen 2001 ausweiten wollen. Doch im Laufe der Vernehmung machte er auch widersprüchliche Angaben. Die Richter wiederholten Fragen, um sicher zu gehen, dass der 84-Jährige sie auch verstanden hatte: Es wurde wirklich nicht über Kredite gesprochen? «Sie sind kaum noch für mich verständlich», sagte der Gerichtsvorsitzende.

Schliesslich wurde Kirch, der eine schwere Herzoperation hinter sich hatte und an Diabetes litt, von seinem mitgekommenen Hausarzt untersucht. Der Zeuge sei «nicht mehr vernehmungsfähig» und werde für einen anderen Tag wieder vorgeladen, verkündete der Senatsvorsitzende. Nach eineinhalb Stunden war die Strapaze für den sichtlich erschöpften Kirch vorbei. «Dann wünsche ich gute Besserung», gab ihm der Richter mit auf den Weg. Am 14. Juli starb Kirch im Kreise seiner Familie.

dapd/kpn, jak

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