«Schweizer sind zufrieden mit ihrem Lohn»

Millionen-Boni: Sind die Schweizer einfach neidisch auf die Saläre der Topmanager? Und wie sollten Firmen ihre Bonussysteme gestalten? Antworten liefert der Entlöhnungsexperte.

Die Kritik an Managerlöhnen wird wieder heftiger: Konzernchef Tidjane Thiam und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner mussten an der Generalversammlung der Credit Suisse viel einstecken.

Die Kritik an Managerlöhnen wird wieder heftiger: Konzernchef Tidjane Thiam und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner mussten an der Generalversammlung der Credit Suisse viel einstecken.

(Bild: Keystone Ennio Leanza)

Stefan Eiselin@tagesanzeiger

Die meisten Schweizerinnen und Schweizer glauben gemäss einer von Ihnen durchgeführten Umfrage, dass Boni eine gute Sache sind. Überrascht? Stephan Hostettler*: Nein. Mitarbeiter wollen bei ihrer Arbeit drei Dinge. Sie wünschen sich Feedback, sie wünschen sich Entwicklungsmöglichkeiten und sie wünschen sich finanzielle Belohnungen als Wertschätzung. Das ist menschlich.

Zugleich beklagt sich aber die Mehrheit, dass in ihrem eigenen Unternehmen die Boni nicht wirklich in nachvollziehbarer Weise an die Leistung geknüpft sind… In vielen Unternehmen sind die Bonuspläne nicht gut ausgestaltet. Man versucht noch immer mit komplexen Bewertungsmodellen die individuelle Leistung zu erfassen. Das setzt falsche Signale. Dieses mechanistische Weltbild verleitet die Mitarbeiter dazu, genau das zu tun, was ihren Bonus erhöht, auch wenn es nicht unbedingt dem Unternehmen hilft. Es gibt daher einen klaren Trend weg von solchen individuellen Boni hin zu solchen, die den gesamten Geschäftsverlauf spiegeln. So demonstriert man, dass das Erreichte eine Teamleistung ist. Es geht um Trennung von Führung und Geld.

Die Bevölkerung scheint diese Mängel zu erkennen. Gibt es dieses Bewusstsein auch beim Management und beim Verwaltungsrat? Die Erkenntnis, dass man die Kriterien vernünftiger setzen muss, nimmt definitiv zu. In den letzten Jahren stellen wir hier eine starke Professionalisierung fest. Man hat gemerkt, dass gute und faire Entlöhnungssysteme sich nicht einfach so schnell aufsetzen lassen.

Aber die Bonisysteme bei den Chefs der Schweizer Grossbanken scheinen noch auf einem solch mechanistischen Weltbild zu gründen, da gibt es x individuell festgelegte Kriterien... Börsenkotierte Konzerne sind in der Tat eher zögerlich, wenn es darum geht, individuelle Ziele aufzugeben und Gesamtziele als Massstab zu nehmen. Ein Grund dafür sind wohl auch einige der Stimmrechtsberater, die zunehmend an Einfluss gewinnen. Diese sind ebenfalls noch stark einem mechanistischen Weltbild verhaftet. Die Beteiligung am Gesamterfolg ist nicht nur wirksamer, sie ist auch transparenter und besser zu verstehen.

Obwohl man heute viel Dinge über die Motivationswirkung von Löhnen und Boni weiss, legen Konzerne immer wieder Pläne auf, die vom Volk und Investoren nicht verstanden werden. Warum passiert das? Ist es Gleichgültigkeit? Ignoranz? Nichtwissen? Es ist sicher nichts von dem. Der Wille, hier eine gute Lösung für alle zu finden, hat zugenommen. Solche Entscheide sind besonders in sehr grossen Unternehmen nicht einfach zu fällen. Es gibt viele unterschiedliche Erwartungen. Diesen allen gerecht zu werden, ist äusserst anspruchsvoll. Da kann man sich schon mal verhauen.

Verhauen? Aber in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung sitzen doch gut bezahlte Profis... Jeder Manager hat natürlich eigene Vorstellungen davon, was er wert ist und wie gross seine Leistung ist. Der Verwaltungsrat steht da in einem gewissen Dilemma. Das könnte eine mögliche Erklärung sein. Auch ist die Wichtigkeit der Langfristigkeit von Lohnsystemen auf Stufe Geschäftsleitung meist weniger ausgeprägt als im Verwaltungsrat. Das führt zu einem weiteren Konfliktfeld. Die Aufgabe ist daher nicht einfach. Aber das Bewusstsein dafür nimmt definitiv zu.

Viele Manager argumentieren, dass die Kritik an ihren Löhnen auf Neid beruhe. Glauben Sie das? Nein. Das widerlegt unsere Umfrage klar. 83 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind zufrieden mit ihrem Lohn. Das ist ein Indiz dafür, dass es nicht um Neid geht – vielleicht eher um unterschiedliche Meinungen zur Lohngerechtigkeit.

Die Folge der Exzesse ist, dass immer mehr Leute staatliche Eingriffe fordern. Ja, inzwischen finden wieder 48 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer, dass staatliche Eingriffe helfen könnten, Auswüchse zu verhindern. Das sollte Verwaltungsräten zu denken geben. Man muss das Thema Entlöhnungssysteme in den Gremien noch ernster nehmen. Eine staatliche Regelung kann nicht im Sinn der Unternehmen sein und bringt auch nichts, wie man in der EU gesehen hat, wo die Boni in der Finanzbranche begrenzt wurden. Seither steigen einfach die Basissaläre.

baz.ch/Newsnet

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