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«Schweizer sind exorbitant leistungsbereit»

Siegfried Gerlach, der neue Chef von Siemens Schweiz, erklärt, wie ein SBB-Milliardenauftrag verloren ging, und warum den grössten Industriearbeitgeber der Schweiz so wenige kennen.

Mit Siegfried Gerlach sprachen Andreas Flütsch und Judith Wittwer

Warum hat Siemens den Milliardenauftrag der SBB an Stadler Rail verloren?

Erlegt man einen weissen Elefanten, kann man ihn ausstellen. Verfehlt man ihn, hat man nichts. Siemens bleibt ein wichtiger Bahnpartner. Wir haben von der SBB einen Teilauftrag für Bahnwagen erhalten, der mit über 300 Millionen Franken grösser ist als das Grossprojekt Postzentrum Mülligen.

Aber den Milliardenauftrag hat das Schnellboot Stadler dem Tanker Siemens abgejagt.

Das schmerzt, es ist so.

Was ist schief gelaufen?

Wir haben ein sehr leistungsfähiges Angebot abgegeben. Im Hauptangebot waren wir günstiger als Stadler. Offenbar waren wir in bestimmten Punkten nicht innovativ genug, wird uns signalisiert. Auf hartnäckiges Nachfragen höre ich genau einen Punkt: die Klima- und Lüftungsanlage.

Stadlers Doppelstöcker haben 17 Zentimeter mehr Stehhöhe, eine grosse Verbesserung.

Das ist so. Aber Einzelmerkmale von Zügen sind schlecht vergleichbar. Wir haben die Botschaften, die die SBB ausgesendet hat, Ernst genommen. Baut man wie bisher, um beispielsweise mit dem Einsatz möglichst vieler gleicher Teile in einer laufenden Zugserie die Kosten tief zu halten, limitiert das die Innovation. Wir müssen jetzt halt lernen, dass wir entweder zu wenig gut zugehört haben oder die Botschaften nicht optimal positioniert waren.

War sich Siemens zu sicher, dass Stadler den Sprung in die Oberliga der Doppelstock-Wagen nicht schafft?

Peter Spuhlers Stadler Rail muss zuerst mal beweisen, dass sie solche Züge bauen kann. Und dies in der Bauqualität, wie wir sie bewiesen haben. Zu sicher fühlten wir uns nie. Spuhler ist ein Topunternehmer, und sehr gut vernetzt.

Ist Ihnen entgangen, dass Spuhler ein grosses Team zwei Jahre lang auf das Projekt angesetzt hat?

Natürlich nicht. Das musste er sogar tun, um auch nur in die Nähe des Niveaus zu kommen, auf dem wir uns bewegen. Nur: Unser Zug, mit dem die Nutzer hoch zufrieden sind, fährt. Stadlers Zug findet momentan auf dem Reissbrett statt. Wir werden sehen, wie die Qualität ist. Vom Einstöcker zum Doppelstock-Zug ist es ein gewaltiger Unterschied.

Legen Sie gegen die Vergabe an Stadler Rekurs ein?

Ich kann mir kaum vorstellen, dass das klug wäre. Da müssten schon sehr schwer wiegende Informationen auftauchen. Zumal weitere Doppelstock-Ausschreibungen der SBB folgen.

Siemens ist seit 114 Jahren in der Schweiz tätig, und mit rund 7000 Mitarbeitenden grösster Industriearbeitgeber im Lande...

Schön, dass Sie das wissen.

...das ist genau der Punkt. Warum wird Siemens kaum wahrgenommen?

Das beschäftigt uns. Unsere letzte Umfrage zeigt: Wir sind zwar der grösste Arbeitgeber, werden aber nicht so wahrgenommen. Wir versuchen, uns besser zu positionieren. Als in Deutschland kotierter Konzern geniessen wir in der Schweiz nie die gleiche Aufmerksamkeit wie ABB, mit der wir dauernd verglichen werden.

Siemens Schweiz hatte mal 10'000 Leute und 2 Milliarden Umsatz. Heute illusorisch?

Ums Jahr 2000 feierten wir die zweite Umsatzmilliarde. Diese erreichen wir 2008 fast wieder, rechnet man den SBB-Auftrag dazu. Und dies, obwohl grosse Geschäfte wie die Kommunikation oder die Autozuliefersparte VDO abgespalten wurden.

Wo baut Siemens in der Schweiz aus?

Siemens Building Technologies, die weltweit von Zug aus geführt wird, wächst anhaltend. Die Schweiz ist zudem ein Kompetenzzentrum im Bereich Verkehrstechnik. Ein hier entwickeltes und produziertes elektronisches Kleinstellwerk zur Steuerung von Weichen, Bahnübergängen und anderem mehr wird weltweit verkauft. Führend sind wir auch in der Leittechnik für Züge. Wachsen werden wir in der Medizintechnik, hier profitiert die Schweiz von Akquisitionen des Konzerns. Wir sind aber in den meisten Märkten bereits Nummer eins oder zwei, Riesensprünge liegen da nicht mehr drin. Unser Ziel, doppelt so schnell wie die Gesamtwirtschaft zu wachsen, ist schon ambitiös.

Wo wachsen Sie in der Medizintechnik?

Das Gesundheitswesen verändert sich dramatisch, weg von einem auf die Ärzte ausgerichteten System, hin zur Optimierung von Prozessen und Abläufen in Spitälern. Im Waadtländer Zentralspital Chuv in Lausanne haben wir ein erstes solches Workflow-System als Pilot gewonnen.

Ist die Schweiz als Industriestandort noch attraktiv?

Die Industrie profitiert davon, dass sie absolute Topqualität liefert, etwa bei Präzisionsmaschinen. Unsere Verkehrstechnik ist weltweit gefragt; kein Wunder, wir haben eines der besten Eisenbahnsysteme der Welt. Als Bahnfahrernation hat die Schweiz sogar Japan überholt.

Wie steht es mit dem Einsatzwillen in der Schweiz?

Als Deutscher darf ich das sagen: Hier ist es nie ein Problem, wenn es brennt, jemanden am Wochenende aufzubieten. In Deutschland muss man dazu Handstände machen. Neben der exorbitanten Leistungsbereitschaft: Hier geht man die Arbeit sehr strukturiert an, bleibt kühl, versucht Konflikte zu lösen statt sie eskalieren zu lassen. Das sind riesige Vorteile, die die Schweiz nach wie vor hat. Sie machen die hohen Lohnkosten mehr als wett.

Wie viel Wachstum entgeht Siemens wegen Ingenieurmangel?

Noch verlieren wir deswegen nicht Aufträge. Ingenieure sind schwer zu kriegen, aber wir kommen gerade noch durch.

Dafür arbeiten die Teams am Anschlag?

Ich hoffe nicht. Klar, es gibt Projekte, wo ich mir sage, da wird es Zeit, dass es etwas ruhiger wird. Wir nehmen die Balance zwischen Arbeit und Freizeit ernst. Es dient niemandem, wenn Mitarbeitende ausbrennen.

Wo haben Sie den grössten Mangel?

Bei Elektro- und Maschineningenieuren. Darum engagiere ich mich auch an der ETH. Wir müssen den Ingenieurberuf wieder attraktiver machen, vor allem bei den Frauen. Es ist ein Riesenpotenzial, wenn wir die Frauen dazu bringen, dafür Interesse zu entwickeln.

Frauen wollen nicht als Frauen angesprochen werden.

Das ist richtig. Man muss früh beginnen, Buben und Mädchen spielerisch für Technik zu begeistern. Wir müssen das Denkmuster auflösen, Technik sei nichts für Frauen. Es ist ja heute noch so, dass Mädchen meist Puppen geschenkt bekommen. Darum bieten wir Kindergärten Forscherkisten an. Das hat so viele Anfragen ausgelöst, dass wir eine zweite Serie auflegen. Die Kinder finden es cool und spielen begeistert. Zudem geben wir Schulen Unterrichtsmaterial zu Technikthemen ab, um Faszination zu schaffen.

Wie stark trifft der Abbau von 16'750 Stellen im Konzern die Schweiz?

Er trifft uns. Viel Speck ist nicht mehr da, dazu haben wir unsere Hausaufgaben zu gut gemacht. Aber wir können manches intelligenter, effizienter tun. Siemens bildet sogenannte Clusters, stellt Länder zu Gruppen zusammen. Ein Beispiel: Es muss sich nicht jedes Land mit Internettechnologie auseinandersetzen, eines reicht.

Sie stellen Ingenieure ein, bauen aber in der Verwaltung 200 Stellen ab?

Die Zahl ist zu hoch, vermute ich. Ich tue mich mit Zahlen schwer, weil wir zuerst mit den Arbeitnehmern reden und konkrete länderübergreifende Projekte aufgleisen wollen. Es wird für die Schweiz aber nicht dramatisch. Siemens verlagert auch Aufgaben in die Schweiz, in einzelnen Verwaltungsbereichen wird es mehr Jobs geben. Kündigungen dürfte es nur in Einzelfällen geben.

Ist Nervosität spürbar?

Eine gewisse Grundnervosität ist da. Aber unsere Leute haben, hoffentlich zu Recht, das Vertrauen in uns, dass wir das in der Schweiz mit Vernunft lösen. Entwarnung kann ich guten Gewissens nicht geben, der Abbau wird für den einen oder anderen Konsequenzen haben. Im Herbst wissen wir mehr.

Wie kommt die neue Nulltoleranz gegenüber Korruption in der Schweiz an?

Wir nehmen das positiv auf, obwohl wir in der Schweiz keine Korruptionsfälle haben. Wir haben begriffen, dass der Schaden für Siemens als Ganzes so gigantisch gross ist, dass wir ein System brauchen, das solche Verfehlungen in Zukunft verhindert. Die Nulltoleranz wird diskutiert, und wir haben fast 2000 Mitarbeitende mit Kundenkontakt geschult, wie Korruption erkannt und vermieden wird.

Ist das nicht Augenwischerei? In vielen Ländern ist es illusorisch, Kraftwerkprojekte ohne Schmiergeld zu bekommen.

Das ist so. Ich will keine Länder nennen, aber wir kennen sie alle. Wer dort kein Bakschisch mitbringt, kriegt den Auftrag nicht. Aus, fertig. Wir machen dort keine Geschäfte mehr, das ist die bittere Konsequenz. Den Ausfall wollen wir in anderen Ländern kompensieren. Anders geht es nicht.

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