Zum Hauptinhalt springen

Tiefe Aktienkurse schüren Ängste vor neuer Krise

Nicht nur die Credit Suisse, auch andere europäische Grossbanken haben enorm an Wert verloren. Wie ernst ist die Lage?

Fürchtet ein Domino-Effekt bei den wankenden Bankensystemen: Daniel Kalt, Chefökonom bei der UBS Schweiz. (Archivbild)
Fürchtet ein Domino-Effekt bei den wankenden Bankensystemen: Daniel Kalt, Chefökonom bei der UBS Schweiz. (Archivbild)
Martin Ruetschi, Keystone

Die Aktienkurse europäischer Banken sind historisch tief.Neben den Tiefstzinsen und dem Brexit ist ein Grund die Schieflage italienischer Banken. Diese schürt Ängste vor einer neuen Bankenkrise. Schweizer Ökonomen und Analysten rechnen indes nicht mit einer solchen.

Die Credit Suisse, deren Kurs am Donnerstag wieder knapp über 10 Franken notierte, ist nicht die einzige Betroffene: Auch die Aktien anderer europäischer Grossbanken wie jene der UBS, der Deutschen Bank, der Commerzbank, von Barclays, der Royal Bank of Scotland und der Société Générale haben enorm an Wert verloren.

«'So schlecht kann es denen gar nicht gehen'»

Ist dies gerechtfertigt? Rainer Skierka, Analyst bei Research Partners (Zürich), sagt: «Mittlerweile kriegen sie die Banken zu Preisen, dass man sagen muss: «‹So schlecht kann es denen gar nicht gehen›». Bei der Credit Suisse müsste die Hälfte des Eigenkapitals auf irgendeine Art verpuffen, damit der gegenwärtige Kurs angemessen wäre. «Das halte ich für nicht nachvollziehbar», sagt Skierka. Das sei von Panik getrieben.

Gleichzeitig sagt Andreas Venditi, Analyst der Bank Vontobel: «Was an der Börse passiert, hat immer einen Grund.» Wenn ein Sektor in sechs Monaten 30 bis 50 Prozent verliere, dann habe das fundamentale Gründe.

Ein solcher Grund ist die expansive Geldpolitik in der EU und den USA. Die Tiefstzinsen machen es schwierig, im traditionellen Zinsdifferenzgeschäft Geld zu verdienen. Und eine Normalisierung ist nicht in Sicht: Die US-Notenbank Fed hat im März angekündigt, die Zinsen langsamer als geplant anzuheben.

Zu diesen fundamentalen Problemen kommt nun der Brexit. Wie sich der genau auswirken werde, sei noch unklar, sagt Venditi. Daniel Kalt, Chefökonom bei der UBS Schweiz, sagt, der Brexit stelle das bisherige Bankengefüge in Europa in Frage und sorge daher für Verunsicherung.

Faule italienische Kredite

Für die grösste Beunruhigung sorgen derzeit aber die faulen Kredite bei den italienischen Banken. Diese belaufen sich auf 360 Milliarden Euro. Ein privater Rettungsfonds namens Atlante wurde ins Leben gerufen. Dessen Mittel sind aber beschränkt. Die Regierung erwägt daher, den Banken mit Staatsgeld unter die Arme zu greifen. Dies stösst allerdings auf Widerstand der Europäischen Union.

Die maroden Kredite bei den italienischen Banken wecken bei manchen Ängste vor einer neuen Bankenkrise: Denn wenn irgendwo ein Bankensystem ins Wanken kommt, kann das über die Verbindungen der Banken untereinander andere mitreissen.

Dies war bei der Finanzkrise der Fall. Und dies sei auch der Grund, weshalb derzeit die Aktienkurse der Banken in ganz Europa sinken, meint Kalt. Und Venditi sagt: «Wenn die Probleme in Europa noch grösser werden, wird das auch die Schweizer Banken treffen.»

Skierka und Kalt rechnen indes nicht mit einer zweiten Bankenkrise. Aus dem Fall Lehmann habe man gelernt, sagt Kalt. Man wisse heute, dass es einen Mechanismus brauche, um die Banken von faulen Krediten zu befreien und so zu stabilisieren. Das passiere ja derzeit in Italien.

Erholung erwartet

Kalt rechnet damit, dass die Aktienkurse der Banken wieder steigen werden. «Längerfristig sehen wir die Banken höher bewertet», sagt er. Die derzeit tiefen Bewertungen seien an sich noch kein Problem. Sie zeigten lediglich, dass die Marktteilnehmer der Ansicht seien, dass die Gewinn- und Ertragsaussichten der Branche derzeit nicht berauschend seien. Wenn sich aber beispielsweise das Zinsumfeld normalisiere, könne es sein, dass sich die Aktienkurse durchaus erholten. Auch Skierka geht von einer Erholung aus.

Zu einem realen Problem könnten die tiefen Aktienkurse dann werden, wenn sie Kunden in Sorge versetzen. «Der Aktienkurs ist ein Signal an den Markt, die Mitarbeiter und die Kunden, dass da etwas nicht rund läuft», sagt Venditi. Wenn sich Kunden Sorgen machten, machten sie vielleicht weniger Geschäfte mit dieser Bank. Das habe man während der Finanzkrise gesehen, als Kunden von der UBS zu den Kantonalbanken wechselten.

Zudem kann ein tiefer Aktienkurs dann ein Problem sein, wenn eine Bank ein anderes Institut übernehmen und mit Aktien zahlen will. Oder wenn eine Bank eine Kapitalerhöhung durchführen will. Beides stünde derzeit bei den meisten Banken aber nicht im Fokus, sagt Skierka.

SDA/kat

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch