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Russlands Superreiche in Katerstimmung

Die goldenen Zeiten in Russland sind vorerst vorbei. Statt ihr Geld in den Nachtclubs von Moskau zu verschleudern, bitten Unternehmer den Kreml um billige Kredite.

Die Finanzkrise trifft in Russland milliardenschwere Besitzer von Bau- und Finanzkonzernen, aber auch von Öl- und Gasgiganten wie Lukoil, Rosneft, TNK-BP und Gazprom. Jahrelang vom goldenen Dollar-Regen verwöhnt, trennte sich etwa Russlands reichster Mann Oleg Deripaska wegen der Krise nun von seinen Anteilen am Baukonzern HOCHTIEF und am kanadischen Autozulieferer Magna. Deripaskas Konzern Basic Element erhielt nun von der Raiffeisen Zentralbank Österreich AG fast eine halbe Milliarde Euro Kredit, um seine 25 Prozent am Baukonzern Strabag halten zu können.

Das Schlimmste kommt noch

Doch Wirtschaftsexperten wie der frühere Regierungschef Jegor Gaidar sehen das Schlimmste erst noch auf Russland zukommen. Er warnt davor, das knappe Geld etwa zur Rettung Islands vor der angeblich drohenden Staatspleite oder für Prestigeprojekte wie den Bau neuer Flugzeugträger auszugeben. Das «Leben in Euphorie» mit zweistelligen Wachstumsraten jedes Jahr und mit kolossalen Gewinnen aus den russischen Rohstoffen ist vorbei, wie Gaidar betont.

Die Preise für Öl, Gas und Metalle fallen. Täglich gehen Russland laut Branchenangaben jetzt im Vergleich zu den Juli-Erlösen rund 400 Mio. Dollar an Einkünften aus dem Öl- und Gasgeschäft verloren. In Moskau, der jahrelang vom Wirtschaftsboom verwöhnten grössten und teuersten Stadt Europas, macht sich in der Bevölkerung zunehmend Angst breit vor Entlassungen, Lohn- und Bonuskürzungen und vor einer neuen Rubelkrise wie 1998.

Kredite eingefroren

Im Supermarkt «Samochwal» auf dem Leninski Prospekt etwa stehen viele Regale leer - «wegen der Krise», wie eine Verkäuferin meint. Salz, Mehl und Konserven sind Mangelware. Experten erklären die Probleme damit, dass die gesamte russische Wirtschaft vor allem auf der Grundlage von Krediten existiert - und die fehlen. Russlands Kreditwirtschaft liegt am Boden, in den Zeitungen mehren sich Berichte über klamme Banken, die sich an der Börse verzockt haben. Viele Geldinstitute verlangen von Haus- oder Autobesitzern die vorzeitige Rückzahlung von Darlehen.

Die russischen Börsen wie das Russische Handelssystem RTS haben seit Juni zwei Drittel ihres Wertes verloren - rund eine Billion US- Dollar. Wegen der Turbulenzen wird der Handel mit den Aktien immer wieder ausgesetzt.

Staatsmedien: Bloss keine Panik

«Unser Markt ist tot», stellt Ex-Regierungschef Michail Kasjanow in der kremlkritischen Zeitung «Nowaja Gaseta» fest. Der Politiker vermutet, dass die Krise Russland härter treffen wird als Europa oder die USA, die der Kreml immer wieder für die Misere verantwortlich macht. Das Staatsfernsehen meidet nach Möglichkeit Worte wie Finanzkrise und Börsencrash, um keine Panik zu schüren.

Präsident Dmitri Medwedew und sein Seniorpartner, Regierungschef Wladimir Putin, kündigen immer neue milliardenschwere Hilfspakete des Staates an. Doch Experten befürchten, dass die Milliarden nicht für alle reichen.

Mittelstand bleibt auf der Strecke

Der Chef des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes, Alexander Schochin, beklagt, dass die Verteilung der Staatskredite nicht transparent verlaufe. Nur ein kleiner Kreis habe Zugang zur Macht und zu den Reserven. Der Mittelstand bleibt nach Meinung von Analysten auf der Strecke, während die Regierung den grossen Unternehmen hilft, die Kredite etwa bei den ausländischen Banken zu tilgen.

Die Inflation ist in diesem Jahr bereits auf mehr als elf Prozent geklettert - Tendenz steigend. Die Preise für Immobilien fallen erstmals seit Jahren. Baukonzerne legen Projekte auf Eis. Stahl- und Automobilindustrie fahren die Produktion zurück - für die Beschäftigten reichen die Folgen von Zwangsurlaub bis Kündigung. Nachdem etwa in Moskau lange nahezu Vollbeschäftigung herrschte und vor allem der Bausektor einen Personalmangel beklagte, explodiert nun die Zahl der Arbeitsuchenden.

«Russland wird es schwer haben, diese Krise zu überstehen, weil es bei uns kaum eine diversifizierte Wirtschaft gibt», meint Kasjanow. Er zeichnet ein «düsteres» Szenario. Der Kreml werde die Finanzspritzen für eine versteckte Verstaatlichung der privaten Unternehmen nutzen.

SDA/vin

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