Zum Hauptinhalt springen

Operation Pollinator und der «Werbegag»-Vorwurf

Das Schweizer Unternehmen Syngenta steht in der Kritik, seine Pflanzenschutzmittel soll Bienen krank machen. Dagegen helfen Blumenwiesen – auch von Syngenta. Wirklich?

Bedroht: Den Bienenvölkern geht es seit langem nicht mehr gut.
Bedroht: Den Bienenvölkern geht es seit langem nicht mehr gut.
Thomas Kienzle, Keystone

Jedes Jahr sterben laut Forschern Millionen von Bienenvölkern. Spätestens mit dem Schweizer Dokumentarfilm «More Than Honey» ist das Problem im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Und auch der Basler Agrarkonzern Syngenta scheint einen Beitrag leisten zu wollen. Wie der «Guardian» berichtet, will Syngenta mit Blumenwiesen gegen das Bienensterben vorgehen: Unter dem Projektnamen Operation Pollinator hat die Firma laut eigenen Aussagen in 18 europäischen Ländern, den USA und Südkorea über 3000 Hektaren Blühflächen angepflanzt - oft auf Golfplätzen oder an den Rändern von Äckern. 3000 Hektaren entsprechen flächenmässig etwa einem Drittel der Stadt Zürich.

In einer Informationsbroschüre beschreibt Syngenta die Ziele des Projektes: Die Biodiversität soll geschützt, der Ernteertrag verbessert und nachhaltige Landwirtschaft ermöglicht werden. Angewandt werden soll diese Art von Bepflanzung hauptsächlich auf Bauernhöfen. Die Operation Pollinator gibt es in Grossbritannien bereits seit mehreren Jahren, zudem laufen unter anderem Projekte in Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien.

Syngenta produziert aber nicht nur Saatgut für Blumenwiesen; die Firma stellt auch Pflanzenschutzmittel, sprich Pestizide, her. Wirkstoffe wie die sogenannten Neonicotinoide, welche von Forschern für das Bienensterben mitverantwortlich gemacht werden. Eine im Mai veröffentlichte Studie der Universität Harvard legt nahe, dass diese Neonikotinoide «bei Honigbienen zu einer Beeinträchtigung der neurologischen Funktionen, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und des Verhaltens» führen können.

Im letzten Jahr hat die EU die Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam mit einem zweijährigen Verbot belegt. Sie gehören alle zur umstrittenen Gruppe der Neonikotinoide. Syngenta reichte daraufhin bei der EU-Kommission Klage gegen das Verbot ein. Nicht das Syngenta-Pflanzenschutzmittel Thiamethoxam sei für das Bienensterben in Europa verantwortlich, sondern «laut Experten Krankheiten, Viren, schwindender Lebensraum sowie mangelnde Nahrung».

«Eher ein Werbegag»

Das Problem der fehlenden Nahrung will Syngenta mit den Blumenwiesen lösen. Boris Bär bezweifelt, dass das funktioniert. Er ist ein renommierter Schweizer Bienenforscher und Professor an der University of Western Australia. Die Blumenwiesen von Syngenta erscheinen ihm «eher wie ein Werbegag», der wenig gegen den millionenfachen Verlust von Bienenvölkern ausrichten könne. «Der Ansatz ist nicht verkehrt, aber ein paar Quadratmeter bringen nichts.» Bienen brauchten permanent Diversität, nicht nur einmal pro Jahr eine blühende Magerwiese. «Und ich weiss nicht, wie viel Sinn es macht, Blumen zu pflanzen, wenn auf dem Feld nebenan weiterhin Pestizide eingesetzt werden», sagt Bär.

Auch Markus Imhoof bezweifelt, dass ein solches Nebeneinander sinnvoll ist. Er ist der Macher von More Than Honey, in dem Boris Bär ebenfalls einen Auftritt hatte. Imhoof ist Bärs Schwiegervater. «Alles was gut für die Bienen ist, ist gut», sagt Imhoof, «aber ein paar Blümchen am Wegesrand sind weder Bienenschutz noch Artenvielfalt.» Ackerränder gäben den Bienen zwar ein wenig Nahrung, verschleierten aber das eigentliche Problem: «die mit Pestiziden behandelten Monokulturen auf den grossen Feldern daneben, die die Bienen ‹nach dem Essen› umbringen». Die Aktion von Syngenta ist für ihn ein Feigenblatt.

Syngenta-Sprecherin Savina La Scalea schreibt dazu: «Mit Operation Pollinator zeigen wir auf, dass ein Nebeneinander von intensiver, nachhaltiger Landwirtschaft und Biodiversität möglich ist.» Bis 2020 wolle man die Artenvielfalt auf fünf Millionen Hektar Ackerland erhöhen.

«Bis zu 600 Prozent mehr Bienen»

Gleichzeitig versucht Syngenta, die Unschädlichkeit ihrer Pestizide zu beweisen. Letztes Jahr veröffentlichte das Unternehmen eine entsprechende Studie. Kritik gab es damals unter anderem auch von Boris Bär, der sagt, dass die Studie wissenschaftlich nicht haltbar sei. Es fehle unter anderem eine korrekte statistische Auswertung der Resultate. Für Bär besteht an der Schädlichkeit der Neonikotinoide kein Zweifel. Reihenweise schlügen unabhängige Forscher wegen des Wirkstoffs Alarm. «Die einzigen, die widersprechen, sind jene, die für Syngenta arbeiten.»

In Australien, wo Bär lebt und forscht, geht es den Bienen angeblich besser als in Europa und den USA. Ein Grund dafür ist laut Bär, dass die Bienen gar nicht oder nur sehr selten Pflanzen ausgesetzt werden, die mit Pestiziden behandelt wurden. «Ansonsten leben die Bienen in Nationalparks und Wäldern, also weit weg von intensiver Landwirtschaft und Pestiziden.»

Nach der Wirksamkeit des Blumenwiesenprojekts Operation Pollinator gefragt, antwortet Syngenta-Sprecherin La Scalea: «Aufgrund lokaler Gegebenheiten wie Klima und Fauna unterscheiden sich die Resultate je nach Region. Allerdings konnte durch die Kultivierung von Nahrungs- und Lebensraum mit Operation Pollinator überall ein Anstieg der Bienenanzahl verzeichnet werden, teilweise sogar um 600 Prozent.» Man werde sich weiterhin für die Gesundheit von Bienen, Hummeln und anderen Bestäubern einsetzen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch