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Novartis kämpft um Patent für Krebsmedikament

Novartis führt in Indien einen wegweisenden Patentstreit. Gewinnt der Pharmakonzern, könnte armen Bevölkerungsschichten der Zugang zu verbilligten Medikamenten erschwert werden.

Kämpft um den Zugang zur kaufkräftigen indischen Mittelschicht: Der Pharmakonzern Novartis. (Archivbild)
Kämpft um den Zugang zur kaufkräftigen indischen Mittelschicht: Der Pharmakonzern Novartis. (Archivbild)
Keystone

Für Millionen von Menschen in Indien und anderen Drittweltländern könnte der billige Zugang zu Generika künftig gefährdet sein. Am 11. September wird vor dem obersten indischen Gerichtshof in Neu Delhi die letzte Runde im Patentstreit zwischen der Schweizer Pharmafirma Novartis und dem indischen Patentamt eingeläutet.

Wie bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) zu erfahren war, verschob der Gerichtshof den für heute Mittwoch vorgesehenen Start der Anhörungen auf den 11. September. Das Gericht wollte zuerst andere hängige Fälle anhören.

Bei dem Gerichtsverfahren steht viel auf dem Spiel: Für den Weltkonzern Novartis geht es um die Innovationssicherheit seiner Pharmaprodukte auf dem indischen Gesundheitsmarkt mit einer rasant wachsenden kaufkräftigen Mittelklasse. Für die benachteiligten Schichten der Bevölkerung hingegen geht es um den billigen Zugang zu lebenswichtigen Arzneimitteln.

Patent für Krebsmittel Glivec als Streitpunkt

Ausgefochten wird der als wegweisender Fall geltende Rechtsstreit um das Novartis-Krebsmedikament Glivec. Diesem versagte das indische Patentamt im Januar 2006 die Patentierung auf dem indischen Markt. Beim Hauptwirkstoff Imatinib handle es sich nur um eine neue Version eines bereits bestehenden Wirkstoffs und damit nicht um eine Neuerfindung, hatte das Patentamt geltend gemacht.

Damit in Indien ein neues Patent auf ein Pharmamittel registriert werden kann, muss laut Paragraph 3-D im indischen Patentgesetz eine «erhöhte therapeutische Wirksamkeit» erreicht werden. Novartis akzeptierte den Entscheid nicht und zog den Fall vor die nächste gerichtliche Instanz. Auch diese entschied gegen Novartis, worauf der Konzern erneut rekurrierte und den Paragraphen infrage stellte.

Generikaherstellern in Indien droht Ungemach

Würde der indische Supreme Court nun Novartis Recht zusprechen, würden möglicherweise auch die Patente anderer Pharmakonzerne aus Europa und den USA verlängert oder neu gewährt, sagt Andrea Isenegger, Pharmazeutin bei MSF.

«Dies wäre so, selbst wenn es sich dabei wie im Fall von Glivec nur um sogenannte 'Evergreens' handelt, also Neuformulierungen bereits bestehender Medikamente», fügt sie hinzu.

«Ein solcher Entscheid könnte eine verheerende Wirkung auf Indiens Generikaindustrie haben», erklärt Isenegger weiter. Bestehe nämlich ein stärkerer rechtlicher Schutz für die Patente etablierter internationaler Pharmakonzerne, hätten die indischen Generikahersteller weniger Möglichkeiten, um ihre verbilligten Medikamente herzustellen.

Arme Menschen auf der ganzen Welt betroffen

Gerade die ärmeren Teile von Indiens 1,2-Milliarden-Bevölkerung sind aber stark auf erschwingliche Generika angewiesen, und zwar nicht nur im Falle des Krebsmedikaments Glivec, sondern auch bei HIV/Aids- oder Tuberkulosemitteln.

Indische Generikaversionen von Glivec sind für 2500 Dollar pro Jahr zu haben, der Jahrespreis in den USA, wo das Mittel seit 2001 zugelassen ist, liegt zwischen 40'000 und 100'000 Dollar.

Nicht nur Inderinnen und Inder sind jedoch auf günstige Nachahmerpräparate angewiesen, sondern auch Millionen von Menschen in anderen Schwellenländern und Drittweltstaaten. Denn Indien ist der weltweit grösste Exporteur von Generika.

MSF etwa bezieht laut eigenen Angaben rund 80 Prozent der weltweit an 170'000 HIV/Aids-Patienten verabreichten Medikamenten von Generikaherstellern in Indien. Krebspatienten behandelt MSF allerdings nicht, weshalb es der Organisation im aktuellen Fall vor allem um das Prinzip des allgemeinen Zugangs zu bezahlbaren Arzneimitteln für Patienten in Entwicklungsländern geht, wie Isenegger sagt.

Sicherheit indischer Patienten ist Novartis wichtig

Gemäss dem ehemaligen Novartis-Forschungsverantwortlichen Paul Herrling, unter dessen Leitung Glivec in den 90er Jahren entwickelt wurde, geht es bei dem Rechtsstreit aber auch um die Sicherheit der indischen Patienten. Bis anhin habe das indische Patentgesetz – entstanden 2005 im Zuge von Indiens Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO – diesen Aspekt ausgelassen.

Daneben erhoffe sich Novartis vom Rechtsstreit auch Sicherheit für die eigenen Innovationen, was künftige Investitionen in Indien ermöglichen und getätigte Forschungsaufwände entgelten würde. Da die ursprüngliche Form von Glivec mit dem Wirkstoff Imatinib nie auf dem Markt zugelassen gewesen sei, sei es zudem nicht richtig, von einem «Evergreen» zu sprechen, erklärt Herrling weiter.

Weltweiter Umsatz in Milliardenhöhe

Novartis' Jahresumsatz mit Glivec betrug im Jahr 2011 gemäss Jahresbericht 4,66 Milliarden Dollar. Es war damit das zweitumsatzstärkste Medikament des Konzerns nach dem Bluthochdruckmittel Diovan. Ein abschliessendes Urteil im Fall Novartis gegen das indische Patentamt erwarten Experten in einigen Monaten.

SDA/rbi

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