Mysteriöse Serie umgeknickter Windräder

In Deutschland sind innerhalb weniger Wochen mehrere Windräder wie Streichhölzer eingeknickt. Das dürfte es eigentlich nicht geben.

«Zu viele in zu kurzer Zeit»: Umgeknicktes Windrad bei Hamburg.

«Zu viele in zu kurzer Zeit»: Umgeknicktes Windrad bei Hamburg.

(Bild: Martin Mi/Stadtreinigung Hamburg/SRH)

Stefan Eiselin@tagesanzeiger

Auf der einen Seite steht die Statistik. Sechs bis sieben Zwischenfälle mit Windrädern verzeichnet man in Deutschland durchschnittlich pro Jahr. Das ist angesichts von 26'500 Anlagen eine Quote von gerade mal 0,02 Prozent. Typischerweise brennt es dann nach einem Blitzeinschlag oder es bricht ein Teil eines Rotorblatts ab.

Doch es gibt auch die andere Seite, die Ausnahme von der Statistik. Innerhalb von vier Wochen ist es im Norden Deutschlands zu vier schweren Zwischenfällen gekommen. «Das ist schon extrem. Zu viele in zu kurzer Zeit», wie es Philipp Stukenbrock von dem auf Windenergieanlagen spezialisierten Ingenieurbüro 8.2 Consulting umschreibt. Die mysteriöse Serie begann im Dezember im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, als der Turm eines 70 Meter hohen Windrades auf rund halber Höhe brach und die Spitze mit Gondel und Rotoren zur Erde krachte.

Rotorblatt bricht ab und stürzt zu Boden

Kurze Zeit später passierte es in Sachsen. In einem Windpark knickte der Mast eines fast 100 Meter hohen Windrades 15 Meter über der Erde ein wie ein Streichholz. Die Anlage fiel dadurch auf einen Acker. Anfang dieser Woche brach ein rund 40 Meter langes Rotorblatt einer Anlage im Bundesland Brandenburg ab und fiel zu Boden. Und in der Nähe von Hamburg knickte gleichentags der Mast eines rund 100 Meter hohen Windrades auf rund 20 Metern an einer Nahtstelle – auch da krachte der obere Teil des Turms auf ein Feld. Der Schaden beträgt gemäss Experten pro Windrad rund eine halbe Million Euro.

Schwerer wiegt jedoch die Unsicherheit. Warum kam es zu dieser Häufung, die es eigentlich gar nicht geben dürfte? Experte Stukenbrock sagt, es sei noch zu früh für abschliessende Aussagen. Eine Rolle könne aber spielen, dass um die Jahrtausendwende extrem viele neue Anlagen gebaut worden waren. Dabei wurden manchmal aus Mangel an Fachkräften auch weniger qualifizierte Montageteams eingesetzt oder nicht perfekte Methoden angewandt. Zwei der geknickten Windräder waren denn auch 16 und 18 Jahre alt. Als mögliche Ursachen kommen in den Augen von Stukenbrock aber auch «Ermüdungsbrüche oder nicht korrekt montierte Verbindungen». Er beruhigt jedoch: «Die Häufung ist extrem und untypisch. Man darf jetzt aber nicht in Panik verfallen. Es sind immer noch Einzelfälle.» Windräder werden auf eine Laufzeit von zwanzig Jahren ausgelegt, können aber durchaus auch länger betrieben werden.

Windkraft in der Kritik

Auch der deutsche Bundesverband Windenergie, der die Betreiber der Anlagen vertritt, hält Windräder nach wie vor für sicher. Es handele sich bei den vier Unglücken um Einzelfälle, so ein Sprecher zur Zeitung «Die Welt». Gutachter prüften nun jeden Einzelfall genau. Windräder werden nach den Richtlinien des Deutschen Instituts für Bautechnik regelmässig überprüft. Alle zwei bis vier Jahre kommt die Standsicherheit an die Reihe, alle sechs Monate die elektrischen Anlagen. «Daran halten sich die Betreiber auch, weil jeder möglichst ohne Ausfall produzieren will», so der Sprecher zum Blatt.

Die Windenergie steht in Deutschland unter Druck. Zum einen beklagen Tierschützer, dass immer wieder Vögel in die Rotoren geraten und getötet werden. Andere beklagen die Zerstörung des Landschaftsbildes und wieder andere beklagen die konstanten Schallemissionen. Was die Betreiber als Letztes brauchen können, ist daher Kritik an der Sicherheit der Anlagen.

baz.ch/Newsnet

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