«Ist ihr Ziel wirklich, das Leben der Mitarbeiter zu ändern?»

Lieber eine gute Firmenkultur als Meditations- und Yogakurse: Zwei Wirtschaftsprofessoren kritisieren den Wellness-Trend im Büro.

Wellness im Büro: Meditierende Mitarbeiter. (Symbolbild)

Wellness im Büro: Meditierende Mitarbeiter. (Symbolbild)

(Bild: istock)

Caroline Freigang@c_freigang

Yoga, Meditation, Achtsamkeit und Wellness haben Hochkonjunktur in Unternehmen. Bereits vor über zehn Jahren gab Achtsamkeits-Guru und ehemaliger Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn bei Google Kurse in MBSR – «Mindfulness Based Stress Reduction». Diese Methode, die Elemente aus der buddhistischen Lehre übernimmt, soll Stress durch Achtsamkeit reduzieren.

Apple hat derweil eigene Gesundheitskliniken eröffnet, die nur ihre Mitarbeiter nutzen können. Ausgeschrieben war dafür auch eine Stelle als «Behavioural Health Partner». Dieser soll Patienten helfen, Gesundheit und Wohlbefinden durch nachhaltige Verhaltensänderung zu verbessern.

Meditations- und Achtsamkeitskurse

Der Trend ist auch in die Schweiz übergeschwappt. Immer mehr Unternehmen setzen darauf, das psychische und körperliche Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zu verbessern. Google bietet seinen Mitarbeitern laut «20 Minuten» auch in Zürich Meditationskurse und einen Meditationsraum zur Verfügung. Auch beim Energiedienstleister Axpo, Swisscom und Helsana gibt es Achtsamkeitsangebote.

Grund für die Zunahme an Entspannungs- und Wohlbefindenkursen ist wohl auch die Zunahme an stressbedingten Ausfällen im Arbeitsleben. Laut einer Auswertung der Krankenkasse Swica hat die Zahl der Krankschreibungen bei Schweizer Firmen innert fünf Jahren um 20 Prozent zugenommen. Besonders stark angestiegen sind die Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen. Hier beträgt das Plus innerhalb von fünf Jahren 35 Prozent.

«Verhindern, dass überarbeitete Menschen völlig ausbrennen»

Nun haben zwei Wirtschaftsprofessoren den Trend zu Entspannungskursen und Wellness-Angeboten in Unternehmen in einem Blog-Eintrag infrage gestellt. «Tun wir uns wirklich einen Gefallen, abends Achtsamkeitstraining zu betreiben und gleichzeitig weiterhin dem ständigen täglichen Stress bei der Arbeit standzuhalten?», schreiben Manfred Kets de Vries, Professor für Leadership Development und Organisational Change an der französischen Wirtschaftshochschule Insead, und Katharina Balazs, Professor an der Wirtschaftsschule ESCP Europe, in einem Blog-Eintrag. Auch kritisieren sie Detox-Behandlungen, teure Retreats, die auch unter Managern sehr beliebt sind, und andere angeblich gesundheitsfördernde Massnahmen.

Es sei sinnvoll, nach Wohlbefinden und einem gesünderen Lebensstil zu streben – sowohl zu Hause wie auch am Arbeitsplatz. «Wahres Wohlbefinden sollte aber als Geisteszustand betrachtet werden», so die Autoren. Und sie fragen: «Wenn Unternehmen mit einer kompetitiven Kultur Wellnessprogramme einführen, ist ihr Ziel wirklich, das Leben der Mitarbeiter zu ändern? Oder dient dies meistens dazu, zu verhindern, dass überarbeitete Menschen völlig ausbrennen?» In Unternehmen, in denen Menschen echtes Wohlbefinden erlebten, sei dieses schon immer Teil der Firmen-DNA gewesen und nicht nur eine Modeerscheinung.

«Viele Organisationen von Angst und Paranoia durchzogen»

Firmen mit einer solchen DNA erkenne man daran, dass Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz enthusiastisch weiterempfehlen, erklären Kets de Vries und Balazs. Dies sei ein klares Zeichen, dass die Organisation sich wirklich um das Wohlbefinden der Mitarbeiter kümmere.

Zwei Aspekte sind den Autoren zufolge zudem wichtig, damit das Wohlbefinden der Mitarbeiter innerhalb eines Unternehmens gefördert werden kann. Zum einen sei dies ein vertrauensvolles Klima. «Vertrauen bedeutet, dass Menschen einander mit gegenseitigem Respekt behandeln, sich integer verhalten und dass faire Prozesse selbstverständlich sind», schreiben sie. Leider seien «zu viele Organisationen von Angst und Paranoia durchzogen». Dort bleibe die Kreativität auf der Strecke – und damit auch das Wohlbefinden.

Zum anderen sei Coaching von Teams ein wichtiger Aspekt, um das Wohlbefinden aller zu fördern. Eine Coaching-Kultur ermutige Menschen zum Wissensaustausch, Mitarbeitende fühlten sich mehr verbunden.

«Ohne Grundlagen nur Geldverschwendung»

Das bedeute aber nicht, dass man alle Wellness-Programme über Bord werfen sollte, so die Autoren. Ohne die genannten anderen Bestandteile wie Vertrauen und einer Coaching-Kultur taugten diese aber nichts und verkämen zu einer weiteren Management-Mode. «Die Welt ist bereits voll von imaginären ‹Quick-Fix-Lösungen›. Führungskräfte sollten sich besser darüber im Klaren sein, dass, wenn die Grundlagen nicht vorhanden sind, ihre teuren Wellness-Programme nur eine Geldverschwendung sind», so ihr Fazit.

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