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«Ich trug die UBS auf meinen Schultern»

Jetzt spricht er, der frühere Banker Kweku Adoboli. Wie es zu den verheerenden Verlusten kam und wie zu seiner Kündigung.

Spricht von einem Segen: Kweku Adoboli blickt auf die Unterstützung seiner Freunde und Familie während des Prozesses zurück.
Spricht von einem Segen: Kweku Adoboli blickt auf die Unterstützung seiner Freunde und Familie während des Prozesses zurück.
Keystone

Sein Fall hat ein Erdbeben in der City of London verursacht und den ehemaligen UBS-Chef Oswald Grübel gestürzt: Kweku Adoboli. Der damals 32-jährige Händler und seine Kollegen rissen mit dem Handel von Bankgeldern ein 2,3-Milliarden-Dollar-Loch in die Bilanz der UBS.

Im November 2012 war er zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Seit dem Sommer ist er vorzeitig frei, kämpft gegen die Abschiebung in sein Geburtsland Ghana und spricht in einem Interview mit der «Financial Times» (FT) über den Fall.

Hitzige Debatte über die Richtung der Märkte

Adoboli arbeitete 2011 am ETF-Desk der Bank in London, wo indexbasierte Fonds erstellt und angeboten werden. Doch ging es auch darum, mit eigenen Geldern der Bank zu spekulieren, anstatt lediglich Risiken mit dem ETF-Handel abzusichern. «Unsere Abteilung war zentral für die UBS in ihrer Vision, den Profit zu steigern», sagt der mittlerweile 35-Jährige.

Im späten Frühling 2011 führte das junge Team um Adoboli eine «sehr erhitzte Debatte» darüber, wohin die Märkte tendieren würden. «Ich persönlich dachte, dass es einen Crash geben würde. Doch insgesamt entschieden wir uns dafür, auf steigende Kurse zu setzen.»

Die Kurse purzelten. «Wir waren unter extremem Druck und es kamen immer mehr Kunden.» In der Hoffnung auf steigende Kurse kaufte sich das Team in fallende Märkte ein. Doch es ging weiter abwärts. «Während dieser Zeit beobachtete ich den ganzen Tag die globalen Finanzmärkte und schlief rund vier Stunden pro Nacht.»

Dann hätte das Team um Adoboli den Fokus komplett verloren und nicht mehr klar denken können. «Als alles total schieflief, gab es keine Angst, sondern ein Verlangen, alles wieder richtig zu machen», sagte der ehemalige Händler, der gemäss Urteil nicht mehr in Grossbritannien in der Finanzbranche arbeiten darf (zum Artikel).

Kündigung – aber nicht jetzt

Doch die Verluste türmten sich – seit sechs Wochen, wie Adoboli sagte. Das zehrte an ihm, mergelte ihn emotional aus. Bereits vor dem dicken Minus kamen Zweifel auf. «Trotz des Geldes und des Profits war ich nicht glücklich. Ich war stolz für die UBS zu arbeiten. Doch ich war nicht glücklich. Ich fragte mich, was meine Arbeit für die Welt bedeute. Meine Partnerin fragte mich, ob ich wirklich ein Händler bleiben wolle.»

Der Entscheid fiel: Kündigung. Doch nicht unter diesen Umständen. Denn die Schulden häuften sich weiter und «ich wollte den Verlust wieder ausbügeln und dann gehen». Doch es gab keinen Ausweg mehr. Das Team konnte die Verluste nicht abbauen. «Wir haben nicht die geeigneten Instrumente gehabt und waren zu unerfahren», sagte Adoboli gegenüber der FT.

Es gab nur die Bibel

Eine «bedeutende Anzahl UBS-Mitarbeiter» habe laut Adoboli von den Spekulationen gewusst. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, etwas Illegales getan zu haben. «Ich übernahm die gesamte Verantwortung und schützte meine Kollegen. Ich war zu naiv.»

Das wurde dem Sohn eines UNO-Diplomaten spätestens klar, als er nach seinem Geständnis in die Teppichetage zitiert wurde. Bis in die Nacht befragten UBS-Chefs und Anwälte den jungen Händler. Dann sagten sie ihm, er könne nicht nach Hause gehen. Die Polizei holte Adoboli ab. Was folgte waren zwei Tage Haft – ohne Kontakt zu seiner Freundin oder seinen Eltern. Er bat um eine Bibel. Es war das einzige Buch, das ihm zustand.

Nach der Stille brach der Rummel raus. Die Weltpresse hatte sich auf den Fall Adoboli gestürzt. Der Gerichtssaal war gestopft voll. Nach eigenen Aussagen waren Adobolis erste Gedanken: «Oh, meine Güte, meine Eltern. Oh, meine Güte, meine Freundin.» Neun Wochen wurde sein Fall verhandelt. «Ich habe damit gerechnet, verurteilt zu werden.» Einerseits habe er sich schuldig bekennen wollen, damit alles schnell vorbei sei. Andererseits würde die Welt dann nicht die Wahrheit erfahren. Seine Strategie, sich nicht schuldig zu bekennen, habe sich gelohnt – obwohl er durch ein Geständnis mit einem milderen Urteil hätte rechnen dürfen: «Ich wollte, dass die UBS, die Finanzbranche und wir als Gesellschaft aus meinen Fehlern lernen.»

Kweku Adoboli wurde hauptschuldig gesprochen des 2,3-Milliarden-Dollar-Handelsverlustes, den die UBS im September 2011 einfuhr. Bild: Adoboli vor dem Gericht am 14. September 2012.
Kweku Adoboli wurde hauptschuldig gesprochen des 2,3-Milliarden-Dollar-Handelsverlustes, den die UBS im September 2011 einfuhr. Bild: Adoboli vor dem Gericht am 14. September 2012.
Reuters
Adoboli arbeitete seit 2008 am ETF-Desk der UBS-Investmentbank in London. Sein verstecktes Buchhaltungssystem soll er ursprünglich in Betrieb genommen haben, um einen Handelsverlust von 400'000 Dollar zu kaschieren. Adoboli buchte dazu fiktive Deals ins System ein. Bild: UBS-Hauptquartier in London, aufgenommen am 15. September 2011.
Adoboli arbeitete seit 2008 am ETF-Desk der UBS-Investmentbank in London. Sein verstecktes Buchhaltungssystem soll er ursprünglich in Betrieb genommen haben, um einen Handelsverlust von 400'000 Dollar zu kaschieren. Adoboli buchte dazu fiktive Deals ins System ein. Bild: UBS-Hauptquartier in London, aufgenommen am 15. September 2011.
Keystone
Adoboli selbst sah sich als Opfer der UBS-«Maschinerie»: Händler wie er seien zum Überschreiten der Limiten regelrecht angestiftet worden. «So lange wir Profit machten, waren alle zufrieden», sagte Adoboli dem Gericht. Er sei kein Schurke, kein «rogue trader», so Adoboli. Bild: Adoboli und seine Verteidiger vor dem Gericht am 10. September 2012.
Adoboli selbst sah sich als Opfer der UBS-«Maschinerie»: Händler wie er seien zum Überschreiten der Limiten regelrecht angestiftet worden. «So lange wir Profit machten, waren alle zufrieden», sagte Adoboli dem Gericht. Er sei kein Schurke, kein «rogue trader», so Adoboli. Bild: Adoboli und seine Verteidiger vor dem Gericht am 10. September 2012.
AFP
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Die FT-Journalistin Lindsay Fortado fragte Adoboli: «Sind Sie wütend, dass die UBS Sie fallen liess und eine Schar von Anwälten und PR-Leuten einsetzte, um dafür zu sorgen, dass Sie verurteilt werden?» Adoboli antwortete: «Ich trug die UBS auf meinen Schultern. Ich liebte diese Bank. Und das war wahr. Ich kann nachvollziehen, warum die Institution sich so verhalten hat.»

Im Interview mit der FT bezeichnet Adoboli den Fall nun als «Segen». Er hätte zuvor seine Arbeit priorisiert. Erst der Prozess habe ihm gezeigt, wie stark seine Freunde und Familie ihn unterstützten. «Ohne sie hätte ich den Prozess nicht überlebt.»

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