Grosse Träume, harte Landungen

Von England nach Sitten: Eine britische Airline will Direktflüge ins Wallis anbieten. Ähnliche Pläne sind auch schon gescheitert.

Vielleicht bald stärker frequentiert: Eine Maschine landet auf dem Flughafen in Sitten.

Vielleicht bald stärker frequentiert: Eine Maschine landet auf dem Flughafen in Sitten.

(Bild: Keystone)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Hätte der britische Pionier Thomas Cook 1858 nicht eine Gruppenreise in die Schweiz organisiert – wer weiss, wie viel Zeit noch vergangen wäre, bis der Tourismus so richtig in Fahrt gekommen wäre. Heute sorgen britische Touristen für 10 Prozent aller ausländischen Logiernächte in Schweizer Hotels und sind damit die zweitgrösste Touristengruppe hinter den Deutschen. In der Tourismusregion Wallis buchen sie sogar 13 Prozent aller Übernachtungen, mehr als in Graubünden (8 Prozent) oder dem Berner Oberland (11 Prozent).

Das ist auch der Grund, weshalb das Wallis die Folgen des Brexit besonders stark zu spüren bekommt. Seit der EU-Abstimmung letzten Juni verlor das Pfund zwischenzeitlich gegenüber dem Franken bis zu 11 Prozent an Wert. Zahlen des Walliser Tourismus-Observatorium zeigen die Konsequenzen. Im Dezember 2016 übernachteten im Vergleich zum Vorjahresmonat 19 Prozent weniger britische Touristen im Wallis. Zwar ging die Zahl der gesamten europäischen Übernachtungen ebenfalls zurück, allerdings mit minus 11 Prozent deutlich weniger stark. Im Januar öffnete sich sogar eine Schere: Die Zahl der Übernachtungen von europäischen Touristen stieg um 4 Prozent, bei den Briten sank sie um 5 Prozent.

Mit Skigepäck direkt nach Sitten

Umso grösser dürften die Hoffnungen sein, die der Walliser Tourismus in ein Projekt der britischen Fluggesellschaft PowdAir setzt. Die neue «skiers airline», wie sie die «Financial Times» nennt, will von sechs britischen Flughäfen direkt nach Sitten fliegen. An fünf Tagen pro Woche, für 120 bis 185 Franken pro Flug, inklusive Skigepäcks. Zielpublikum sind also Wintersportler, die bis anhin nach Genf fliegen und von dort aus weiter nach Zermatt, Verbier oder Saas-Fee fahren mussten. Lancieren will die Airline mit Sitz in London die neuen Flüge im Dezember.

Die Reisezeit für britische Touristen verkürzt sich so deutlich. Entsprechend erfreut sind Walliser Tourismusvertreter. Der Anteil der britischen Gäste sei in den letzten zwölf Jahren von 80 auf 20 Prozent gefallen, sagt Markus Bratter, Chef der Hotelgruppe Kings in Verbier, zur «Financial Times». Er begrüsse die neue Flugverbindung. «Die vereinfachte Anreise dürfte einen Effekt haben und zusätzliche Nachfrage generieren», sagt auch Florian Hälg, Tourismusexperte bei der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH. Gerade in Konkurrenz mit ausländischen Skigebieten, etwa solchen in Frankreich, könnte die neue Zeitersparnis laut Hälg einen Wettbewerbsvorteil bedeuten.

Gegroundete Linienflüge

Auch der «Walliser Bote» freut sich über die neuen Flüge und träumt schon gross. PowdAir könnte dem Flugplatz Sitten neues Leben einhauchen, schreibt die Regionalzeitung. «Geht alles klar, wird Sitten bald der Nabel – wenn auch nicht zur grossen weiten Welt, so doch immerhin zu sieben europäischen Ballungsräumen.» Auch das kleine Balearen-Inselchen Ibiza hätte ohne seinen Flugplatz «wohl weiterhin vom Fischfang leben müssen».

Allerdings: Die PowdAir ist nicht die erste Airline, die in Sitten neues Potenzial erschliessen will. Aktuell wird der Flughafen vor allem von der Air Glacier und Etihad Regional genutzt, die italienische, französische und spanische Destinationen anfliegen. Die Swiss hat im Februar Flüge vom Walliser Kantonshauptort nach London getestet, und auch sie hat es auf britische Wintersportler abgesehen. «Wir sind mit der Auslastung der Flüge sehr zufrieden», sagt eine Swiss-Sprecherin auf Anfrage. Über die Zukunft dieser Verbindung werde voraussichtlich im Frühjahr oder Sommer entschieden.

Auch die britische Fluggesellschaft Titan Airways bot während vier Jahren die Strecke London–Sitten an, 2012 strich sie das Angebot. Als Grund nannte die Airline interne Restrukturierungen. Ende der 60er-Jahre wurde sogar eigens ein Liniendienst gegründet, der von Grossbritannien aus nach Bern, Interlaken und Sitten fliegen sollte. Doch nach nur einer Saison wurde die Tellair gegroundet, wegen finanzieller Probleme.

baz.ch/Newsnet

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