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Entsteht gerade eine neue Internetblase?

Hightech-Überflieger wie Facebook erinnern an die Dotcom-Blase im Jahr 2000. An Warnsignalen fehlt es nicht. Doch die Situation ist eine andere als damals.

Satte 8,5 Milliarden Dollar für Skype: Microsoft-Chef Steve Ballmer (links) mit Skype-Chef Tony Bates.
Satte 8,5 Milliarden Dollar für Skype: Microsoft-Chef Steve Ballmer (links) mit Skype-Chef Tony Bates.
Keystone

Eine Flut von Börsengängen in den vergangenen Monaten hat die Investoren im Silicon Valley tief gespalten. Und ebenso stark verunsichert. Hie und da wird die Angst geäussert, es könnte sich eine Blase wie im Jahr 2000 bilden. Darauf scheinen die immer höheren Preise von Facebook-Aktien hinzudeuten. Wiederholt sich also die Geschichte?

Ein anschauliches, aber nicht typisches Beispiel für die Übertreibung im heutigen Umfeld ist Microsoft: Ausgerechnet der zum alten Eisen gezählte Software-Konzern liess sich die Übernahme des Internet-Telefondiensts Skype satte 8,5 Milliarden Dollar kosten. Viel zu viel, sagen die Hightech-Analysten Anthony Miller und Arun George. Microsoft werde grosse Mühe haben, Skype einmal so gewinnbringend zu betreiben, dass der hohe Preis amortisiert werden könne.

Der Deal sei eine klassische Verzweiflungstat gewesen, sagen die beiden Internetexperten, getrieben allein durch die Angst, dass ein Konkurrent – Facebook oder Google – den Telefondienst an sich reissen könnte. Der Skype-Deal stehe deshalb stellvertretend für den stark zugespitzten Wettbewerb, den die Konzerne untereinander austragen. Auch die inzwischen fast wertlos gewordene Übernahme von Myspace durch die News Corporation und der kostspielige Kauf von Youtube durch Google gelten als Beispiele einer exzessiven Preisbildung.

Markt siebt die «Schlechten» aus

Daraus eine neue Spekulationsblase abzulesen, ist nach Ansicht vieler Investoren im Silicon Valley indessen sehr verfrüht. Ein Blick auf die Börse zeigt, dass die Märkte heute die guten und die schlechten Unternehmen viel schneller auseinanderdividieren als in der Internetblase von 2000. Auch liessen sich die Kleinanleger (noch) nicht von der Spekulation anstecken.

«Ich bin lange genug im Geschäft, um zu sehen, wenn sich eine Blase bildet», sagt Andrew Beebe, Mitglied der Geschäftsleitung des Solarkonzerns Suntech und einer der ersten Investoren in das Berufsnetzwerk Linkedin. «Ein Blick auf die Börse zeigt, dass wir von einer spekulativen Blase wie vor zehn Jahren noch entfernt sind.» Beebe hatte schon Mitte 2003 Aktien von Linkedin für unter 5 Dollar pro Stück erworben. Beim Börsengang im Mai verkaufte er 3000 Stück für 45 Dollar, nur um daraufhin den Preis auf über 100 Dollar steigen zu sehen.

Dennoch bedauert Beebe den Verkauf nicht. Abgestossen habe er nur einen sehr kleinen Teil der Linkedin-Papiere, um das Klumpenrisiko zu reduzieren. Die Aktie ist seither auf 75 Dollar gesunken; liegt aber deutlich über dem Ausgabepreis. Der hohe Preis sei gerechtfertigt, findet Beebe. «Linkedin gehört bereits zur gleichen Kategorie von Unternehmen wie Amazon und Google und ist daran, eine globale Marke zu werden.» Die übrigen Aktien behält er; er traut Linkedin ein «beträchtliches Aufwärtspotenzial» zu.

Weit weniger Nachahmer

Langjährige Beobachter im Silicon Valley sehen am Beispiel von Linkedin einen der grossen Unterschiede zur Blase von 2000. Anders als die meisten Firmen, die damals an die Börse gingen, ist Linkedin ein etabliertes, global operierendes Unternehmen. «Wie Facebook ist Linkedin eine Firma mit einem soliden Geschäftsmodell und einem lukrativen Zielpublikum», erklärt Andres Wydler, Berater von Start-up-Firmen und Angel Investor in San Francisco. Beide Unternehmen hätten eine kaum einholbare Marktstellung erreicht, die sich in den hohen Bewertungen abbilde.

Wydler sieht auch deshalb keine Spekulationsblase, weil weit weniger «Me-too-Firmen» an die Börse gehen als 2000. Wenn aber solche Nachahmer den Börsengang wagen, werden sie schneller bestraft als damals. Ein warnendes Beispiel ist Demand Media, eine «Content-Farm», die einen Teil der Google-Werbung für sich abzweigen will. Gewinne hat Demand Media noch nicht ausgewiesen; dafür ist der Marktwert seit dem Börsengang im Januar um über 30 Prozent gefallen. Noch schlimmer erging es Renren, die als chinesische Alternative zu Facebook hochgejubelt und in den USA an die Börse gebracht wurde. Das war im Mai. Seither fiel der Marktwert um 70 Prozent. Es ist dieses rabiate Aussieben, das den Markt von jenem von 2000 unterscheidet. «Damals gab es viele, die schnell auf den Internetzug aufsprangen und meinten, mit dem Verkauf von Hunde- oder Katzenfutter etwas Neues zu schaffen», so Wydler. Sie konnten sich überraschend lange halten und erreichten oft milliardenschwere Bewertungen. Auf dem Höhepunkt der Blase waren mehrere Hundert solcher Firmen an der Börse. Sie sind praktisch alle verschwunden.

Vorsicht geboten

An Warnsignalen fehlt es auch heute nicht. Beispiel: das Internetradio Pandora. Zunächst sollte die Aktie für 9 Dollar an der Börse platziert werden; doch drückten die federführenden Banken den Preis auf 16 Dollar hoch, obwohl das Geschäftsmodell mit steigendem Absatz weniger Gewinn ausweist. Mehrere Analysten bewerten Pandora deshalb nur mit 5 bis 6 Dollar pro Aktie. Den Grund für diese Diskrepanz sieht Lee Simmons von der IPO-Firma Hoovers bei den Banken. Sie hätten zu wenige Aktien – weniger als 10 Prozent – ausgegeben und damit eine künstliche Verknappung und einen zu hohen Preis geschaffen.

Ebenso skeptisch betrachten Experten den bevorstehenden Börsengang von Groupon, einem Anbieter von Rabattcoupons im Internet. Bei Groupon sei Vorsicht geboten, sagt Wydler. «Das ist eine Firma, die im Windschatten von etablierten, gut geführten Unternehmen an die Börse gehen und kassieren will.» Die Art und Weise, wie Groupon nicht nur den eigenen Umsatz, sondern auch jenen der vermittelten Coupons verbucht, bezeichnet er als eine «sehr bedenkliche Art der kreativen Buchhaltung».

Alle lieben Facebook

Es bleibt der Sonderfall Facebook. Die Aktien sind derart begehrt, dass die Preise immer luftigere Höhen erklimmen. Zu Beginn dieser Woche etwa erwarb die kleine GSV Capital Facebook-Papiere für 6,6 Millionen Dollar. Kein grosser Happen, gemessen an einer Bewertung von 100 Milliarden Dollar. Dennoch trieben die Anleger die Aktien der erst seit April kotierten Investmentfirma um mehr als 42 Prozent in die Höhe.

Solche Exzesse zeigen gemäss Marktbeobachtern die zwei Seiten eines seltsam einseitigen und gespaltenen Marktes: Einerseits bewerten die Investoren Facebook so haushoch, weil es das einzige Unternehmen ist, das weltweit mehr als eine halbe Milliarde Kunden zählt und einen kaum mehr einholbaren Vorsprung erzielt hat. Anderseits zeigt Facebook, wie wenige wirklich neue, innovative und profitable Firmen die letzten zehn Jahre im Silicon Valley entstanden sind. Die 19 dieses Jahr an der Börse platzierten Jungfirmen haben enttäuscht, liegen sie doch insgesamt um 2 Prozent im Minus. Dies erklärt das lokalisierte Fieber: «Jeder will bei Facebook einsteigen», sagt GSV-Chef Michael Moe. «Doch wie immer bei Aktien erwarte ich das Schlimmste, hoffe aber aufs Beste.»

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