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Endlich Schluss mit Kaufstress im Kleiderladen

Shoppingfaule Männer sind eine attraktive Zielgruppe. Spezialisierte Onlinehändler hätscheln die Modemuffel mit telefonischer Stilberatung.

Stilberatung über Internet und Telefon: Mit Modomoto.com buhlt seit heute ein weiterer Curated-Shopping-Anbieter um Schweizer Kunden.
Stilberatung über Internet und Telefon: Mit Modomoto.com buhlt seit heute ein weiterer Curated-Shopping-Anbieter um Schweizer Kunden.

Der Vorgang nennt sich «kuratiertes Einkaufen». Was früher die Verkäuferin im Modegeschäft leistete, wollen die Onlineanbieter mit «Curated Shopping» von zu Hause aus ermöglichen. Der Kunde füllt ein einziges Mal einen Fragebogen aus, was etwa zehn Minuten dauert. Auf Wunsch erhält er am Telefon eine persönliche Beratung durch einen Stilexperten. Dann bringt ihm der Paketbote der Schweizerischen Post die Outfits – zusammengestellt aus diversen Marken nach den Wünschen des Kunden. Die Preise entsprechen jenen im stationären Modegeschäft.

Berliner Start-up lanciert heute Schweizer Angebot

Heute lanciert Modomoto.com sein Angebot in der Schweiz. Der Berliner Start-up mit knapp 200 Angestellten und einem Umsatz im zweistelligen Millionenbereich ist nach eigenen Angaben in Deutschland und Österreich der grösste Anbieter mit kuratiertem Shopping. Es sei ein logischer Schritt, «die sehr hohe Nachfrage aus der Schweiz nun ebenfalls zu bedienen», so die Gründerin Corinna Powalla. Seit dem Start im Dezember 2011 habe Modomoto in Deutschland und Österreich über 200’000 Männer vom Shoppingstress befreit, sagt die 33-Jährige, diese Expertise wolle man nun auch in den Schweizer Markt einbringen.

Erzrivale schon präsent

Da ist allerdings die Konkurrenz schon längere Zeit präsent – und die Internetadresse Modomoto.ch im Übrigen durch einen Motorradblog besetzt, sodass der Zugang für die Schweizer Kundschaft über Modomoto.com laufen muss. Bereits seit September 2013 bietet der ebenfalls in Berlin gegründete Erzrivale Outfittery in der Schweiz kuratiertes Einkaufen für Männer an. Modomoto und Outfittery liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Outfittery startete zwar drei Monate später als Modomoto, hat aber ebenfalls rund 200’000 Kunden und bezeichnet sich aufgrund seiner Präsenz in acht europäischen Ländern als «Marktführer in Europa» (150 Angestellte, davon 80 Stilberater). Co-Geschäftsführerin und Mitbegründerin ist die 30-jährige Julia Bösch, die zuvor beim Onlineschuhhändler Zalando arbeitete.

Dass nun auch Modomoto den Schweizer Markt beackert, nimmt Alex Keil von Outfittery.ch sportlich. Das werde dazu beitragen, solche Angebote bei der Kundschaft bekannter zu machen. «Wir sind überzeugt, dass – insbesondere durch den immensen Vorsprung in der Schweiz, den wir uns über die letzten zwei Jahre aufbauen konnten – sich dies nur positiv auf unser Wachstum auswirken wird.»

«Immenses Potenzial» in der Schweiz

Die Geschäfte in der Schweiz laufen offenbar glänzend. Outfittery.ch nennt zwar keine konkreten Zahlen, doch Keil sagt, es gebe wohl «keine Nation, die guten und qualitativen Service so hoch schätzt wie die Schweiz, weswegen wir auch entsprechend positiv wachsen konnten». In der Schweiz sei «noch ein immenses Potenzial» spürbar. Mit einer Werbekampagne auf fast allen Schweizer Fernsehsendern wirbt das Unternehmen derzeit für seine Dienste. Bei Outfittery.ch kommen die Pakete ebenfalls mit der Schweizerischen Post ins Haus, für die kostenlose Rücksendung kann auch das Netzwerk von Päckli Punkt mit längeren Öffnungszeiten und Wochenendservice genutzt werden. Es besteht auf über 800 teilnehmenden Kiosk-Filialen.

Auswahlstress der Kunden reduzieren

Tatsächlich nehmen die Angebote von kuratiertem Einkaufen zu, je mehr online gehandelt wird. «Die Relevanz des Kuratierens steigt mit dem wachsenden Auswahlstress der Konsumenten», hält auch Trendforscherin Martina Kühne vom Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon fest. In den letzten Jahren sei die Idee, das immer grössere Angebot an Produkten zu kuratieren, vom Segment der Luxusprodukte zunehmend in weitere Lifestylebereiche übertragen worden. Entlehnt ist der Begriff – marketingmässig geschickt – der Kunstwelt, in der Kuratoren und Galeristen ebenfalls eine Vorauswahl für ihr Publikum treffen.

Verkäufe besser als im Ladengeschäft

Doch eine Frage drängt sich auf. Können stationäre Ladengeschäfte diese Aufgabe nicht erfolgreicher wahrnehmen als eine Stilberatung übers Internet oder Telefon? Modomoto-Gründerin Powalla will das nicht gelten lassen. Das kuratierte Einkaufen verbinde die Vorteile aus beiden Welten, dem Online- wie dem stationären Handel: «Und wenn man den Erfolg an der pro Einkauf erworbenen Anzahl von Keidungsstücken misst, dann liegt Modomoto sowohl über dem E-Commerce als auch über dem stationären Handel.» Viele Männer würden mit Shopping heute doch eher teure Parkplätze, enge Umkleidekabinen und keine besonders gute Beratung verbinden: «All das ersparen wir unserem Kunden und wissen beim nächsten Einkauf sogar noch, dass er beim letzten Mal diese grüne Chino gekauft hat, zu der jetzt vielleicht ein schönes Hemd passt.»

Retouren gehören zum Geschäftsmodell. Bei Modomoto umfasst eine Sendung mit zwei bis drei Outfits nach den Erfahrungen in Deutschland normalerweise einen Warenwert von umgerechnet rund 800 Franken. Bei der ersten Sendung geht meist mehr als die Hälfte zurück, für Powalla ist das «ein Wert, mit dem wir sehr gut leben können, denn wir wollen ja eine langfristige Beziehung aufbauen und mit der Zeit immer besser werden.»

Offenbar gibt es auch shoppingfaule Frauen

Die Pioniere Outfittery und Modomoto, die sich an shoppingfaule Männer richten, finden immer mehr Nachahmer. Der Modehändler Peek & Cloppenburg zum Beispiel hat FashionID gegründet, während Kisura und 3compliments versuchen, das Konzept auf die Zielgruppe der Frauen zu übertragen. Diese drei Anbieter sind in der Schweiz allerdings nicht präsent.

Zalando demnächst mit Stilberatung in der Schweiz

Auch Zalando ist auf den Zug aufgesprungen. In Deutschland hat der Schuh- und Modeversand Mitte Mai sein Stilberatungsportal Zalon by Zalando lanciert. In der Schweiz erfolgt der Start laut Zalando-Sprecher Steffen Heinzelmann «innerhalb der nächsten Wochen». Auch Zalando gibt sich bezüglich Zahlen zum Schweizer Markt zugeknöpft. Laut Heinzelmann «hat aber jeder fünfte Schweizer schon einmal bei uns eingekauft».

«Falls es Zalando mit seinem Curated Shopping Service gelingt, die Retourenquote nachhaltig zu senken, dürften weitere Onlinehändler mit ähnlichen Services nachziehen», sagt GDI-Expertin Martina Kühne. Sie rät den deutschen Start-ups überdies, bei der Stilberatung eine Zusammenarbeit mit lokalen Freiberuflern zu prüfen. Sie brächten eine geografische Expertise mit und kennen die Basler, Berner oder Zürcher Fashionbedürfnisse und -eigenheiten vermutlich besser als ein Stylist, der von der deutschen Zentrale aus berate.

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