«Diese Forderung geht uns zu weit»

Tieraktivisten wollen Bilder von der Fleischproduktion auf die Verpackungen aufdrucken. Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz hat andere Ideen.

  • loading indicator
Franziska Kohler@tagesanzeiger

Der Verein Tier im Fokus (TIF) fordert in einer Petition, dass Bilder aus der Fleischproduktion auf die Verpackungen gedruckt werden, damit Konsumenten die wahren Produktionsbedingungen sehen. Was halten Sie davon? Der Konsumentenschutz kritisiert schon lange, dass die Schweizer Tierhaltung und der Eindruck, der davon in der Werbung vermittelt wird, auseinanderklaffen. Wir bekommen Bilder von Tieren zu sehen, die ihr Leben draussen verbringen, inmitten idyllischer Landschaften, die Kühe haben Hörner, die Bauern halten ihre Hennen in den Armen … Bloss entsprechen diese Bilder in vielen Fällen nicht mehr der Realität. Wir wollen darum ebenfalls, dass die Konsumenten einen realistischeren Eindruck von der Tierhaltung bekommen. Die Forderung von TIF geht uns allerdings zu weit, denn so würden die Konsumenten nur noch die allerschlimmsten Bilder zu sehen bekommen. Das würde die Realität ebenso wenig abbilden.

Sie teilen aber die Kritik von TIF-Präsident Tobias Sennhauser, dass die Konsumenten mit dem Standard «besonders tierfreundliche Stallhaltung» (BTS) in die Irre geführt werden? Das Problem ist, dass man sich unter BTS gemeinhin mehr vorstellt, als der Standard tatsächlich verlangt. Zudem wird die Schweizer Tierhaltung immer industrialisierter, besonders im Bereich der Hühnerhaltung. Eine Schweizer Hühnerfarm darf heute bis zu 18'000 Legehennen halten. Bei solch hohen Zahlen kommt es gezwungenermassen zu den Auswüchsen, die TIF nun kritisiert. Der Fokus hat sich in den letzten Jahren verschoben. Regionalität ist heute gefragt, und alle grossen Anbieter und Detailhändler reagieren darauf, indem sie Schweizer Produkte bewerben. Sie idealisieren die natürliche, überschaubare, heimische Produktion. Bloss: Schweizer Produkte nicht sind per se besser als ausländische.

Wo steht die Schweizer Landwirtschaft denn im Vergleich zum Ausland? Es ist schwierig, dazu eine generelle Aussage zu machen. Es gibt in der Schweiz immer noch viele kleinbäuerliche Strukturen, die wichtig und gut sind, etwa in der Milchwirtschaft. Aber gleichzeitig nimmt die Zahl der Grossbetriebe zu, gerade bei der Tierproduktion und insbesondere bei Hühnern und Schweinen. Diese Tiere trifft man kaum noch draussen an, sie sind von der Bildfläche verschwunden beziehungsweise zu einem Industrieprodukt geworden. Allerdings hat die Massentierhaltung in der Schweiz nicht solche Ausmasse angenommen wie im Ausland.

Die Landwirte, die nach dem BTS-Standard produzieren, werden mit Subventionen belohnt. Gleichzeitig zeigen die Bilder von TIF tote Tiere inmitten von Artgenossen. Das ist doch stossend. Ja, das ist es. Als Konsument hat man dafür wenig Verständnis. Allerdings darf man nicht vergessen, dass hier auch der Faktor Mensch eine Rolle spielt. Wenn der Stall die BTS-Standards zwar erfüllt, der Produzent sich aber nicht sorgfältig um die Tiere kümmert, so liegt das Problem in erster Linie bei ihm und nicht beim Standard. Die Branche muss deshalb unbedingt selber dafür sorgen, dass es nicht zu solchen Auswüchsen kommt. Denn Bilder von gequälten Tieren können für die ganze Landwirtschaft zum Problem werden.

TIF hat vor einem Monat bereits versteckte Aufnahmen von einer Hühnerfarm im Berner Seeland veröffentlicht. Der Film sei «effekthascherisch und suggestiv», kritisierte der Geschäftsleiter der Firma. Wer ist im Recht? Es ist wichtig, dass Organisationen wie TIF ein Auge darauf haben, was in Schweizer Ställen passiert. Gerade weil die Konsumenten selbst keinen Einblick haben. Es gibt beim BTS-Standard zwar regelmässige Kontrollen, aber sie finden nur sporadisch statt. Über die Art und Weise, wie TIF seine Erkenntnisse kommuniziert, kann man streiten. Aber die kritische Begleitung ist wichtig.

Auf welche Labels und Standards kann man sich denn verlassen, wenn einem das Tierwohl am Herzen liegt? Wir haben dazu letzten Herbst zusammen mit dem Schweizer Tierschutz (STS) und dem WWF einen neuen Ratgeber publiziert. Grundsätzlich gilt: Alle beurteilten Labels haben Vorteile gegenüber nicht gelabelten Produkten. Aber nur die etablierten Label schneiden in allen Bereichen gut ab, zum Beispiel die Knospe oder Demeter. Sie stellen für inländische und importierte Produkte hohe Anforderungen. Bei den Fleischlabels empfehlen wir jene von Coop und Migros, Naturafarm und Terrasuisse. Auf jeden Fall sind Biolabels besser als der BTS-Standard, weil sie strengere Anforderungen stellen.

Auch wenn die Petition von TIF Unterstützer findet: Die Idee wird wohl kaum umgesetzt werden. Sehen Sie eine bessere Lösung? Ja: Die Produzenten und die Detailhändler sollen endlich ein realistischeres Bild der Schweizer Landwirtschaft zeichnen. Natürlich ist es Aufgabe der Werbung, attraktive Inhalte zu verbreiten. Doch wenn die Hühner in der Realität kaum die Sonne sehen, ist es falsch, sie in der Werbung unter Obstbäumen scharrend abzubilden. Die Produzenten müssen sich an der Nase nehmen und zeigen, was ist. Sonst erzeugen sie Frustration bei den Konsumenten und ihre Glaubwürdigkeit leidet.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt