Der Traum von der neuen Concorde

Seit dem Ende des Überschalljets tüfteln Flugzeugbauer an neuen Konzepten, um superschnell zu reisen. Doch wie realistisch sind die Pläne?

Mit Überschall nach New York: Der Boom soll die Reisezeit massiv verkürzen. (Video: Tamedia/Boom)
Franziska Kohler@tagesanzeiger

Als die Concorde 2003 den Betrieb einstellte, war das nicht nur das Ende eines Flugzeugmodells. Es war auch das Ende der schnellen Reisen über den Atlantik. In 3,5 Stunden von London nach New York – das schafft seit der Concorde kein Passagierflugzeug mehr. Doch der Traum vom Überschall-Passagierjet, der die Menschen in kürzester Zeit auf die andere Seite der Welt befördert, war nie ganz ausgeträumt. Flugzeughersteller und Branchenvertreter tüfteln seit Jahren an neuen Modellen, unter ihnen Richard Branson, Milliardär und Gründer der Airline Virgin.

Sein Projekt mit dem sinnigen Namen Boom verfolgt ehrgeizige Ziele. Ab 2023 will Branson die Concorde beerben und Reisende in dreieinhalb Stunden von New York nach London bringen. 45 Passagiere sollen im Flugzeug Platz finden. Hin- und Rückflug werden laut Branson rund 5000 US-Dollar kosten, also nur wenig mehr als ein durchschnittliches Business-Class-Ticket. Boom ist das neuste einer ganzen Reihe von geplanten Überschallprojekten:

  • Letzten Herbst liess der Flugzeughersteller Airbus sein «ultraschnelles Flugzeug» patentieren. Es soll mit 4,5 Mach unterwegs sein, also der 4,5-fachen Schallgeschwindigkeit. Die Strecke London–New York könnte der Jet in rund einer Stunde zurücklegen. Er wäre damit deutlich schneller als die Concorde. Das Flugzeug soll laut ersten Plänen über drei Antriebssysteme verfügen: zwei Turbojets unter dem Rumpf für den Start und ein Raketentriebwerk, das den Jet in die richtige Flugposition bringt.
  • Auch beim Überschallflugzeug Aerion AS2 hat Airbus seine Finger im Spiel. Der Konzern entwickelt das Projekt zusammen mit der US-amerikanischen Firma Aerion Corporation. Der Businessjet wäre mit 1,5 Mach langsamer unterwegs als das «ultraschnelle Flugzeug», dafür sind die Pläne für die Umsetzung schon konkreter. 2019 sind erste Testflüge geplant, 2023 soll der Jet in Betrieb gehen. Acht bis zwölf Passagiere sollen an Bord Platz finden. Bei der Reise über den Atlantik will Aerion mit dem neuen Jet drei Stunden sparen, bei jener über den Pazifik mehr als sechs. Die kanadische Charterfluggesellschaft Flexjet hat bereits 20 Flugzeuge bestellt. Laut einem Bericht des Nachrichtendienstes Bloomberg kämpft Aerion im Moment aber mit Schwierigkeiten: Bis Mitte 2016 wollte der Konzern einen Zulieferer für die Triebwerke präsentieren, doch dieser Termin wurde auf nächstes Jahr verschoben.

Für den Aerion AS2 gibt es schon Vorbestellungen. (Quelle: Aviation International News TV)

  • Zu den spektakulärsten Projekten dürfte jenes der kanadischen Flugzeugdesigner Charles Bombardier und Ray Mattison gehören. Der Passagierjet Skreemr soll mit 10'000 km/h unterwegs sein. Eine Reise von Paris nach New York würde so nur noch eine halbe Stunde dauern. Möglich sollen das sogenannte Scramjet-Triebwerke machen. Das Problem: Das Flugzeug muss erst auf eine hohe Geschwindigkeit beschleunigt werden, bis die Triebwerke funktionieren. Und, aus Kundenperspektive relevant: Bei einer so hohen Geschwindigkeit besteht die Gefahr, dass die Passagiere an Bord ohnmächtig werden.
  • Mit 10-facher Schallgeschwindigkeit unterwegs: Der Skreemr von Charles Bombardier und Ray Mattison.

    «Marktpotenzial ist nicht gross genug»

    Glaubt man an die Pläne der Flugzeugbauer, könnten also schon in wenigen Jahren erste Überschallflugzeuge auf den Markt kommen. Der deutsche Luftfahrtexperte Cord Schellenberg ist allerdings weniger optimistisch. «Schon bei der Concorde stellte sich die Frage, ob das Marktpotenzial auf Dauer gross genug gewesen wäre», sagt er. Das Konzept habe vor allem vermögende Kunden und Geschäftsleute angesprochen. Dieses Segment sei nicht gross genug, um regelmässig Linienflüge zu füllen. «Und die Superreichen fliegen heute eher im Privatjet, als sich mit Dutzenden anderen Passagieren ein Flugzeug und einen Flugplan zu teilen. Auch wenn das heisst, dass sie einige Stunden länger unterwegs sind», so Schellenberg.

    Die Preisvorstellungen von Virgin-Chef Richard Branson – 5000 US-Dollar pro Ticket – sind laut Schellenberg eher illusorisch. «Ich erkenne im Moment keine industriellen Innovationen, die das möglich machen würden.» In den nächsten 20 Jahren, so Schellenbergs Schätzung, sei mit Überschallflügen im Linienflugbereich deshalb nicht zu rechnen.

    baz.ch/Newsnet

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