«Das GA werden wir noch sehr lange im Markt haben»

Für den jetzigen Preisanstieg sei der Bundesrat verantwortlich, sagt Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr bei den SBB. In nächster Zeit sollen die Preise stabil bleiben.

«Der Ansturm auf die neue App war riesig»: Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr bei den SBB.

«Der Ansturm auf die neue App war riesig»: Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr bei den SBB.

(Bild: Keystone)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Das GA wird teurer – bis zu 330 Franken. Wann kommt die nächste Preiserhöhung? Der aktuelle Aufschlag ist eine Folge der Erhöhung der Trassenpreise durch den Bundesrat, also der Preise für die Gleisbenutzung. Wir wissen nicht, wann er die Tarife ein nächstes Mal anpasst. Wir hoffen aber nicht, dass es vor 2022 so weit sein wird. Das hiesse auch, dass die GA-Preise so lange stabil bleiben.

Erst dann erhöhen Sie die GA-Preise wieder? Die SBB unternehmen selber alles, damit die Preise möglichst stabil bleiben. Mit Railfit 20/30 müssen wir noch effizienter werden. Aber wenn das Bahnangebot ausgebaut wird, steigen die Unterhaltskosten. Und wenn die Kantone diesen Ausbau nicht mehr wie geplant mifinanzieren können, müssen wir über eine Tariferhöhung diskutieren. Grundsätzlich hat das Stimmvolk mit der Fabi-Abstimmung Ja gesagt, dass auch die ÖV-Nutzer einen Anteil an den steigenden Kosten tragen.

Derzeit werden mehrere Abrechnungs-Apps getestet, die ÖV-Fahrten automatisch erfassen und in Rechnung stellen. Wann sind die SBB endlich so weit? Die SBB arbeiten bei diesen Pilotprojekten und der Datenauswertung mit. Im Moment testen wir, wie sich solche Dienste auf unsere SBB Mobile Preview App übertragen lassen. 2017 werden wir voraussichtlich die ersten Markttests durchführen können. Damit ein solches Angebot auf allen Linien in der ganzen Schweiz funktionieren kann, muss es wirklich sicher sein.

Es wird also bald eine schweizweite Abrechnungs-App für alle Verkehrsverbünde geben? Ziel ist es schon, dass wir irgendwann eine branchenweite Lösung haben, aber das ist im Moment Zukunftsmusik. Eine Zeit lang wird es sicher parallel auch das herkömmliche Ticketsystem geben. Denn im Moment ist die Nachfrage nach Abrechnungs-Apps zwar da. Aber sie ist im Vergleich zu jener nach gewöhnlichen Tickets noch verschwindend gering.

2017 sind Tests geplant, wann kommt die Markteinführung? Das hängt davon ab, wie die Tests verlaufen. Im optimalen Fall können wir noch vor 2020 neue Angebote auf den Markt bringen.

Warum dauert das so lange? Vier Jahre sind in der Techwelt eine Ewigkeit. Die ÖV-Branche besteht aus über 200 Unternehmen. Sie müssen alle mitmachen, damit wir eine Lösung für die ganze Branche anbieten können.

Sie haben heute auch ein neues Modul-Abo vorgestellt. Damit lassen sich Strecken von verschiedenen lokalen Verkehrsverbünden in einem Abo kombinieren. Ist das ein erster Schritt hin zur branchenweiten Lösung? Das kann man so sehen, ja. Sehr viele Menschen haben ein Abo und möchten sich keine Gedanken darüber machen, wo sie genau durchfahren. Das Modul-Abo gibt ihnen die Möglichkeit, ein Abo für zwei Regionen zu kaufen – zum Beispiel für den Wohn- und den Arbeitsort –, ohne dass sie alle Strecken dazwischen auch lösen müssen. Es ist quasi eine Zwischenvariante von Verbund-Abo und GA.

Ist es also auch ein Schritt weg vom GA? Nein, das ist es nicht. Das GA als Angebot, das die ganze Schweiz abdeckt, werden wir wohl noch sehr lange im Markt haben. Die Diskussion darüber ist wichtig, aber wir wissen noch gar nicht, wohin die technologische Entwicklung uns führt. Vielleicht sagen die Leute in 20 Jahren: Das GA brauche ich jetzt nicht mehr, es wird ja ohnehin alles automatisch erfasst. Aber im Moment steigen die Verkäufe immer noch, es ist ein Erfolgsprodukt des öffentlichen Verkehrs. Und wir nehmen sicher nicht unseren «Hotseller» vom Markt. Es ist möglich, dass wir neue Abrechnungsmethoden einführen und ein grosser Teil der Passagiere trotzdem weiterhin mit dem GA unterwegs sein will.

Der Bundesrat will alle Transportunternehmen verpflichten, verspätete Passagiere zu entschädigen: 25 Prozent des Ticketpreises ab einer Stunde, 50 Prozent ab zwei Stunden. Sie sind darüber nicht erfreut, oder? Das ist der Vorschlag des Bundesrates, der nun vom Parlament beraten wird. Wir begrüssen grundsätzlich eine Lösung, die für alle gilt. Die SBB haben heute eine einfache und gute Methode: Das Zugpersonal kann allen Reisenden bei grossen Verspätungen unbürokratisch Sorry-Checks verteilen. Das hat sich sehr bewährt. Aber grundsätzlich ist natürlich unser Ziel, gar keine so grossen Verspätungen zu haben.

Welchen Betrag stellen Sie für die Entschädigungen pro Jahr zurück? Bevor dieser Vorschlag mit allen Details nicht unter Dach und Fach ist, möchten wir nicht über mögliche Auswirkungen spekulieren.

Seit drei Wochen ist die neue SBB-App im Einsatz. Ihr Zwischenfazit? In den ersten zwei bis drei Tagen hatten wir Probleme mit dem Server, weil alle Kunden die neue App sofort ausprobieren wollten – der Ansturm war riesig. Die Probleme sind behoben, seither läuft es sehr gut. Wir verzeichnen Millionen von Downloads, auch viele neue. Die Verkäufe und die Rückmeldungen von den Kunden sind sehr positiv. Dass wir damit den «Master of Swiss Apps»-Award gewonnen haben, freut uns sehr. Das Team ist wahnsinnig stolz darauf. Es hat auch hart gearbeitet.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt