Computer fährt Auto, Versicherer sucht Lösung

Die Prämien sinken, wenn die Maschine am Steuer sitzt. Dafür tauchen neue Risiken auf.

Wenn der Computer steuert: Google arbeitet am Auto, das niemand mehr steuern muss.
Bruno Schletti@tagesanzeiger

Bis zum Jahr 2024 sind auf Schweizer Autobahnen mindestens 50 Prozent der Autos führerlos unterwegs, ohne Steuerrad, ohne Gas- und Bremspedale. Das zumindest behauptet Martin Strobel, Konzernchef der Versicherungsgruppe Baloise. Sein Finanzchef, German Egloff, hält dagegen, aber nur, was den Zeit­horizont betrifft. Auch Egloff glaubt an diese Entwicklung, nicht aber, dass sich die Marktreife der selbstfahrenden ­Autos so schnell durchsetzen wird.

Die beiden Baloise-Manager wetten um eine sehr gute Flasche Rotwein. Da sie frühestens in zehn Jahren entkorkt wird, muss sie zwingend von bester ­Qualität sein.

Dass sich Versicherer über die technologische Entwicklung der Autos den Kopf zerbrechen, ist kein Zufall. Die Einschätzung der Risiken von Motorfahrzeugen ist Teil ihres Geschäfts. Im Jahr 2013 verbuchten die Versicherungsgesellschaften im Schweizer Geschäft mit Motorfahrzeughaftpflicht- und Motor­fahrzeug­versicherungen Prämien­einnahmen von total 5,8 Milliarden Franken. Es geht also um sehr viel Geld.

Menschliches Fehlverhalten

Diese Prämieneinnahmen stehen auf dem Spiel, wenn wahr sein sollte, was behauptet wird: dass führerlose Autos mehr Sicherheit versprechen als von Menschen gesteuerte. In der Versicherungsbranche scheint man daran nicht zu zweifeln. Thomas Lanfermann, Leiter Motorfahrzeugversicherungen der Allianz Suisse, sagt: «Derzeit sind etwa 90 Prozent aller Verkehrsunfälle durch menschliches Fehlverhalten bestimmt, nur 10 Prozent durch technische Fehler. Wenn in 10 bis 15 Jahren das Auto einen relativ hohen Anteil der Fahrleistung im automatisierten Modus vollbringt, wird sich der Einfluss fahrerbezogener Merkmale auf unsere Versicherungsmodelle abschwächen.»

Die Testflotte von Google scheint dies zu bestätigen. Der US-Konzern experimentiert in Kalifornien seit 2010 mit einem Dutzend umgebauter Toyota. Die Wagen sind mit Laserscannern, Radar, GPS und Kamerasensoren ausgerüstet. Computer verarbeiten die von diesen Geräten gelieferten Daten und über­tragen sie in Form von Befehlen an den Autopiloten. Insgesamt hat die Google-Flotte bis heute mehr als 1 Million Fahrkilometer zurückgelegt – nach Angabe des Konzerns unfallfrei.

Zu Beginn nahm die Autoindustrie Googles Vorstoss nicht ernst. In­zwischen sind alle grossen Konzerne auf den Zug aufgesprungen. Daimler experimentiert nicht nur mit selbstfahrenden Smart, sondern auch mit einem Mercedes S500 im Stadtverkehr von Sunny­vale in Kalifornien (TA vom 29. November). Audi, BMW, Ford, Volvo sind ebenso am Tüfteln wie Renault-Nissan.

Nevada war der erste US-Bundesstaat, der im Mai 2012 Google die Lizenz zum führerlosen Fahren erteilte. Florida und Kalifornien folgten. In Europa ist das noch kein Thema. Voraussetzung für die Fahrerlaubnis für führerlose Autos wären Gesetzesanpassungen. Noch ist die Politik in dieser Frage aber nicht aktiv geworden.

Die Experten sind sich nicht einig, bis wann selbstfahrende Autos zum Alltag gehören. Die Prognosen schwanken ­zwischen 5 und 15 Jahren. Bei Axa Winterthur, dem grössten Motorfahrzeugversicherer der Schweiz, rechnet man mit «mehreren Jahren», bis es zum Marktdurchbruch mit selbst lenkenden Fahrzeugen in der Schweiz und Europa kommen wird. «In den nächsten zehn Jahren», heisst es bei der Mobiliar.

Eine Studie von Morgan Stanley und der Boston Consulting Group sagt der Versicherungsbranche einen starken technologiegetriebenen Wandel voraus. Die Autoprämien sollen um 15 bis 25 Prozent schrumpfen, die Haushaltsprämien gar um bis zu 60 Prozent. Das hat – bei den Autos – auch, aber nicht nur mit der Selbstfahrtechnologie zu tun. Schon heute werden dank Parkhilfen, Aufprallwarnsystemen oder Fussgängererkennung Blech- und Personenschäden verhindert. Ist der Hauptrisikofaktor Mensch aber erst einmal vom Steuer verbannt, dürfte die Unfallzahl drastisch sinken.

Diebstahl bleibt als Risiko

Das werde sich auf die Höhe der Versicherungsprämie auswirken, heisst es bei der Allianz Suisse. Dass den Versicherern damit aber die Prämien wegbrechen, stimmt wohl nur bedingt. Thomas Lanfermann von der Allianz Suisse sagt: «Das Risiko verlagert sich vom menschlichen Fehler seitens des Fahrers oder Verkehrsteilnehmers zum menschlichen Fehler des Entwicklers.» Der Versicherer müsse damit nicht mehr das Risiko des Fahrers, sondern das der verbauten Sicherheitssysteme bewerten.

Auch Mobiliar-Sprecher Jürg Thalmann verweist auf die Produkthaftpflicht der Hersteller von Selbstfahrtechnologien. Und Anna Ehrensperger, Sprecherin der Axa Winterthur, listet als mögliche neue Risiken auf: «Das Zusammenspiel von selbstfahrenden Autos mit anderen Verkehrsteilnehmern, die Entwicklung der Schadensummen aufgrund teurerer Fahrzeugtechnologie, die ­Klärung der Schuldfrage.» Die Allianz Suisse erwähnt Hackerangriffe auf die Bordelektronik als neuen Risikofaktor.

Gewisse herkömmliche Schäden wird auch der technologische Fortschritt nicht aus der Welt schaffen: Diebstahl etwa, Hagel- oder andere durch die ­Natur verursachte Schäden.

Niemand scheint wirklich zu wissen, was der Technologieschub in der Automobilindustrie wann bezüglich Risiken und Prämien genau bringen wird. Alle sind in Lauerstellung. «Wir beobachten die Entwicklung aufmerksam», heisst es bei der Allianz. «Wir beobachten den Markt sehr aufmerksam», sagt der Mobiliar-Sprecher. Und auch die Marktführerin Axa Winterthur «verfolgt die Entwicklungen mit grossem Interesse». Denn alle wissen, was die Studie von Morgan Stanley voraussagt: «Der technologie­getriebene Wandel eröffnet jenen Versicherern, welche die Chance packen, gute Perspektiven, den Zauderern dagegen hohe Risiken.»

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