Zum Hauptinhalt springen

Analyse: Die Zeitenwende auf dem Finanzplatz

Was die Milliarden-Intervention des Bundes für die Banken, den Finanzplatz Schweiz - und die Steuerzahler bedeutet.

Baustelle Finanzplatz: UBS am Paradeplatz.
Baustelle Finanzplatz: UBS am Paradeplatz.
Keystone

Wer nicht zynisch ist oder eine offene Rechnung mit der UBS hat, wird das gestern verkündete Rettungspaket in Höhe von 68 Milliarden Franken von Nationalbank und Bund begrüssen. Ob es nötig ist oder nicht, können allein UBS und Bankenaufsicht beurteilen. Wir Steuerzahler kommen nicht darum herum, ihrem Entscheid zuzustimmen. Die UBS würde niemals freiwillig eine staatliche Beteiligung in Höhe von gegen 10 Prozent akzeptieren, wenn sie nicht überlebenswichtig wäre.

Das Paket ist schlimmstenfalls dreissig-mal teurer als jenes, mit dem der Bund nach dem Zusammenbruch der Swissair die Swiss aus dem Boden stampfte. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, denn die Folgen eines UBS-Zusammenbruchs wären weitaus gravierender, als wenn die Swissair über Nacht verschwunden wäre. Ein Swissair-Konkurs hätte die Flughafenregion getroffen, ein UBS-Zusammenbruch aber brächte die gesamte Schweizer Wirtschaft ins Taumeln und vermutlich den Finanzsektor weltweit – mit einem Dominoeffekt wie ihn der Zusammenbruch von Lehman Brothers hatte.

Interessanter als die Frage, ob die Rettungsaktion gerechtfertigt ist, sind die Folgen, die das monströse UBS-Notpaket für die Schweizer Wirtschaft und das Wirtschaftsverständnis in diesem Land haben wird. Die Erschütterung des legendären Selbstbewusstseins der Schweizer Grossbank und ihr Anschluss an den Staatstropf hat vier grosse Konsequenzen:

1. Die Staatsverschuldung der Schweiz wird schlimmstenfalls um die 68 Milliarden zunehmen, mit denen sich die öffentliche Hand nun zugunsten der UBS verpflichtet. Damit überträfe die Verschuldung der Schweiz die magische Limite von 60 Prozent des BIP, die der Maastrichter Vertrag der EU-Staaten einst als Obergrenze für eine vernünftige Staatsführung definierte. Die Schweiz steht damit nicht allein: Die Finanzkrise hat diese Marke innert weniger Wochen international pulverisiert. Grossbritannien und Deutschland werden mit ihren Rettungspaketen locker zu jenem von Italien angeführten Klub aufschliessen, der sich nie ernsthaft an die Maastricht-Richtlinie hielt. Die USA gehören schon längst dazu. Die Finanzkrise hat mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass das Problem der Staatsverschuldung nur in Schönwetterzeiten gelöst schien. Bezeichnend dafür ist, dass ausgerechnet der einstige amerikanische Staatssekretär Robert Rubin vor Jahren am WEF in Davos triumphierend verkündete, die USA würden bis 2012 ihre Staatsverschuldung auf null abgebaut haben. Inzwischen sind Washingtons Schulden auf 9000 Milliarden Dollar angewachsen, Rubin leitet die Citigroup, und seine Branche ist daran, den USA weitere 1000 Milliarden Dollar Schulden aufzubürden.

2. Die Finanzkrise bedeutet nicht das Ende der Globalisierung. Diese ist vielmehr in eine Phase eingetreten, in der es nicht mehr nur darum geht, die Märkte weltweit zu öffnen, sondern jene Probleme halbwegs in den Griff zu bekommen, die freie Finanzmärkte geschaffen haben. Das wäre an sich eine gute Nachricht, wenn dieser grenzüberschreitende Aktivismus auch dazu diente, andere ebenso dringliche weltweite Probleme gemeinsam anzupacken, etwa die drohende Klimakatastrophe. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Weltgemeinschaft - anders als noch 1929 - gewillt und offenbar auch in der Lage ist, eine gemeinsame Feuerwehrübung auf die Beine zu stellen. Der historische Schweizer Beitrag von gestern reiht sich ein in die koordinierte Aktion der G7-Staaten der letzten Tage. Das ist dem starken Einfluss der Finanzindustrie auf die Regierungen zu verdanken, schliesslich kommen die Schlüsselspieler international (Henry Paulsen) und national (Philipp Hildebrand, Eugen Haltiner) aus jenen Banken, die sich jetzt unter das grosse Dach des Staates retten. Schön wäre es, wenn auch die Umwelt Vertreter in ähnlich wichtigen Positionen hätte, denn der mittelfristig drohende Klimakollaps ist weltweit nicht harmloser, im Gegenteil.

3. Das nahezu kollektive Versagen der Finanzbranche in den vergangenen Monaten hat gezeigt, dass ihre Führungskräfte nüchtern bemessen nicht mehr wert sind als jene des von ihnen lange belächelten Staates. Selbst unter Berücksichtigung der neuen Bescheidenheit liegen die Saläre in dieser Branche noch immer um das Drei- bis Zehnfache höher als in Führungspositionen der Staatswirtschaft. Das ist unter dem Aspekt der Leistungsgerechtigkeit eine groteske Verzerrung. Vergessen wir nicht, dass die Managerlöhne in den USA, aber auch in unserem Land von der Finanzbranche hochgetrieben wurden. Das hatte damit zu tun, dass Investmentbanker mit exorbitanten Boni am Erfolg ihrer Banken beteiligt waren. Der Erfolg bestand, wie wir heute wissen, grossteils im eindrücklichen Bau von Kartenhäusern – beim Spekulieren mit anderer Leute Geld. Die Finanzbranche hat während Jahren Werte weniger erfolgreich geschöpft als erfolgreich abgeschöpft – ein Teil davon, wie sich heute zeigt, finanziert durch ungedeckte Kredite.

4. Nach den Rettungspaketen in den USA, Grossbritannien, Deutschland und der Schweiz wird auch die Wirtschaftstheorie neu geschrieben werden müssen. Eine Hilfsbedürftigkeit der Privatwirtschaft in diesem Ausmass hatten die in den letzten Jahrzehnten massgeblichen Theoretiker der freien Marktwirtschaft nicht für möglich gehalten, sie war ihr blinder Fleck. Das Betonen einer ausserordentlichen Situation, die ausserordentliche Massnahmen rechtfertige, ist leeres Gerede ratloser Theoretiker und Funktionäre. Fakt ist, dass der Markt, je freier er ist, umso mehr, zur eigendynamischen Verstärkung von Auf- und Abwärtsbewegungen neigt. Sie können, wie sich gezeigt hat, hochgefährlich werden. Dass Finanzmärkte zur Panik neigen, haben differenzierte Ökonomen wie John M. Keynes oder der diese Woche mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Paul Krugman stets betont. Mit Recht. Viele Anleger scheint eine kollektive Hysterie erfasst zu haben. Wenn das Rettungspaket dazu beiträgt, sie zu beruhigen, könnte es durchaus sein, dass die 68 Milliarden Franken, die der Schweizer Staat nun bereitgestellt hat, letzten Endes nicht oder nur teilweise gebraucht werden. Andernfalls wäre der «Trickle-down»-Effekt, den Marktgläubige immer predigten, auf eigenwillige Art bestätigt: Der Misserfolg sickert unaufhaltsam nach unten und trifft schliesslich uns alle.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch