Zwiespältiger Dividendensegen

Die 30 Unternehmen im Swiss Leader Index schütten ihren Aktionären für 2014 insgesamt fast 40 Milliarden Franken aus – 7 Prozent mehr als 2013. Das, obwohl jede dritte Firma weniger Gewinn machte.

Dividendenausschüttungen und Jahresgewinn: Für Grossansicht auf Grafik klicken.

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Die 30 wertvollsten Unternehmen an der Schweizer Börse schütten in diesen Tagen 39,8 Milliarden Franken an ihre Aktionäre aus. Das sind 2,6 Milliarden Franken oder rund sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Das zeigt die von der Basler Zeitung vorgenommene Auswertung der Jahresabschlüsse jener Unternehmen, deren Aktien das Börsenbarometer Swiss Leader Index (SLI) bilden. Die Aktionäre partizipieren überproportional am Erfolg ihrer Unternehmen. Zwar stellten diese auch im vergangenen Jahr mit einem aggregierten Ergebnis von 62,7 Milliarden Franken ihre eindrückliche Ertragskraft unter Beweis. Doch die Gewinne haben im Durchschnitt lediglich um 1,3 Prozent zugenommen. Als Folge davon ist die Ausschüttungsquote von 60 Prozent auf 63,4 Prozent gestiegen. Der Trend zu höheren Dividenden ist nicht neu. 2010 hatten die 30 SLI-Konzerne noch rund 67 Milliarden Franken an Gewinnen eingefahren, aber davon kamen nur 45 Prozent den Eigentümern zugute.

Allein Nestlé, Novartis und Roche schütten über 20 Milliarden Franken an ihre Aktionäre aus – rund 600 Millionen Franken mehr als im Vorjahr. Doch der Dividendensegen geht fast durchs ganze Band. Nur zwei der untersuchten Unternehmen, Swiss Re und der Erdölplattformbetreiber Transocean, nehmen eine Kürzung der Ausschüttungen vor. Im Fall von Transocean fällt die Kürzung besonders scharf aus. Der Konzern musste 2014 einen Verlust von umgerechnet 1,8 Milliarden Franken ausweisen. Den grössten Dividendensprung macht die UBS, die dank ihrer in den vergangenen Jahren deutlich erhöhten Kapitalkraft den Eigentümern heuer rund 2,9 Milliarden Franken zukommen lassen kann. Im Vorjahr musste sich die UBS nach Jahren der Volldiät noch mit einer eher symbolischen Ausschüttung von 961 Millionen Franken begnügen.

Bemerkenswert ist der Dividendensegen auch vor dem Hintergrund, dass 2014 immerhin zehn Unternehmen tiefere Gewinne ausweisen mussten. Das gilt in erster Linie für die Credit Suisse, die ihre Bussen aus dem US-Steuerstreit von insgesamt 2,8 Milliarden Dollar unter anderem mit einem Ergebnisrückgang um 451 Millionen Franken bezahlen musste. Auch Roche hatte einen deutlichen Gewinnrückgang hinzunehmen, ohne dass die Aktionäre deshalb kürzertreten müssen. Im Fall des Immobilienunter­nehmens Swiss Prime Site, das 2014 einen Ergebnisrückgang von 17 Prozent erlitten hat, dürfen sich die Risiko­kapitalgeber sogar über eine höhere Dividende freuen.

Zudem reflektieren die Gewinnsteigerungen der Konzerne nicht immer nur deren operative Leistung. So ist die kräftige Ergebnisverbesserung von Nestlé um über vier Milliarden Franken zum grossen Teil auf den Gewinn der Veräusserung eines Teils der L’Oréal-Beteiligung sowie auf eine buchhalterische Aufwertung der Beteiligung des Nahrungsmittelkonzerns an seiner Tochter Galderma zurückzuführen. Mit der betrieblichen Leistung blieb Nestlé hinter den eigenen Zielen zurück.

Gutes Jahr auch für Manager

Trotz solchen Einschränkungen war das Jahr 2014 auch für die Manager ein ertragreiches. Das Durchschnittsgehalt eines CEO der 30 SLI-Firmen lag mit 6,2 Millionen Franken immerhin rund fünf Prozent über jenem der beiden Vorjahre. Die Streuung der CEO-Gehälter um den Mittelwert erscheint mindestens auf den ersten Blick erstaunlich gleichmässig. 15 Konzernchefs trugen 2014 ein Gehalt von weniger als 6,2 Millionen Franken nach Hause, während die anderen 15 mehr oder gleich viel wie der Durchschnitt verdiente. Dass sich die Höhe des CEO-Gehalts nicht unbedingt mit dem Erfolg des Unternehmens zu decken braucht, bewies 2014 nicht zum ersten Mal Transocean. Der Tiefseebohrkonzern zahlte seinem Chef Steven Newman trotz Milliardenverlust mit umgerechnet 13,1 Millionen Franken das höchste Gehalt aller an der Schweizer Börse kotierten Gesellschaften aus und Newman durfte sich nach dem miserablen Geschäftsjahr in Franken gerechnet sogar noch über eine kleine Lohnaufbesserung freuen. Im Februar musste der Manager allerdings seinen Hut nehmen. Offensichtlich kennen auch geduldige Aktionäre eine Schmerzgrenze.

Das (Negativ-)Beispiel Dufry

Dass die Minder-Initiative Fehlentwicklungen bei Managergehältern nur sehr beschränkt eindämmen kann, belegt auch das Beispiel Dufry. Das auf den Zollfreibereich spezialisierte Einzelhandelsunternehmen mit Sitz in Basel zahlte seinem CEO Julian Diaz 2014 einen Lohn von 6,9 Millionen Franken aus – rund 60 Prozent mehr als 2013 und sogar das Dreifache dessen, was Diaz 2012 verdient hatte. Doch abgesehen davon, dass Dufry seinen Aktionären keine Dividenden zahlt, hat das Unternehmen auch deutlich weniger verdient. Der den Dufry-Aktionären zurechenbare Gewinnanteil der Gruppe schrumpfte 2014 von 93 Millionen auf nur mehr 51 Millionen Franken, nachdem er 2012 noch 123 Millionen Franken betragen hatte. Schwer zu erklären ist auch die satte Lohnerhöhung für Syngenta-Chef Michael Mack von 4,5 Millionen auf 7,5 Millionen Franken. Zwar haben die Syngenta-Aktionäre 2014 mehr Dividenden eingestrichen, dies aber bei einem rückläufigen Konzerngewinn (–2,6 Prozent).

Während sich die Manager über ihre weiterhin stolzen Gehälter uneingeschränkt freuen können, werden sich manche Aktionäre die Frage stellen, ob die hohen Dividendenausschüttungen ihrer Unternehmen auch eine Schattenseite haben. Nach Auffassung von Anastassios Frangulidis, Chefökonom der Zürcher Kantonalbank, sind solche Zweifel sehr berechtigt. Die Ausschüttungsfreude der Konzerne sei ein weltweites Phänomen und sei mithin Ausdruck davon, dass die Unternehmen deutlich weniger investieren als vor Ausbruch der internationalen Finanz- und Schuldenkrise. Besonders ausgeprägt sei dies in Europa der Fall. Frangulidis verweist auf die Entwicklung von Ausrüstungs- und Sachinvestitionen in den Ländern der Eurozone, die seit 2008 um mehr als 20 Prozent zurückgegangen sind. «Offensichtlich fehlt den Unternehmen das Vertrauen, dass das Wirtschaftswachstum und die Nachfrage bald zurückkehren.» Ohne Investitionen verlieren die Unternehmen an Wettbewerbsstärke und an Ertragskraft. Damit komme ihnen längerfristig auch die Fähigkeit abhanden, hohe Dividenden auszuschütten, gibt der Ökonom zu bedenken.

Viele grosse Schweizer Unternehmen befinden sich diesbezüglich allerdings immer noch in einer komfortablen Lage. Die Pharmaindustrie besetzt in einem der weltweit lukrativsten Märkte eine Spitzenposition und auch zahlreiche andere Firmen können durch ihre globale Ausrichtung den Folgen der Eurosklerose ausweichen.

Diese Feststellung dürfte auch für viele grosse deutsche Firmen gelten. Diese lassen ihre Aktionäre zwar traditionell deutlich weniger stark am Gewinn partizipieren als Schweizer Konzerne. Aber auch in Deutschland bewegen sich die Ausschüttungen auf Rekordniveau. Im Jahr 2014 haben die 30 DAX-Unternehmen 29,5 Milliarden Euro oder knapp 36 Milliarden Franken ausbezahlt, wie eine Aus­wertung der Beratungsgesellschaft EY ergeben hat. Damit sind die Dividenden der 30 DAX-Unternehmen sogar stärker gestiegen als jene der 30 SLI-Firmen (+10 Prozent). Gleichzeitig haben die DAX-Konzerne ihre Gewinne aber um insgesamt 14 Prozent auf 67,3 Milliarden Euro gesteigert.

Basler Zeitung

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