Wie Mitarbeitende weniger oft krank werden

Bei Postfinance gingen die krankheitsbedingten Abwesenheiten innerhalb von vier Jahren fast 40 Prozent zurück. So spart der Finanzbereich der Post jährlich über drei Millionen Franken.

Krank sein: Postfinance-Mitarbeiter fehlen heute im Schnitt noch 7,7 Tage pro Jahr krankheitsbedingt. Früher waren es 12,5 Tage.

Krank sein: Postfinance-Mitarbeiter fehlen heute im Schnitt noch 7,7 Tage pro Jahr krankheitsbedingt. Früher waren es 12,5 Tage.

(Bild: Keystone)

Philippe Müller

Wenn sich bei Postfinance ein Mitarbeiter krank meldet, schaut die Post-Tochter sehr genau hin. Wie oft war die betreffende Person bereits krank? Was könnten die Gründe dafür sein? Wie kann dem Mitarbeiter geholfen werden, möglichst rasch an den Arbeitsplatz zurückzukehren? Seit 2005 führt die Personalabteilung von Postfinance genau Buch über alle krankheitsbedingten Abwesenheiten.

Weniger Krankheitstage

Um es vorwegzunehmen: Die Resultate, welche Postfinance mit dem Projekt «Betriebliches Gesundheitsmanagement» erreicht hat, sind eindrücklich: Zwischen 2005 und 2009 gingen die krankheitsbedingten Abwesenheiten um fast 40 Prozent zurück. Statt durchschnittlich 12,5 Tage (2005) war ein Postfinance-Angestellter 2009 im Schnitt noch während 7,7 Tagen krank. Postfinance beschäftigte letztes Jahr 3604 Mitarbeiter. «Dank dieser Verbesserung sparen wir jährlich mehr als drei Millionen Franken», sagt Personalchefin Nathalie Bourquenoud. Mit den Resultaten hat Postfinance die eigenen Ziele übertroffen: «Wir sind davon ausgegangen, die Absenzenquote auf zehn Tage pro Mitarbeiter senken zu können.»

Vorgesetzte in der Pflicht

Mit folgenden Massnahmen hat Postfinance die krankheitsbedingten Abwesenheiten gesenkt: Einerseits werden bei Rekrutierungsverfahren für Stellen mit einem gewissen Stress-potenzial die Kandidaten einem Belastungstest unterzogen. Des Weiteren stehen dem Postfinance-Personal Experten für persönliche Gespräche zur Verfügung. Sie geben etwa Tipps zur Einteilung der persönlichen Energie oder zum gesunden Bewegungsverhalten am Arbeitsplatz. Und für Angestellte, die aufgrund einer Krankheit länger ausfallen, steht auf freiwilliger Basis ein Case-Manager zur Verfügung, der ihnen hilft, möglichst schnell an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

Wer fehlt, muss erklären

Nicht zuletzt werden die Vorgesetzten darauf sensibilisiert, für ein positives Arbeitsklima zu sorgen. Gerade für die Kurzabsenzen sei oft das Klima am Arbeitsplatz verantwortlich, so Bourquenoud. Die Vorgesetzten sind von der Personalabteilung angehalten, das Gespräch mit den Mitarbeitern zu suchen, sollten die Absenzen eine gewisse Regelmässigkeit annehmen.

Für Bourquenoud ist für den Erfolg die Mischung aus allen Massnahmen entscheidend. Dass sowohl die Kurzabsenzen als auch die längeren Abwesenheiten gesenkt wurden, zeige, dass alle Massnahmen griffen.

«Man darf krank sein»

Was sagt Bourquenoud aber auf den möglichen Vorwurf, die Mitarbeiter trauten sich gar nicht mehr, sich krank zu melden, weil der Druck durch die verstärkte Kontrolle zugenommen habe? «Ich habe von unserem Personal bisher keinerlei Kritik gehört. Es ist auch nicht unsere Absicht, unsere Angestellten unter Druck zu setzen.» Vielmehr gehe es darum, Konflikte möglichst früh zu erkennen und ein optimales Arbeitsumfeld zu bieten. Und gehe es jemandem wirklich nicht gut, so solle er sich weiterhin abmelden. «Die Leute sollen auch krank sein dürfen.»

Nach den guten Erfahrungen mit dem Gesundheitsmanagement hätten auch die anderen Konzernbereiche der Post einzelne Massnahmen übernommen, erfährt man bei der Medienstelle von Postfinance.

Fachleute sind überzeugt

Und wie reagieren Fachleute auf die Massnahmen von Postfinance? Ruth Derrer Balladore, Ressortleiterin Arbeitsmarkt beim Arbeitgeberverband, beurteilt das Projekt grundsätzlich positiv: «Viele dieser Dinge, die Postfinance nun genauer beobachtet, sind eigentlich selbstverständlich.» Nur seien sie in vielen Betrieben in der Vergangenheit vernachlässigt worden.

Eine Gefahr sieht Derrer Balladore allenfalls in der gestärkten Rolle der Vorgesetzten. Sie befürchtet, dass die Krankheitsquoten zu einem Wettbewerb unter den verschiedenen Abteilungen führen könnte. «Wenn die Chefs anfangen, sich damit zu brüsten, das gesündeste Team zu leiten, üben sie damit Druck auf die Mitarbeiter aus.» Hier sei besonders viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Lob gibt es auch vom Personalverband Transfair. «Postfinance gilt generell als fortschrittliche Arbeitgeberin», sagt Diana Mathys, stellvertretende Branchenleiterin Post. Das betriebliche Gesundheitsmanagement von Postfinance sei überzeugend und sensibilisiere die Mitarbeitenden zu verantwortungsvollerem Verhalten bei Krankheit.

Berner Zeitung

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