«So etwas habe ich in 30 Jahren nie erlebt»

Nach fast fünfzehn Jahren an der Spitze gibt Hansueli Loosli Ende August die Coop-Führung in einer turbulenten Zeit ab. Die schlechte Konsumentenstimmung hat die kurzfristigen Wachstumsaussichten verschlechtert.

Will sich künftig zurückhalten: «Auftreten muss derjenige, der den Laden führt», sagt Hansueli Loosli.

Will sich künftig zurückhalten: «Auftreten muss derjenige, der den Laden führt», sagt Hansueli Loosli.

(Bild: Roland Schmid)

Markus Somm@sonntagszeitung

BaZ:Herr Loosli, Sie treten im September als operativer Chef von Coop zurück. Ist das angesichts der aktuellen Preisdiskussionen nicht ein kritischer Zeitpunkt für eine Stabsübergabe?Hansueli Loosli: Die Preisverhandlungen sind seit jeher Sache des Bereichs Marketing/Beschaffung, der von Jürg Peritz geführt wird. Mit Joos Sutter haben wir ab September einen idealen und gut vorbereiteten Nachfolger an der Spitze und ich bin ja auch nicht weg vom Fenster.

Sie haben jetzt bei ein paar Produkten die Preise gesenkt. Aber über das ganze Sortiment gesehen ist das vermutlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Im Durchschnitt werden ab heute Samstag die jetzt neu ausgehandelten 700 Markenprodukte um zehn Prozent billiger. Das ist im Detailhandel ein grosser Sprung. Das wird nicht die letzte Runde sein. Ich gehe davon aus, dass es weitere Preissenkungen geben wird.

Markenartikler hatten ja schon früher höhere Margen in der Schweiz. Ist der tiefe Euro nun einfach der willkommene Anlass, um auch dank des öffentlichen Drucks gegen dieses alte Phänomen vorzugehen? Ich bin seit fünfzehn Jahren auf meinem Posten und ich erzähle seit fünfzehn Jahren, dass die Margen zu hoch sind. Die Rendite der Markenartikler beträgt zwischen zehn und fünfzehn Prozent. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass es Produkte gibt, die im Laden in Deutschland weniger kosten, als wir beim Importeur dafür bezahlen. Da hört es für mich einfach auf.

Und die Markenartikler haben nicht damit gerechnet, dass Coop so weit geht und die Produkte aus dem Regal nimmt? Die waren überrascht. Ich glaube, niemand hat damit gerechnet. Dabei hatten wir im Juni, als sich die Währungssituation verschlimmert hatte, die Briefe an unsere Lieferanten verschickt. Dass die «Frankfurter Allgemeine» oder das ZDF über die Aktion berichten, ist doch ziemlich aussergewöhnlich.

Werden Sie die Preise bei steigendem Euro wieder nach oben anpassen? Ich kann nicht sagen, was unsere Lieferanten machen. Wir haben nun erstmal den Anstoss gegeben, damit die Preise ins Rutschen kommen. Das war auch nötig, weil der Einkaufstourismus extrem zugenommen hat. Überall entlang der Grenze. Sogar nach Italien, Frankreich und Österreich, die alle ein deutlich höheres Preisniveau als Deutschland haben.

Was heisst das in Zahlen für Coop? Die neusten Schätzungen sagen, dass dem gesamten Schweizer Detailhandel wegen des Einkaufstourismus dieses Jahr etwa drei Milliarden Franken entgehen. Bei der letzten Erhebung aus dem Jahr 2009 waren es noch 1,9 Milliarden Franken. Wir verlieren derzeit in Grenzregionen etwa zwei bis drei Prozent.

Der Markenartikelverband Promarca wirft den Schweizer Detailhändlern vor, sie hätten höhere Bruttomargen als der Handel im Ausland. Das kann ich nicht mehr hören! Da werden Dinge verglichen, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Coop hat ausser dem Supermarktgeschäft noch Non-Food-Kanäle und Produktionsbetriebe. Ein Betrieb wie Bell benötigt schon allein wegen der höheren Kosten, die in einem Produktionsbetrieb anfallen, eine höhere Bruttomarge. Und schauen Sie statt auf die Bruttomarge mal auf die Gewinnmargen: Tesco in England hat eine Betriebsgewinnmarge von über sechs Prozent. Bei Coop beträgt sie unter vier Prozent.

In welchem Umfang können Sie sich mit parallel importierten Waren aushelfen, wenn Ihnen der Weg über den offiziellen Importeur zu teuer ist? Das lässt sich immer nur für einen kleinen Teil des Bedarfs machen. Die Hersteller sind schlau. Sie wissen in etwa, wie viel sie für Europa produzieren müssen. Entsprechend ist auch nicht so viel Ware auf dem Graumarkt verfügbar. Kommt dazu, dass wir in der Schweiz keine Produkte mit der Herkunftsbezeichnung EU verkaufen dürfen. Wenn wir das im Nachhinein aufschlüsseln und umettikettieren müssen, schlägt sich das im Preis nieder. Diese Vorschrift war im Rahmen des Cassis-de-Dijon übrigens eine Forderung der Konsumentenschützer.

Ein grosser Teil des Sortiments sind Frischprodukte. Wäre nicht Agrarfreihandel mit der EU nötig, um die Preise auch dort herunterzuschrauben? Es ist letztlich die Frage, bezahlen die Konsumenten es über den Preis oder über staatliche Subventionen. Wenn wir die Grenzen öffnen, dann hat es natürlich noch andere Konsequenzen als nur tiefere Preise für die Konsumenten, nämlich bei den Einkommen der Bauern, die dann über Direktzahlungen entschädigt werden müssten. Wir hätten sicher die Chance, in einzelnen Bereichen ins Ausland liefern zu können. Aber mit riesigen Exportmengen zu rechnen, wäre naiv. Und ob die Kunden dann Fleisch aus Polen akzeptieren, weiss ich auch nicht.

Wie ist Coop 2011 unterwegs? Ich bin überzeugt, dass sich das Wachstum abschwächt. Schauen Sie die Konsumentenstimmung an: Im Januar hatten wir ein Plus von zehn Punkten, jetzt haben wir ein Minus von 17 Punkten. Dies ist ein Vorlaufindikator für die tatsächliche Entwicklung.

Was heisst das für den Umsatz? Das Ziel von einem Prozent Wachstum nach all den Preissenkungen würde ich heute nicht mehr unterschreiben. Es kommt jetzt ganz auf die Entwicklung der Wechselkurse und des Einkaufstourismus an. Wenn dieser im Jahr um eine Milliarde zunimmt, dann rechnen Sie das um auf unsere zwanzig Prozent Marktanteil, das könnte uns 200 Millionen Franken Umsatz kosten, zusätzlich zu den Mindereinnahmen wegen der tieferen Preise.

Wie sieht es bei den Marktanteilen aus? Da sind wir in den letzten zwölf Monaten gemäss Nielsen bis jetzt in einem stark schrumpfenden Markt um 0,2 Prozent gewachsen.

Wie stark schrumpft der Markt? In den wichtigsten 76 Warengruppen ist der Markt in den ersten sieben Monaten um drei Prozent zurückgegangen. So etwas habe ich nie erlebt in den vergangenen 30 Jahren, seit ich im Detailhandel bin.

Wie beurteilen Sie die Massnahmen des Bundesrates wegen der Franken-Stärke? Ich denke, das allerwichtigste ist, dass die Nationalbank mit ihren Massnahmen wieder einen Franken/Euro-Kurs von 1.25 bis 1.30 erwirkt. Das ist für mich wirklich der zentrale Punkt. Daran hängen so viele Arbeitsplätze. Das muss ganz schnell gehen.

Abgesehen von der Geldpolitik: Was wäre aus Ihrer Sicht ein Mittel, um der Wirtschaft unter die Arme zu greifen? Man könnte die Mehrwertsteuer reduzieren. Ich habe mich schon lange gegen den geplanten Einheitssatz gewehrt, der die Lebensmittel verteuern würde. Wenn aber ein Einheitssatz käme, müsste bei Lebensmitteln ein Satz von null Prozent zur Anwendung kommen. Eine temporäre LSVA-Senkung wäre eine andere Massnahme.

Wo expandiert Coop noch? Vielleicht eine Arrondierung im Non-Food-Bereich in den nächsten zehn Jahren. Und dann natürlich mit Transgourmet im In- und Ausland. Die Belieferung von Gastronomie, Altersheimen etc. ist ein Wachstumsmarkt.

Und die Pronto-Shops? Die machen heute so viel Umsatz wie früher eine grosse Genossenschaft, nämlich rund eine Milliarde Franken – ohne Benzin. Als ich 1999 mit Rudolf Burger in einem ehemaligen Dorfladen den ersten Versuchs-Pronto-Shop eingerichtet habe, glaubten auch nicht alle, dass wir im 2011 in der Schweiz Marktführer sind.

Haben Sie eigentlich kein Interesse, die 49 Prozent zu übernehmen, die der US-Ölkonzern Conoco Phillips an der Coop Mineralöl AG hält, zu der die Pronto-Läden gehören? Nein. Wir sind froh, um deren Know-how im Bereich Treibstoffe und Heizöl, während wir unsere Expertise im Handel beisteuern.

Wie sieht es im Onlinebereich aus? Er wächst. Im Non-Food wie zum Beispiel im Bereich Unterhaltungselektronik oder bei der Import Parfumerie. Bei den Lebensmitteln werden wir auch dieses Jahr zweistellig wachsen. Aber man muss realistisch sein: Da machen wir heute einen Umsatz in der Grössenordnung eines Megastores, also etwa 80 bis 100 Millionen.

Wird ein Präsident Loosli in der Öffentlichkeit präsenter sein als die Vorgänger Kaufmann oder Felder? Auftreten muss derjenige, der Coop führt. Ich werde mich nicht in den Vordergrund drängen.

Zu den Coop-Ämtern kommt ja auch noch das Swisscom-Präsidium hinzu. Schränkt Sie dieses Mandat beim Staatskonzern nicht ein, wenn Sie als Coop-Präsident beim Bundesrat die Interessen des Detailhandels vertreten müssen? Nein.

Wären Sie für eine vollständige Privatisierung der Swisscom? Im aktuellen Umfeld nicht. Ich glaube, die jetzige Situation gibt dem Unternehmen mehr Stabilität. Weil so nicht plötzlich Übernahmespekulationen aufkommen. Weltweit ist Swisscom ja kein grosser Player.

Wenn Sie zurückblicken auf die Zeit an der Coop-Spitze? Gibt es rückblickend etwas, was Sie bereuen, was sie anders machen würden? Bereuen tue ich nichts, das hat immer etwas von Selbstmitleid. Aber ich kann Ihnen sagen, worauf ich stolz bin. Nicht auf mich, sondern auf unsere Mitarbeitenden und unsere Zusammenarbeitskultur, die heute im Unternehmen herrscht. Der Zusammenhalt, in dem aus den einzelnen Genossenschaften zusammengeführten Unternehmen. Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin pro Jahr über 80'000 Kilometer gefahren und habe über 600 Läden besucht. Dort passiert es. Wir in der Führung, der Logistik und der Administration sind alle Dienstleister dafür, dass an der Kundenfront so gut wie nur möglich gearbeitet werden kann.

Basler Zeitung

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