«Sehr viel Geld ist hinter wenigen Talenten her»

Das Silicon Valley ist wieder in Goldgräberstimmung. IT-Investor und Start-up-Kenner Daniel Gutenberg erklärt, welche Börsengänge anstehen und welche Ideen bald die Geschäftswelt auf den Kopf stellen werden.

«Groupon und Facebook sind die Regenmacher im Valley»: Investor Daniel Gutenberg.

«Groupon und Facebook sind die Regenmacher im Valley»: Investor Daniel Gutenberg.

Christian Lüscher@luschair

Herr Gutenberg, die Internetszene boomt. Welches Start-up könnte bald das nächste Facebook werden?
Ich denke spontan an mehrere Zahlungssysteme, die bald in Brasilien, in den USA und in Europa an den Start gehen werden. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass wir in 20 Jahren noch immer einen Geldbeutel mit einer Vielzahl von Plastikkarten mit uns herumtragen werden. Diese Karten werden alle in unserem Telefon virtuell Platz finden und unser Kaufverhalten nachhaltig verändern.

Die gelten als gut vernetzter Investor. Zeichnet sich ein nächster interessanter IPO eines Onlineunternehmens ab?
Square, die Firma von Twitter-Gründer Jack Dorsey, könnte schon bald einen IPO ankündigen. Das schnelle Wachstum der Firma ist bald nicht mehr nur durch Venture-Capital zu finanzieren.

Sie haben mit Facebook-Aktien bereits viel Geld verdient. Was ernten noch jene Investoren, die jetzt einsteigen?
Ich glaube nicht daran, dass man bei der heutigen Bewertung noch substanziell Geld verdienen kann. Sonst hätte ich auch nicht verkauft. Meine Prognose ist, dass es nach dem anfänglichen Hype innerhalb der nächsten Monaten wieder zu Preisen um den Eröffnungskurs kommen wird. Möglich ist es, dass sich Facebook im Wert verdoppelt oder verdreifacht. Das wird aber Jahre dauern.

In den letzten Tagen geriet Facebook zunehmend in Kritik. Das Werbemodell sei überbewertet, namhafte Werbepartner sind bereits abgesprungen. Zusätzlich ist noch der Patentstreit mit Yahoo offen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Die Kritik ist unberechtigt und der Patentstreit scheint Facebook im Griff zu haben. Die grosse Frage ist, ob Facebook-Credits greifen werden und sich ausserhalb der eigenen Plattform etablieren können. Falls erfolgreich, dann könnte die eigene virtuelle Währung schon 2013 50 Prozent des Umsatzes ausmachen.

Stichwort Geld. Wie locker sitzt eigentlich das Geld im Silicon Valley? Lockerer als zu Zeiten des ersten Dotcom-Booms?
Ja. Es ist sicher so, dass wieder sehr viel Geld hinter wenigen guten Talenten her ist. Instagram und Fab Evernote sind solche Beispiele. Allerdings kaufen die Leute heute mit Geld, das sie haben. Im Unterschied zum Jahr 2000, als häufig geliehenes Geld eingesetzt wurde.

Ist ein Ende der Goldgräberstimmung in Sicht?
Das hängt sehr stark mit der Performance von Groupon und Facebook zusammen. Diese beiden Aktien sind die Regenmacher im Valley. Ich glaube nicht, dass die Blase jetzt schon platzt. Es dauert noch eine Weile.

Als Investor brauchen Sie eine gute Nase. Wann und wie wissen Sie, dass ein Start-up-Unternehmen Potenzial hat?
Ich schaue mir seit bald 15 Jahren Hunderte von Start-ups jedes Jahr an. Ausserdem habe ich selber mehrere Start-ups erfolgreich gestartet. Das sensibilisiert natürlich.

Auch in der Schweiz boomt die Start-up-Szene. Ist genug Risikokapital vorhanden oder müssen Jungunternehmen zunehmend im Ausland auf Sponsorensuche gehen?
Um ein Produkt oder eine Dienstleistung zur Marktreife zu führen, ist in der Regel genug Kapital in der Schweiz vorhanden. Wenn die Firma aber mehr als zwei bis acht Millionen Franken braucht, dann muss man schon global denken.

Abschlussfrage: Man hat das Gefühl, dass eine ganze Generation von jungen Unternehmern heranwächst, die traditionelle Geschäftsmodelle neu erfinden und letztlich auch bedrohen. Werden die Karten in der Geschäftswelt tatsächlich neu verteilt?
Das ist sicherlich nicht in jeder Branche der Fall, aber sicherlich was Medien und Zahlungssysteme angeht, ist ein grosser Wandel im Gang. Das Internet verlagert sich vom Desktop auf das Telefon.

baz.ch/Newsnet

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