Schweizer Öl-Konzern baut Verteidigungswall auf

Transocean mit Sitz in Steinhausen ZG ist Besitzerin der gesunkenen Bohrinsel «Deepwater Horizon». Trotzdem hielt bisher nur BP den Schwarzen Peter in der Hand. Das könnte sich nun ändern.

Vorgeschmack auf eine langwierige Auseinandersetzung: Zusammen mit Lamar McKay, Chairman von BP America, und Tim Probert, Sicherheitschef von Halliburton, musste Steven Newman, CEO von Transocean, vor dem Untersuchungsausschuss des Senats aussagen.

Vorgeschmack auf eine langwierige Auseinandersetzung: Zusammen mit Lamar McKay, Chairman von BP America, und Tim Probert, Sicherheitschef von Halliburton, musste Steven Newman, CEO von Transocean, vor dem Untersuchungsausschuss des Senats aussagen.

(Bild: Reuters)

Die am 22. April im Golf von Mexiko gesunkene Ölplattform «Deepwater Horizon» gehörte zwar Transocean und wurde auch vom Schweizer Ölbohrkonzern betrieben. Trotzdem ist es dem Unternehmen bisher erstaunlich gut gelungen, sich aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit herauszuhalten. Die volle Aufmerksamkeit der Medien wird BP, dem Besitzer der Ölquelle, zuteil.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Rechtslage in Zusammenhang mit den durch die Katastrophe verursachten Folgekosten im Grunde klar ist. BP und nicht Transocean ist als Besitzer der Ölquelle für sämtliche Schäden haftbar. Das würde sich nur ändern, wenn Transocean oder einem der anderen beteiligten Unternehmen Fahrlässigkeit nachgewiesen werden könnte.

Mit BP ist nicht zu spassen

BP, allen voran der scheidende CEO Tony Hayward, hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die Schuld zu grossen Teilen auf der Seite von Transocean zu suchen sei. Hayward hatte im Mai gegenüber der BBC gesagt: «Es waren Transoceans Bohrinsel, Transoceans Systeme, ihre Arbeiter und ihre Ausrüstung.» Doch entgegen anderslautender Meldungen, so haben Recherchen von «Finanz und Wirtschaft» ergeben, hat der britische Ölmulti noch keine direkte Klage gegen den in Steinhausen im Kanton Zug domizilierten Konzern eingereicht. Einzig die Versicherer von Transocean, darunter Lloyd’s of London, müssen sich bereits gegen Forderungen von BP wehren.

Dennoch hat sich die Grosswetterlage um Transocean in den letzten Tagen etwas verschlechtert. Vor einem Untersuchungsausschuss der US-Küstenwache hatten Mitarbeiter von Transocean ausgesagt, das Alarmsystem vorübergehend deaktiviert zu haben. Keiner der in die Untersuchung verwickelten Angestellten kommt von BP. Dass daraus Fahrlässigkeit seitens Transocean abgeleitet wird, ist zwar kaum anzunehmen – BP hatte auf der Bohrinsel die oberste Befehlsgewalt. Doch es wird immer klarer, dass nicht ein einzelner Fehler, sondern eine Verknüpfung von Ereignissen zum Unglück geführt hat.

Wichtiges Lobbying

Hinter den Kulissen bereitet sich Transocean auf einen Marathon in den Gerichtssälen vor und hat ein All-Star-Team von Anwälten um sich geschart. Bis die Sachlage endgültig geklärt ist, dürften Jahre vergehen. Guy Cantwell, der Pressesprecher von Transocean, erklärt: «Wir haben unser internes Team mit den nötigen externen Ressourcen ergänzt, um damit sicherzustellen, dass wir auf alle Eventualitäten reagieren können.»

Die auf Grosskonzerne spezialisierte US-Anwaltskanzlei Skadden, Arps, Slate Meagher & Flom nimmt dabei die wohl wichtigste Rolle ein. Skadden-Partner John Beisner führt das Team. Er ist auf Hearings im Kongress spezialisiert und hat unter anderem den US-Pharmakonzern Merck im Prozess um das Schmerzmittel Vioxx betreut. Eine wichtige Rolle übernimmt auch Sutherland Asbill & Brennan. Rachel Clingman, der aus Houston agierende 43 Jahre junge Shootingstar der Branche und Partnerin der Kanzlei, nimmt sich Fragen an, die direkt mit der Ölpest zu tun haben.

Doch damit nicht genug. Um aus Washington Rückendeckung zu erhalten und besser auf Hearings vorbereitet zu sein, arbeitet Transocean seit Mitte Mai mit dem Lobbying-Spezialisten Capitol Hill Consulting zusammen. Der Chairman und ehemalige Kongressabgeordnete Bill Brewster hat sich der Sache persönlich angenommen. In der Schweiz ist die Zürcher Kanzlei Homburger der Rechtsbeistand. Homburger hat für den Ölbohrkonzern den Umzug in die Schweiz sowie die Kotierung an der SIX begleitet.

Reaktionen in der Schweiz

Dass auch in der Schweiz Klagen gegen Transocean eingereicht werden, ist zwar nicht ausgeschlossen. Der Grossteil des Prozessmarathons wird sich aber in den USA abspielen. In der Schweiz gibt es allerdings durchaus unzufriedene Anleger. Die SMI-Titel haben seit dem Börsenstart vom 20. April über 50% eingebüsst (vgl. Kursgrafik). Besonders indexgebundenen Investoren macht das zu schaffen.

An der SIX Swiss Exchange sind keine Beschwerden über Transocean eingegangen. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) hingegen hat Anfragen, die auf die Handhabung der Ereignisse um Transocean und die Reaktion der Finma abzielen, erhalten. Da es jedoch keine Hinweise auf börsenrechtliche Verfehlungen von Transocean gebe, seien keine Schritte geplant, bestätigt die Finma.

Zwar hält sich BP mit der öffentlichen Schuldzuweisung in letzter Zeit etwas zurück. Doch sobald das Leck der Macondo-Ölquelle dauerhaft geschlossen wird, dürfte sich das ändern. Analysten gehen von einem erbitterten Rechtsstreit mit Transocean und anderen Beteiligten aus, der Jahre dauern dürfte. Das Risiko, dass Transocean im Endeffekt in irgend einer Art und Weise zur (finanziellen) Rechenschaft gezogen wird, besteht.

Zu risikoreich

Transocean hat bisher erfolglos versucht, die Haftung zu beschränken. Die Schäden aus der Ölpest können nicht durch die «Titanic-Klausel» auf 27 Millionen $ begrenzt werden (vgl. FuW Nr. 46 vom 16. Juni). Das Unternehmen akzeptiert mittlerweile, dass die Gesetzgebung, allen voran der Oil Pollution Act, zur Anwendung kommt. So werden Klagen der US-Regierung und der Bundesstaaten einfacher. Die Zuger hatten sich Mitte Mai darauf berufen, dass der Besitzer des Luxusschiffes nach dem Untergang 1912 erfolgreich geltend gemacht hatte, nur für den Wert des Dampfers aufzukommen. Der Schadenersatz musste vom Organisator der Schifffahrt bezahlt werden.

In Analystenkreisen herrscht weitgehend Einigkeit, dass es BP im Endeffekt kaum gelingen wird, die Schuld von sich zu weisen. Die Konstruktion des Bohrschachts soll zu risikoreich gewesen sein und gilt als Hauptgrund für die Katastrophe. Mehr Aufschluss über die Sachlage wird es in den kommenden Wochen geben, wenn das Absperrventil (Blowout Preventer) geborgen wird.

Die Auswirkungen der Katastrophe auf den Geschäftsgang von Transocean sind nicht von der Hand zu weisen. Von vierzehn Bohrschiffen des Konzerns im Golf von Mexiko haben sich sechs Mieter auf höhere Gewalt (Force Majeure) berufen. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Mietverträge aufgelöst werden. In drei Fällen wurden adjustierte Verträge mit leicht tieferen Tagessätzen vereinbart.

Stabile Auftragslage

Einige Analysten gehen davon aus, dass BP in Zukunft nur noch vereinzelt Aufträge an Transocean vergeben wird. Doch in der Praxis dürfte das anders aussehen. Einerseits kommen BP und andere Ölgesellschaften am Marktführer Transocean besonders für Tiefseebohrungen kaum vorbei. Anderseits kann Transocean aus früheren Prozessen Hoffnung schöpfen. 1999 hatte die Ölbohrgesellschaft Rowan BP in Zusammenhang mit einem Mietvertrag verklagt und Recht bekommen. Die Geschäftsbeziehung hatte das langfristig jedoch nicht beeinflusst.

Mietverträge für Bohrinseln laufen in der Regel zwischen fünf und zehn Jahren. Der Tagesansatz für ein in grossen Tiefen eingesetztes Bohrschiff liegt oft über 500 000 $. Die langfristige Bindung der Kunden reduziert die Anfälligkeit des Geschäfts auf unvorhergesehene Ereignisse wie die Ölpest. Vorausgesetzt weitere Nachforschungen zur Schuldfrage ergeben keine unangenehmen Überraschungen, steht Transocean finanziell auf solidem Fundament.

Aktien bergen hohe Risiken

Die Fälligkeiten der nächsten neun Jahre sind durch den Free Cashflow gut gedeckt (vgl. Grafik). Auch die durchschnittlichen Mieteinnahmen, die in den letzten Monaten wegen des sinkenden Ölpreises unter Druck geraten sind, sollen in den nächsten Quartalen dank bestehender Verträge leicht steigen. Zudem hält sich die Abhängigkeit vom Golf von Mexiko in Grenzen. 80% des Geschäfts liegen ausserhalb des Golfs.

Transocean sind Mitglied des SMI. Darum ist das Schicksal des Unternehmens für Schweizer Anleger von grosser Bedeutung. Dem erfahrenen Anwaltsteam ist zwar zuzutrauen, Transocean schadlos zu halten. Sicher ist dies jedoch keinesfalls. Schon deshalb wird eine Kurserholung auf das Niveau vor der Explosion lange auf sich warten lassen.

Die Titel notieren auch nach den Kursverlusten noch immer höher als Ende 2008. Auch wenn derzeit 28 von 43 Analysten die Titel zum Kauf empfehlen und nur zwei Auguren zum Verkauf raten, bergen Transocean beträchtliche Risiken. Wer in Transocean investiert ist, sollte auf diesem Niveau zwar nicht verkaufen. Weitere Zukäufe sind jedoch nicht zwingend.

Finanz und Wirtschaft

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