Milchbauern verlieren Millionen an der Börse

Der Milchverarbeiter Hochdorf kämpft ums Überleben. Für die Milchproduzenten steht sehr viel Geld auf dem Spiel.

Für die Zentralschweizer Bauern sei Hochdorf so systemrelevant wie die UBS für den Bankenplatz Schweiz. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Für die Zentralschweizer Bauern sei Hochdorf so systemrelevant wie die UBS für den Bankenplatz Schweiz. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Die Aktien des Milchkonzerns Hochdorf stürzten gestern an der Börse zeitweise um fast 30 Prozent ab und lagen am Abend 27 Prozent im Minus. Die Titel des drittgrössten Schweizer Milchverarbeiters, die 2017 im Höchst zeitweise bis zu 330 Franken kosteten, haben seither über 80 Prozent an Wert verloren.

Schmerzen bereitet der Wertschwund den 3100 Milchbauern, die im Innerschweizer Produzentenverband ZMP organisiert sind. Geplatzt ist der Traum der Milchbauern, Hochdorf werde zur gleichen Erfolgsstory wie der Milchkonzern Emmi, an dem sie 53 Prozent halten.

Kleinaktionäre betroffen

Die Beteiligung von 14,5 Prozent an Hochdorf, die der ZMP auf­gebaut hat, ist wegen des Ab­sturzes von Hochdorf an der Börse auf einen Bruchteil ihres Werts in Boomzeiten geschrumpft. Betroffen sind auch jene Kleinaktionäre, die an Hochdorfs Ex­pansionsstrategie glaubten.

Das gilt auch für die 48 Millionen Franken, die der ZMP 2017 für Anteile an einer Hochdorf-Pflichtwandelanleihe ausgab. Pro Anteil erhält er nächstes Jahr eine Hochdorf-Aktie zu dem 2017 festgesetzten Preis von 304 Franken – eine Aktie, die gestern Abend 53 Franken wert war.

Der Auslöser war, dass die Wachstumsstrategie von Hochdorf-Chef Thomas Eisenring, der ab 2013 eine halbe Milliarde Franken für Zukäufe und Ausbau ausgab, gescheitert ist. Hochdorf-Chef Eisenring musste im März gehen, der Verwaltungsrat wurde auf Druck von Grossaktionären wie dem ZMP erneuert. Wie ernst die Lage ist, zeigen die Zahlen für das erste Halbjahr 2019. Hochdorf rutschte tief in die roten Zahlen ab. Aus 243 Millionen Franken Umsatz resultierte ein Verlust von 63 Millionen.

Kredite gekündigt

Der Milchverarbeiter produziert längst keine freien Mittel mehr. In den letzten eineinhalb Jahren wurden 180 Millionen Franken verbrannt, weil vom Baltikum bis Südafrika zugekaufte Firmen meist nicht werthaltig waren. Hochdorf musste für die vielen Problemfälle per Mitte Jahr Rückstellungen von insgesamt 67,6 Millionen Franken bilden. Dem verschuldeten Konzern sitzen die Banken im Nacken.

 Hochdorf wartet seit über einem Jahr auf eine Bewilligung aus Peking, um im weltweit grössten Wachstumsmarkt Babynahrung verkaufen zu dürfen.

Hochdorf verletzte Auflagen für ein Kreditpaket über 150 Millionen Franken. Das Bankenkonsortium kündete darauf Kreditlinien von 40 Millionen Franken und verlängerte die Kredite nur bis 31. Oktober. Hochdorf kämpft ums Überleben: Es gebe «er­hebliche Zweifel am Fortbestand der Gesellschaft», machte der Konzern gestern publik.

Die Milchbauern und der ZMP haben ein vitales Interesse, dass ihr Milchverarbeiter überlebt. «Hochdorf ist für die Zentralschweizer Bauern so systemrelevant wie die UBS für den Bankenplatz Schweiz», sagt der Aktienspezialist einer Bank. Das gelte auch für die Banken, sagt ein Zürcher Vermögensverwalter. «Es bleibt kaum etwas anderes, als die angepeilte Gesundschrumpfung aufs Kerngeschäft zu unterstützen und zu begleiten, sonst könnten die Banken einen Grossteil ihres 150-Millionen-Kreditpakets verlieren.»

Zwei Monate Zeit

Der neuen Führung bleiben zwei Monate, um die Banken davon zu überzeugen, dass die angepeilte rasche Konzentration auf die Kerngeschäfte Milchpulver und Babynahrung Aussicht auf Erfolg hat. Kein gutes Zeichen ist da, dass Hochdorf seit über einem Jahr auf eine Bewilligung aus Peking wartet, um im weltweit grössten Wachstumsmarkt Babynahrung verkaufen zu dürfen. Die Prüfung der Marken von Hochdorf sei für das vierte Quartal angekündigt, so ein Sprecher. Das Verfahren kann dann Monate dauern, wie es ausgeht, bleibt abzuwarten.

Für eine ostdeutsche Molkerei hat Hochdorf noch keinen Käufer. Die grösste Gefahr birgt die 2016 zugekaufte Babyfood-Tochter Pharmalys. Hochdorf zahlte 245 Millionen Franken für 51 Prozent der tunesischen Gruppe. Pharmalys sitzt auf teils längst überfälligen Ausständen von Kunden über 56 Millionen Franken – und musste dafür 32 Millionen Franken Rückstellungen bilden. Hochdorf habe «keinen Einfluss auf die Wertschöpfungskette» von Pharmalys. Ein Grossteil der Verkäufe wird über Distributoren abgewickelt, an denen der ursprüngliche Alleinbesitzer von Pharmalys eine Mehrheit oder bedeutende Anteile halte. Dieser hält auch weiterhin 49 Prozent an Pharmalys.

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