Manager, habt Mut zur eigenen Meinung!

Der Siemens-Chef setzt politische Zeichen und wird dafür kritisiert. Trotzdem: Er ist ein Vorbild – auch für Schweizer Firmenchefs.

Er solle schweigen, sonst ergehe es ihm gleich wie Walter Lübcke: Siemens-Chef Joe Kaeser. (Foto: Keystone)

Er solle schweigen, sonst ergehe es ihm gleich wie Walter Lübcke: Siemens-Chef Joe Kaeser. (Foto: Keystone)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Er hat eigentlich schon genug zu tun. Joe Kaeser ist der Chef des deutschen Industrieunternehmens Siemens. Es beschäftigt weltweit rund 380'000 Menschen. Dennoch findet der Manager Zeit, sich regelmässig via Twitter zu äussern – und damit sogar weltweit Aufsehen zu erregen.

Zuletzt etwa mit einem Tweet über die Kapitänin Carola Rackete. Menschen, die Leben retteten, sollten nicht festgenommen werden, schrieb Kaeser. Es folgte eine E-Mail aus der «Hölle», wie Kaeser selbst schrieb: Er solle schweigen, sonst ergehe es ihm gleich wie Walter Lübcke, dem deutschen Politiker, der Anfang Juni durch einen Kopfschuss ermordet worden war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Kaeser nahm das Thema mit Humor. «Der Teufel hat jetzt auch E-Mail», twitterte er und postete ein Bild der Nachricht. Er setzt damit ein mutiges Zeichen, für das er weltweit viel Lob erntete: Auch ein Firmenchef kann sich zu einem kontroversen Thema wie der Zuwanderung äussern. Mit seinem Tweet sollte er ein Vorbild für die gesamte Managergilde sein – auch in der Schweiz. Firmenchefs können und sollten sich in gesellschaftspolitische Debatten einmischen und müssen sich nicht auf ihr angestammtes Terrain von rein wirtschaftspolitischen Fragen beschränken.

Auch Unternehmer sollen sich politisch äussern und dürfen auch anecken. Das ist gut für die öffentliche Debatte.

Leider aber dürfte die Drohung gegen den Siemens-Chef bei vielen Firmen das Gegenteil bewirken: dass sie Äusserungen ihrer Manager noch stärker kontrollieren. Das ist schade. Denn Schweizer Firmenchefs sind nicht auf den Kopf gefallen, haben zu aktuellen Entwicklungen meist eine dezidierte Meinung, und sie sind durch einen riesigen Stab an Mitarbeitern oftmals bestens informiert.

Ihre eigenen Ansichten tun sie auch gerne kund, aber leider nur hinter vorgehaltener Hand. Eine Armada von PR-Beratern und Mediensprechern verhindert, dass pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen öffentlich werden. Oft mischen sie sich nicht einmal in die Debatten ein, die ihre Unternehmen betreffen. Die mühsamen Diskussionen delegieren sie an Verbände.

Allerhöchstens kritisiert ein Firmenchef mal die im Vergleich zum Ausland strengen Auflagen oder lässt sich zu einer Aussage zur Europafrage hinreissen. Das tun zum Beispiel UBS-Chef Sergio Ermotti oder Roche-Chef Severin Schwan. Genau so kalkuliert sind die europakritischen Positionen von Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo-Blocher, die auch Politikerin ist, oder Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig. Über den engen wirtschaftspolitischen Rand wagt sich kaum ein Firmenlenker hinaus. Die Wortmeldungen sind denn auch meist weitherum abgesichert. Weil die Positionen so erwartbar sind, lösen sie keine Diskussion aus.

Volvo garantiert auch Schweizer Mitarbeitern sechs Monate Elternzeit

Das gesellschaftspolitische Tagesgeschehen wie Fragen zur Zuwanderung oder zur Familienpolitik bleiben für die Chefs tabu. In vielen PR-Abteilungen dürfte noch die Erfahrung des Weissbuchs von 1995 in den Knochen stecken. Das 80-seitige Papier, verfasst von Wirtschaftsführern wie dem damaligen ABB-Co-Präsidenten David de Pury oder Banker Josef Ackermann, schlug Änderungen in zahlreichen Lebensbereichen vor, etwa der Sozial- und der Bildungspolitik. Die Kritik am Werk war heftig. Der «Blick» bezeichnete die Verfasser als «Sozialabbau-Millionäre». Dass kontroverse Vorschläge eine intensive Debatte auslösen, wurde völlig unterschätzt. Seither gilt die Regel: bloss nicht mit akzentuierten Meinungen bei Kunden und Mitarbeitern anecken.

In den letzten 25 Jahren ist aber viel passiert. Die Schweizer Wirtschaft ist viel globaler aufgestellt als damals. Schweizer Firmen agieren in einem weltweiten Wettbewerb. Sie importieren daher auch Errungenschaften aus anderen Ländern, die in der Schweiz nur schwerlich Fuss fassen könnten.

Der Pflegeurlaub für schwer kranke Angehörige wird durch ausländische Grosskonzerne in die Schweiz gebracht, lange bevor sich die Politik zu einer nationalen Regelung durchringt. Zäh ist auch die politische Diskussion um einen Vaterschaftsurlaub. Eine einfache Lösung gibt es hingegen für Schweizer Mitarbeiter des schwedischen Autobauers Volvo. Er garantiert allen Angestellten eine Elternzeit von sechs Monaten.

«Die Demokratie lebt von der öffentlichen Debatte.»

Auch stammen heute viele Manager hochrangiger Unternehmen aus dem Ausland. Sie könnten mit ihrem Blick auf die Schweiz viel zur Diskussion beitragen. Doch glauben gerade sie oft, dass sie sich nicht in schweizerische Angelegenheiten einmischen dürfen.

Aber die Demokratie lebt von der öffentlichen Debatte. Und dafür braucht es einen regen Austausch – gerade auch mit einflussreichen Unternehmern und Managern. Sie müssen sich ihre Meinung ohnehin bilden, also können sie auch öffentlich dazu stehen. Damit ecken sie vielleicht an, können aber Profil gewinnen.

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