Ein kleiner Milchverarbeiter will Emmi kopieren – und stolpert dabei

Die Luzerner Hochdorf nahm den Konkurrenten als Vorbild und wagte den Schritt ins Ausland. Jetzt ist die Lage so ernst, dass die Milchbauern eingreifen wollen.

Milchverarbeiter in der Krise: Ein Sack mit Milchpulver wird in Hochdorf Luzern abgefüllt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Milchverarbeiter in der Krise: Ein Sack mit Milchpulver wird in Hochdorf Luzern abgefüllt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ernst Meier@tagesanzeiger

Die Bauern profitieren gleich mehrfach. «Rückvergütung» nennen es die Landwirte der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP). Jeden Frühling erhalten die 3100 Mitglieder der Genossenschaft ihren Anteil an der Emmi-Dividende. Die ZMP ist mit 53 Prozent Hauptaktionärin des grössten Schweizer Milchverarbeiters. 25,6 Millionen Franken Emmi-Dividende gibt es für die ZMP im April. Jedes Genossenschaftsmitglied erhält seinen Anteil entsprechend der von ihm gelieferten Milch. Durchschnittlich gab es in früheren Jahren gegen 3600 Franken. Zudem erhalten die Landwirte ein Paket mit Emmi-Produkten. Und dann gibt es noch alle fünf Jahre ein grosses Fest.

Das Engagement der Milchbauern beim anderen Luzerner Milchverarbeiter, der Hochdorf-Gruppe, ist weniger glücklich. Die Aktie verlor stark an Wert, und das Unternehmen ist in der Krise. Die ZMP hält über eine Tochterfirma 14,5 Prozent an der börsenkotierten Firma. Hochdorf stellt hauptsächlich Milchpulver und Babynahrung her. «Das Unternehmen ist für unsere Bauern ein wichtiger Partner», sagt ZMP-Geschäftsführer Pirmin Furrer. In Hochdorf werden grosse Mengen Zentralschweizer Milch verarbeitet; bis zu 30 Tankfahrzeuge liefern täglich das «weisse Gold» aus der Region. Nachdem viele regionale Milch- und Käsereigenossenschaften weggefallen waren, sind Grossabnehmer wie Emmi und Hochdorf für die ZMP-Bauern unverzichtbar geworden.

DJ Bobo brachte Fantasie

Rund ein Viertel der hierzulande produzierten Milch muss im Ausland abgesetzt werden. Schweizer Milch oder Produkte wie Rahm und Butter zu exportieren, lohnt sich nicht. Das Rezept heisst «Veredelung zu Premiumprodukten». Nur so lässt sich mit Schweizer Milch im Ausland Geld verdienen. Wie das funktioniert, zeigt das Geschäftsmodell von Emmi.

Rückblick ins Jahr 2004. DJ Bobo persönlich kommt an jenem Tag im März auf der Vespa gefahren und stellt den Journalisten Caffè Latte vor – das neuste Emmi-Produkt. Die Lancierung von kaltem Kaffee als Fertiggetränk ist nicht ohne Risiko, grössere Konzerne scheiterten dabei, doch Emmi schaffte es. Caffè Latte ist ein Verkaufsschlager, 150 Millionen Becher werden jährlich in 15 Ländern verkauft.

Caffè Latte brachte der 1993 vom ZMP gegründeten Emmi die notwendige Wachstumsfantasie. Emmi plante 2004 den Börsengang. Am 7. Dezember desselben Jahres wurde die Aktie erstmals an der Schweizer Börse gehandelt, zum Preis von 108 Franken. Emmi erzielte 2003 einen Umsatz von knapp 2 Milliarden Franken und einen Betriebsgewinn von 120 Millionen Franken. Heute liegen die Verkäufe bei 3,4 Milliarden, der operative Gewinn beträgt 217 Millionen. Der Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang verachtfacht.

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Diese Erfolgsstory hatte auch der Hochdorf-Verwaltungsrat vor Augen, als er im Sommer 2013 Thomas Eisenring zum neuen Konzernchef ernannte. «Wir müssen es ähnlich wie Emmi machen», sagte Eisenring gegenüber der «Luzerner Zeitung». Hochdorf war damals seit gut zwei Jahren an der Schweizer Börse SIX kotiert – und für Investoren kein gutes Geschäft. Die Aktie gab es am ersten Tag an der SIX für 114 Franken; als Eisenring übernahm, dümpelte sie bei 80 Franken.

Bauern wollen Einfluss

Bei Hochdorf setzte man sich zum Ziel, wie Emmi erfolgreich ins Ausland zu expandieren. Zu Emmi gehören heute beispielsweise Käsereien in den USA oder Joghurthersteller in Spanien. Emmi vertreibt im Ausland nicht nur Käse aus der Schweiz, sondern stellt auch Lebensmittel mit ausländischer Milch her. Zum Konzern gehören Marken wie Kaltbach Käse, Aktifit oder Energy Milk. Emmi investiert viel ins Marketing, Premiumprodukte versprechen höhere Margen.Hochdorf hingegen ist fast ausschliesslich im Geschäftskundenbereich tätig (Business-to-Business). Das Unternehmen liefert der Nahrungsmittelindustrie – vor allem den Schokoladenherstellern – Halbfabrikate wie Milchpulver. Das Problem dabei: tiefe Margen und geringe Wachstumschancen. Hier setzte der Verwaltungsrat vor sechs Jahren an. Mit Eisenring erhöhte sich das Tempo bei der Hochdorf-Gruppe, und die Segel wurden neu gesetzt. Wachstum soll der Bereich «Baby-Care» bringen. Hochdorf stellt aus Milch verschiedene «Premiumprodukte für Baby-, Kinder- und Mama-Nahrung» her. 2012 schrieb Hochdorf knapp 350 Millionen Franken Umsatz – 72 Prozent kamen vom Milchderivategeschäft (wie Milchpulver), 20 Prozent aus der Sparte Baby-Care.

Die Beteiligung am wichtigen Kunden Pharmalys brachte Hochdorf kein Glück. Dessen Umsatz brach ein. 

Eisenring baute die Kapazitäten aus, übernahm Firmen im Ausland und gründete einen Schokoladenhersteller in Südafrika. Eine Kapitalerhöhung brachte neues Geld. Den grossen Durchbruch plante Hochdorf mit dem Kauf von 51 Prozent der in Baar ZG domizilierten Pharmalys. Diese vertreibt die Babynahrung von Hochdorf in lukrative Wachstumsmärkte nach Nordafrika und Ländern des Nahen Ostens. Allein in Ägypten kommen jährlich 2,5 Millionen Babys zur Welt. Über den bisherigen Abnehmer Pharmalys erhielt Hochdorf direkten Zugang zu den Endkunden. Eisenring erklärte, dass so die Betriebsgewinnmarge verdoppelt werden könne. Sie lag 2016 bei 4,5 Prozent.

Den Anlegern gefiel die Strategie. Die Hochdorf-Aktie nahm Fahrt auf, stieg bis auf 340 Franken. Doch die Geschäftszahlen zeigten bald ein anderes Bild. Bei der neuen Tochter Pharmalys brach im ersten Halbjahr 2018 der Umsatz ein, die Zahlungsmoral der ausländischen Kunden machte Hochdorf zu schaffen. Der Pharmalys-Kauf erwies sich im Nachhinein auch als zu teuer. Gleichzeitig kämpfte das Unternehmen in einigen Werken mit Überkapazitäten und Verlusten – und in China stockten die Verkäufe. Hochdorf musste 2018 zwei Gewinnwarnungen bekannt geben. Die Aktie verlor deutlich.

Geduldige Landwirte

Wie schlimm es um die Geschäfte des Milchspezialisten steht, zeigt sich morgen, wenn Hochdorf das Jahresergebnis 2018 vorlegt. Konzernchef Eisenring wird die Zahlen nicht mehr präsentieren, er trat letzte Woche per ­sofort zurück. Der Druck der Aktionäre wurde zu gross. Am stärksten wehrt sich die Milchproduzentenfirma ZMP.

Die Milchbauern haben das Vertrauen in den Verwaltungsrat und die Geschäftsführung verloren, wie Geschäftsführer Furrer sagt. Sie fordern eine Erneuerung. Im Verwaltungsrat sass bisher kein ZMP-Vertreter. Die Milchbauern schlagen drei neue Verwaltungsräte vor. Bernhard Merki, früherer Chef der Fensterfabrik 4B und Verwaltungsrat bei der Ems-Chemie, soll das Präsidium übernehmen. Weiter sollen Ex-Emmi-Finanzchef Jörg Riboni und ZMP-Vizepräsident Markus Bühlmann in das Gremium einziehen.

Der Hochdorf-Verwaltungsrat befürwortet zwar eine Erneuerung des Gremiums. Von den vorgeschlagenen Kandidaten empfiehlt man aber nur den früheren Emmi-Mann Jörg Riboni zur Wahl. Einigen sich die Parteien nicht, kommt es an der Generalversammlung vom 12. April zum Showdown.

Restrukturierung statt steigender Margen – Hochdorf stösst den Milchbauern sauer auf. Trotzdem hält die ZMP an der Beteiligung fest. «Auch bei Emmi lief in den ersten Jahren nicht immer alles rund», so Furrer. Emmi überraschte 2008 seine Anleger mit einer Gewinnwarnung, der Aktienkurs fiel deutlich. «Durchhalten hat sich gelohnt», sagt Furrer. «Wir ZMP-Bauern denken langfristig.» Klar sei die Entwicklung der Aktie unschön. «Wir werden deshalb aber nicht nervös und wollen dazu beitragen, die Firma wieder auf die Beine zu bringen.»

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