«Die neue Messehalle war kein Fehlentscheid»

René Kamm, Chef der MCH Group, über die Zukunft der Baselworld und des Messestandorts Basel.

Realistischer Messe-CEO. René Kamm weiss, welche Erwartungen an die Baselworld 2018 gestellt werden.

Realistischer Messe-CEO. René Kamm weiss, welche Erwartungen an die Baselworld 2018 gestellt werden.

(Bild: Christian Merz)

BaZ: In den Medien ist von Unmut unter den Ausstellern die Rede und dass sich die Baselworld negativ entwickelt habe und zu teuer sei. Der Salon de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf hat der Baselworld das Wasser abgegraben, schreibt die NZZ. Ist die Messe am Ende?
René Kamm:Nein, selbstverständlich nicht. Aber wir stecken mitten in einem riesigen Transformationsprozess. Dass es da Unmut gibt, ist logisch. Es gibt auch Äusserungen, die die allgemeine Situation der Branche betreffen und die jetzt einfach auf die Messe fokussiert werden.

Der SIHH ist in der gleichen Situation, und dort scheint es besser zu laufen.
Die Baselworld und der SIHH lassen sich nicht miteinander vergleichen. Von den sechs grossen Schweizer Uhrenmarken sind fünf in Basel. Basel ist das Zentrum, wo sich die gesamte Industrie trifft. In der Vergangenheit hatte die Baselworld jedoch den Anspruch, die Diversität der Uhren- und Schmuckindustrie inklusive der Zulieferer zu zeigen. Das wurde auch von den grossen Uhrenherstellern explizit gewünscht. Wir haben dann von unserer Seite aus versucht, die Messe zu segmentieren und den verschiedenen Bereichen eine eigene Identität zu geben. Das hat ab dem Jahr 2000 begonnen, und die Perfektionierung war mit dem Neubau erreicht. In dieser Zeit war die Uhren- und Schmuckwelt aber noch heil.

Und jetzt wird das Grundkonzept verändert?
Im Zuge dieses Transformationsprozesses ist es zunehmend schwerer, die Diversität der Baselworld aufrechtzuerhalten. Das beginnt schon bei den Lancierungszyklen von Produkten. Früher hat die Haute Horlogerie einmal im Jahr ihre Neuheiten mit einem «Big Bang» in Basel vorgestellt. Heute müssen die Produzenten mit ihren Neuheiten permanent in den digitalen Medien sein. Der Spagat, die Diversität abzubilden und gleichzeitig allen gerecht zu werden, ist fast nicht möglich. Noch bis vor drei, vier Jahren ist uns dieser Spagat gelungen, doch die Sache hat sich durch verschiedene Veränderungen im Markt jetzt akzentuiert. Deshalb ist der Vergleich mit dem SIHH auch nicht richtig, weil dieser Salon lediglich ein Marktsegment abdeckt und von der Richemont-Gruppe dominiert ist.

Haben Sie mit der Verkürzung der Messe und den Preissenkungen nicht zu lange zugewartet? Diese Forderungen standen ja schon lange im Raum.
Das stimmt nicht. Selbst im letzten Jahr, als wir kurzfristig über die Verkürzung der Messe entschieden haben, gab es noch gewichtige Stimmen unter den Ausstellern, die gegen die kürzere Dauer waren. Wir als Messe können nicht einfach sagen, was läuft. Es gibt Gremien, die über den Kurs entscheiden. Hier wird alles diskutiert. Früher war es eben einfacher, einen gemeinsamen Nenner zu finden, heute wird das immer schwieriger. Die Marketingherausforderungen der verschiedenen Anbieter im Markt sind durch die Digitalisierung der Kommunikationskanäle gestiegen. Der Nutzen der Messe ist nicht mehr der gleiche wie früher, und dann kommt eben sofort die Preisdiskussion auf. Früher wurden diese Preise bezahlt, und die Hallen waren voll. So viel können wir nicht falsch gemacht haben. Aber der Quadratmeterpreis macht vielleicht zehn Prozent der Gesamtkosten einer Messeteilnahme aus. Das heisst, auch wenn wir den auf null setzen, bleiben für die Aussteller noch immer neunzig Prozent.

Und um die Kosten zu minimieren, dürfen die Aussteller in der Halle 1.0 jetzt ihre Stände stehen lassen?
Für die grossen Marken mit ihren mehrstöckigen Standbauten ist der Auf- und Abbau einer der grössten Posten. Jetzt dürfen sie die Stände alle zwei Jahre stehen lassen, was ihnen eine Kostenersparnis von 30 bis 40 Prozent bringt. Da reden wir bei den grossen Ausstellern von mehreren Millionen. Auch hier haben wir schnell reagiert und nehmen auch einen Kollateraleffekt in Kauf. Die Art Basel muss die «Unlimited» jetzt im ersten Obergeschoss durchführen. Wir mussten eine Prodex/Swisstech schieben, vom Herbst 2018 in den Mai 2019 hinein. Das hat uns alles nicht nur Beifall gebracht, doch wir haben das innerhalb von wenigen Wochen geschafft. Und dadurch konnten wir die Baselworld 2019 bei den grossen Uhrenmarken sichern. Deshalb kann man uns sicherlich keine Untätigkeit vorwerfen.

War der Bau der neuen Messehalle rückblickend ein Fehlentscheid?
Das war kein Fehlentscheid. Natürlich ist dieser Bau eine teure Übung. Aber eine Igeho hat letztes Jahr vollständig im neuen Bereich stattgefunden. Die Swissbau dito. Diese Messen brauchen aber weniger periphere Hallen wie beispielsweise die Hallen 3, 4 oder 5. Wenn man ein Szenario vorsieht, dass die Messen immer kleiner werden, so wird doch der neuere Teil der Infrastruktur immer gebraucht. Wenn die Messen in ferner Zukunft wirklich kleiner sind, dann könnten die Hallen 2, 3 und 5 neu entwickelt werden. Bei der diesjährigen Baselworld ist die Halle 1.2 nicht belegt. Rein theoretisch hätte man hier auch die Aussteller der Halle 2 unterbringen können. Wenn die Baselworld aber noch kleiner wird, kann man sie ganz auf die neuen Teile konzentrieren, und sie wird dadurch kompakter.

Die Swatch Group hat ihren Vertrag mit der Messe verlängert. Die meisten anderen Firmen warten diese Messe ab. Wie gehen Sie mit der Entwicklung um?
Man darf nicht naiv sein. Ich begreife auch die Marken. In dieser Industrie hat sich so viel so schnell verändert. Als wir den Ausstellern unseren Neubau vorgestellt haben, war die Begeisterung riesig. Und einige haben von einem Commitment für die nächsten 10 bis 20 Jahre gesprochen, was sich ja auch in den grossen Standinvestitionen widergespiegelt hat. Das war in den Jahren vor der Eröffnung des Neubaus. Es ist nicht böser Wille der Marken, dass sich diese Haltung geändert hat. Viele schauen jetzt eben Jahr für Jahr, und das ist auch richtig so. In der heutigen Zeit kann man nicht mehr so langfristig planen. Die Swatch Group hat zwar verlängert, aber auch da gibt es bestimmte Konditionen. Die Erwartungen an die Messe müssen erfüllt werden, und wenn nicht, dann ist die Baselworld gefährdet.

Weshalb kommt es nicht zu einer terminlichen Annäherung mit dem SIHH?
Es wird viel diskutiert. Nächstes Jahr findet die Baselworld im März etwa zur gleichen Zeit statt. Rein theoretisch hätten wir 2019 in den Januar gehen können, weil wir keine Swissbau haben. Aber 2020 ist das sicher nicht möglich. Es gibt auch eine klare Meinung der grossen Uhrengruppen, die sagen, der März sei das richtige Datum. Wir müssen zudem zeigen, dass wir die Plattform der für die Uhrenindustrie wichtigen Player sind. Als Messeveranstalter richten wir uns wenn immer möglich nach den Wünschen der Aussteller. Leider können wir für die Baselworld aber kein nachhaltiges Januar-Zeitfenster bieten, ohne die Swissbau zu gefährden. Und der SIHH kann wegen des Automobilsalons in Genf nicht im März stattfinden. Die Datenfrage ist nach wie vor ungelöst.

Was ist neu an der Baselworld 2018?
Die Messe ist wesentlich kompakter. Wer sich hier präsentiert, hat im Markt eine Bedeutung. Zahlreiche Firmen sind inzwischen ausgeschieden. Der Druck auf den Handel ist sehr gross. Ein Händler kann nur eine gewisse Anzahl Marken führen, und da möchte er natürlich die wichtigen priorisieren. Kleinere Marken finden da fast nicht mehr in den Handel, und das ist mit ein Grund, dass die Messe kleiner wird. Die Konsolidierung, die sich an der Messe bemerkbar macht, ist draussen im Markt beim Händler noch extremer. Es ist deshalb absehbar, dass die Messe in Zukunft noch kleiner wird.

Ist es überhaupt noch möglich, klare Aussagen über die Zukunft zu machen?
Wir reden jetzt die ganze Zeit über die Baselworld. Aber wir müssen uns auch als Firma weiterentwickeln. Deshalb haben wir schon vor zwölf Jahren mit der Diversifizierung in Eventservices und Marketing Solutions begonnen. Als MCH können wir beispielsweise Kunden auch bei ihren Corporate Events rund um den Globus unterstützen.

Welche Bedeutung hat denn die Baselworld überhaupt noch?
Sie ist eine wichtige Kommunikations-Plattform für die Branche. Die Marken haben alle ihre individuellen Probleme und suchen nach individuellen Lösungen. Doch am Schluss des Tages ist es wichtig, dass sich die Schweizer Uhrenindustrie einmal im Jahr als wichtige Industrie präsentieren kann. Das ist die Essenz, die wir weiter pflegen müssen. Früher haben die Aussteller in Basel ihren Jahresumsatz gemacht. Diesen Anspruch kann die Baselworld nicht mehr erfüllen. Da müssen wir einfach realistisch sein.

Der Eindruck ist doch, dass renommierte Marken Ihrer Messen eine Art Abgesang auf die Baselworld anstimmen. Besteht nicht die Gefahr einer Abwärtsspirale?
Bei der Kritik muss man schon differenzieren. Die grossen Marken stehen zur Messe. Wir haben im vergangenen Jahr extrem schnell reagiert, indem wir die Uhrenmarken durch unsere Massnahmen mit Beträgen in Millionenhöhe entlastet haben. Wir haben zum Beispiel bei den kleinen Ausstellern die ganzen Kataloge gestrichen. Das hat deren Budgets sicher um gut die Hälfte entlastet. Die häufig kritisierten Hotelpreise werden ebenfalls sinken, wenn der Markt spielt.

Das Phänomen der hohen Preise zieht sich durch viele Bereiche: Der Salat, der im Restaurant in der Nähe der Messe unterm Jahr nur 12.50 Franken kostet und während der Baselworld dann 32.50 Franken, ist nur ein Beispiel. Das merken die Besucher doch auch.
Diese Auswüchse haben wir immer moniert. Wenn die Messe in Zukunft kleiner und kompakter wird, spielt sich das sicher ein. Fairerweise muss ich sagen, dass solche Phänomene auch in anderen Städten zu beobachten sind, wo Grossanlässe stattfinden. Etwa bei Hotels in Miami während der Art Basel. Dort vervierfachen sich die Preise an den Preview-Tagen ebenfalls.

Haben es sich die Gastronomen und Hoteliers aber nicht lange zu einfach gemacht und nach dem Motto gehandelt: Die Messe ist das Zugpferd, und wir fahren hinten im Wagen mit?
In diesem Bereich fällt es mir schwer, einen Vorwurf zu formulieren. Nehmen wir beispielsweise eine internationale Hotelkette mit einem Manager, der zwei oder drei Jahre in Basel ist und seine Jahresziele erreichen muss. Es ist nachvollziehbar, dass er kaum Hemmungen hat, die Preise zu erhöhen.

Anders gefragt: Müssen gewisse Leute in der Stadt nicht einsehen, dass die goldenen Zeiten vorüber sind?
Definitiv, was die Baselworld betrifft. Wir von der Messe lassen aktuell substanziell Federn.

In Ihrem gestern veröffentlichten Jahresausblick sprechen Sie von schwierigen Jahren 2018 und 2019. Ihnen fehlen 40 Millionen Jahresumsatz wegen der Probleme bei der Baselworld.
Diese Zahl stammt aus einer Sitzung mit Hoteliers, der tatsächliche Effekt ist sogar noch etwas höher. Das ist effektiv massiv für uns, aber wir können das nicht ändern.

Wegen des Umsatzrückgangs im Messegeschäft haben Sie eine Wertberichtigung in Höhe von 100 Millionen Franken auf die Messegebäude vornehmen müssen. Dies auf Anraten der Revisionsgesellschaft, wie es heisst.
Aufgrund des von uns geplanten Rückgangs der Umsätze am Standort Basel in den kommenden Jahren – einerseits bedingt durch die Verkleinerung der Baselworld, aber auch durch Rückgänge bei anderen Messen am Standort – kam diese Wertberichtigung zustande. Mir ist wichtig zu betonen, dass es kein Cash-wirksamer Verlust ist und wir uns das leisten können, weil wir eine gute Eigenkapitalquote haben.

In Ihrer Funktion stehen Sie nun zwischen der operativen Einheit und dem Verwaltungsrat, der nicht jeden Tag die Zahlen verfolgt. Da hatten Sie sicher einiges zu erklären.
Der Verwaltungsrat war voll im Bild über die Entwicklungen, aber das Thema Wertberichtigung ist erst Mitte Februar wirklich schlagend geworden. Die mittelfristigen Planungen und Projektionen werden jedoch laufend aktualisiert …

… die Projektionen sind das Ziel unserer Frage. Sie arbeiten mit Szenarien, und noch schlechtere Entwicklungen sind durchaus denkbar.
Wir haben sehr viele Szenarien in unserer Mittelfristplanung enthalten. Wir haben auch neue Initiativen gestartet, die sich positiv auswirken werden. Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Auch dass sich der Kanton möglicherweise aus dem Aktienkapital zurückziehen könnte. Ist das ein Thema?
Das ist aktuell zwar kein Thema, aber auch über diese Frage darf man nachdenken.

Das hätte sicher auch Konsequenzen am Standort. Wie sind Kanton und Messe auf dem Messegelände verflochten?
Die Hallen gehören der MCH, das Land gehört dem Kanton, und wir zahlen dafür Baurechtszins.

Das heisst konkret?
Es ist kein billiges Investment gewesen, aber ein gutes, wenn man es langfristig betrachtet. Den Neubau kann man aufgrund der kompakten Situation immer als Messehalle nutzen. Wenn man die anderen Hallen in ferner Zukunft einmal nicht mehr brauchen sollte, kann man das Gelände aufgrund der attraktiven Innerstadt-Lage sinnvoll anders nutzen.

Dann kann der Kanton auch sehr beruhigt auf die Situation schauen.
Das ist Ihre Einschätzung, aber es ist sicher positiv, langfristig über verschiedene Optionen zu verfügen.

Der geplante Neubau anstelle des heutigen Messe-Parkhauses soll vorangetrieben werden. Ist das sinnvoll?
Das Projekt ist nicht mit der Messe verknüpft. Das Hotel war schon in der Grobplanung hybrid konzipiert. Ein Grossteil wird Mietwohnungen, hinzu kommen Nutzungen für Anwohner, und ein kleinerer Teil ist Hotel. Das ist ein interessanter Mix als Anlageobjekt für einen grossen Investor.

Basler Zeitung

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