Die Nationalitätenfrage der Finma

Hintergrund

Nach Patrick Raaflaubs Rücktritt leitet Mark Branson interimistisch die Finma. Der Brite könnte den Posten auch definitiv übernehmen. Macht ihm der Zwang zu Swissness einen Strich durch die Rechnung?

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Simon Schmid@schmid_simon

Ein Brite als oberster Aufseher des Schweizer Finanzplatzes. Geht das? Mit Mark Branson leitet nun ein britischer Staatsbürger die Finma, nachdem der bisherige Direktor Patrick Raaflaub gestern überraschend zurückgetreten ist. Branson war bisher Leiter des Bereichs Geschäftsbanken bei der Finanzmarktaufsicht und könnte den Direktorenposten – falls er daran Interesse hat und sowohl Finma-Verwaltungsrat als auch Bundesrat ihn für den geeigneten Mann halten – definitiv übernehmen.

Fachlich scheint einer Kandidatur wenig im Weg zu stehen, wie verschiedene Gesprächspartner sagen. Branson gilt als kompetenter Kenner der Bankenwelt. Der Zürcher Finanzprofessor Martin Janssen, der Branson persönlich kennt, beschreibt ihn überdies als «sehr gebildeten, anständigen und liebenswürdigen Menschen». Branson gelte als fordernd gegenüber den Mitarbeitern, «aber das muss ein Chef auch sein». Wohlwollend über Branson spricht auch der Berner Finanzprofessor Thomas Jutzi, der bereits mit ihm zusammengearbeitet hat. «Der Geschäftsbereich Banken ist einer der bestgeführten Bereiche bei der Finma», sagt er.

Kommunikation in zwei Landessprachen

Doch welchen Stellenwert besitzen fachliche Qualifikationen gegenüber dem kulturellen Profil? Muss ein Finma-Direktor das Schweizer System von klein auf kennen, in diesem Land zur Schule gegangen sein und Militärdienst geleistet haben? Muss er einen roten Pass besitzen? Jedenfalls beim letzten Punkt sind die Regeln klar, wie Finma-Sprecher Tobias Lux bezeugt. «Es gibt keine Vorschriften zur Staatsangehörigkeit von Finma-Entscheidungsträgern.» Fakt ist auch, dass Branson seit fünfzehn Jahren in der Schweiz lebt, bestens Deutsch spricht und auch gut Französisch versteht.

Die Kommunikation in der wichtigsten Landessprache gelingt Branson ohne Probleme. Einschätzungssache ist, inwiefern Swissness eine Anforderung ist. Laut dem Regulierungsspezialisten Thomas Jutzi ist ein profundes Netzwerk im finanzpolitischen Kuchen der Schweiz keine zwingende Voraussetzung für den Chefposten bei der Finma. «Der Finma-Chef steht nicht im luftleeren Raum, sondern arbeitet mit einem Team zusammen», sagt er. Laut dem Bankenkenner Martin Janssen sind die folgenden drei Dinge relevant: «Loyalität gegenüber der Schweiz, Fachkenntnisse und der Mut, eine eigene Meinung zu haben und sie auch zu äussern.»

Was heisst Loyalität?

Würde Branson als Brite eher aufs Maul sitzen als sein Schweizer Vorgänger? Mit seinem öffentlichen Appell an die Banken, den Forderungen der US-Justiz nachzukommen, eckte Raaflaub zuletzt an. Doch was hat dies mit der Nationalität des Direktors zu tun? Handelte Raaflaub damit im Interesse des Schweizer Finanzplatzes? Hat es dem Schweizer Finanzplatz genützt, hohe Eigenkapitalquoten von den Grossbanken zu fordern? Wissenschaftliche Erkenntnisse sowie der beträchtliche Druck aus dem Ausland deuten darauf hin. Doch eine definitive Bilanz über die Finanzregulierung unter Raaflaub kann erst in einigen Jahren gefällt werden.

Branchenkenner wie Alex Geissbühler, der die Bankenberatungsfirma Capco führt, tendieren dazu, der Herkunft keine allzu grosse Bedeutung beizumessen. Regulator zu sein, sei immer ein delikater Job, sagt er. «Man muss den Überwachten das Gefühl geben, dass ihre Sorgen und Nöte ernst genommen werden, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen.» Der Regulierungsexperte widerspricht der Vorstellung, dass der Chef der Finanzaufsicht eine Art lokaler Strippenzieher zwischen den Fronten am Finanzplatz sei. «Der Direktor muss nicht der Durchlauferhitzer zwischen Banken und Politik sein, sondern vor allem eine objektive Instanz», sagt Geissbühler.

Stilsicher auf Englisch

Internationalität kann auch ein Vorteil sein. Ins kollektive Gedächtnis brannte sich der damalige UBS-Banker Branson im Jahr 2009, als er vor dem amerikanischen Senat seinen Mann stand und dort einige unangenehme Dinge sagte. «Wir bedauern den Bruch von US-Gesetzen zutiefst.» Der Vergleich mit dem ehemaligen UBS-Chef Marcel Rohner, der sich wegen der Libor-Affäre vier Jahre später in einer ähnlichen Situation vor dem britischen Parlamentsausschuss wiederfand, zeigt zumindest eines: Branson besitzt die Fähigkeit, sich in der wichtigsten Sprache der Finanzwelt klar und deutlich auszudrücken. Thomas Jutzi von der Universität Bern hält dies für einen Pluspunkt.

«Es ist für den Chef der Finma von Vorteil, wenn er die Bankenwelt nicht nur aus der Schweizer Optik kennt», sagt er. Nationalität hin oder her: Anzunehmen ist, dass Branson nach fünfzehn Jahren in der Schweiz nicht nur ein gutes Bild von der hiesigen Kultur hat, sondern auch weiss, wie die Angelsachsen an der Spitze von internationalen Banken und in den weltweit wichtigsten Gremien ticken. Laut Jutzi ein für die Zukunft nicht unbedeutender Aspekt: «Branson könnte eine prägende Figur für die Schweiz werden.» Wenn ihm das Misstrauen der Banker und Politiker nicht dazwischen kommt.

baz.ch/Newsnet

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