«Die Grossbanken werden von der Finma bevorzugt»

Interview

Finanzprofessor Martin Janssen sieht wegen der starken Zunahme bürokratischer Vorschriften über 10'000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Warnt vor Überregulierung: Der emeritierte Professor für Finanzmarktökonomie Martin Janssen.

Warnt vor Überregulierung: Der emeritierte Professor für Finanzmarktökonomie Martin Janssen.

(Bild: Archiv TA)

Die CS hat beschlossen, die Vermögensverwaltung für Bürger von 50 Ländern aus Kostengründen aufzugeben. Ist das ein genereller Trend?
Ja, das ist ein Trend in der Bankenindustrie. Es werden weltweit immer mehr Regulierungen eingeführt. Und die Bestimmungen werden weltweit ernster genommen. Das Geschäft wird dadurch um Faktoren komplizierter.

Was bedeutet das konkret?
Es gibt für jedes Land Bestimmungen darüber, wie ein ausländischer Banker Kunden anwerben kann. In einzelnen Ländern ist es verboten, an einem gesellschaftlichen Anlass seine Visitenkarte abzugeben. Das wäre illegale Kundenanwerbung. Zudem macht es einen Unterschied, ob Sie das Geschäft von Monaco oder von Genf aus betreiben. Darum braucht es Handbücher, damit die Mitarbeiter wissen, was erlaubt ist und was nicht. Diese Manuals sind für Berater, die Geschäftsleitung und für die Kontrolleure unterschiedlich.

Das tönt nach viel Papier.
Allerdings! Wenn eine grössere Bank aus fünf Standorten Kunden in hundert Ländern betreut, kommt sie auf 1500 Manuals. Diese müssen unterhalten werden, denn das Recht ändert sich ständig.

Nun sind die Bankangestellten durch Anklagen in verschiedenen Ländern massiv verunsichert. Behindert das nicht das Geschäft?

Doch, genau. Bei kleinen Banken wird das Geschäft nicht nur behindert, sondern verhindert, weil es schlicht zu teuer wird.

Wird es in Europa noch schlimmer, wenn das neue Regelwerk zum Kundenschutz (Mifid 2) kommt?
Ja. Man spricht sogar davon, dass deutsche Kunden nur noch aus einer Filiale in Deutschland beraten werden dürfen. Vielleicht darf nicht einmal der Bankcomputer, der für deutsche Kunden Abrechnungen erstellt, in der Schweiz stehen.

Was kostet eine solche Filiale?
Muss der Computer in Deutschland stehen, braucht man mindestens 10 Mitarbeiter. Das kostet mit Büros, Löhnen, Sozialversicherung rasch ein paar Millionen jährlich. Sie müssen mehrere Hundert Millionen Franken Vermögen verwalten, damit sie sich das leisten können.

In der Schweiz versucht man, Mifid 2 mit einem eigenen Gesetz abzubilden, und hofft, damit Zugang zum Markt in der EU zu bekommen.
Dazu braucht es viel mehr. Aber eigentlich bietet das Schweizer Gesetz schon heute genügend Mittel, um den Kundenschutz gemäss Mifid zu erreichen. Ein echtes Problem für die Kunden ist aber die Durchsetzung des Rechts vor Gericht. Das gilt sogar dann, wenn ein Bundesgerichtsurteil vorliegt. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Schweizer Banken EU-Kunden ohnehin gemäss europäischem Recht beraten müssen. Tut eine Bank das nicht, kann der Kunde vom Vertrag zurücktreten. Das kann sich eine Bank niemals leisten.

Also ist das neue Gesetz unnötig?
Notwendig ist, dass Mifid in der Schweiz bei Banken mit EU-Kunden umgesetzt wird. Das heisst aber nicht, dass man auch alle die zusätzlichen Komplexitäten einbauen muss, über die man zurzeit spricht. Etwa, dass man alle Berater zertifizieren muss. Man sollte verhindern, dass die Bürokratie- und Regulierungslawine grösser wird als unbedingt nötig. Sonst werden am Schluss wie in Deutschland auch Kunden mit mehreren Hunderttausend Franken Vermögen nicht mehr beraten.

Warum soll das schlimm sein?
Beratung hat einen Wert. Zudem werden die Löhne sinken und Arbeitsplätze verschwinden; nicht nur ein paar Hundert, sondern über 10'000.

Wie reagiert die Schweiz?
Wenn Sie den Bundesrat und die Bankenaufsicht meinen, so stehen die auf der Seite der bürokratieorientierten Regierungen, die immer noch mehr Bestimmungen und Verbote wollen. Ganz im Gegensatz zu Hongkong, Liechtenstein oder Luxemburg, die sich mit Händen und Füssen gegen solche Bestimmungen wehren und versuchen, die Arbeitsplätze zu erhalten. Regierung und Aufsicht in Bern hingegen wollen immer mehr kontrollieren, verbieten und bestrafen.

Ist das eine Kritik an der Finma?
Ein Markt reguliert sich am besten über Transparenz, Marktzutritt, Wettbewerb und wenig Bürokratie. Das führt bei geeigneten rechtlichen Rahmenbedingungen zu guter Beratung und tiefen Preisen. Bern sieht das anders: Transparenz wird nicht wirklich gefördert. Der Marktzugang neuer Banken und neuer Vermögensverwalter wird durch bürokratische Massnahmen stark erschwert. Das nützt dem Finanzplatz Schweiz nichts und sicher auch nicht dem kleinen Anleger.

Wem denn?
Den Grossbanken. Die werden so bevorzugt. De facto betreibt die Finma Industriepolitik. Ich glaube nicht, dass das die Idee von Volk und Parlament ist.

Wie könnte das vermieden werden?
Es braucht für kleine Banken und Vermögensverwalter und für grosse Banken unterschiedliche Regulierungsstandards. Unser Finanzplatz ist auch darum so erfolgreich, weil er viele kleine Anbieter hat. Grosse Banken zu regulieren, macht Sinn, weil sie grossen Schaden anrichten können. Der Schaden, den eine kleine Bank im schlimmsten Fall anrichten kann, ist sowohl vom Betrag als auch vom Ruf des Finanzplatzes her unbedeutend. Es ist besser, eine kleine Bank geht wegen eigener Fehler unter als wegen zu viel Regulierung.

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