Die Geldpipeline von Dubai in die Schweiz

Die Pleite der portugiesischen Bank Espirito Santo zieht in der Schweiz weitere Kreise.

Wie tief ist die Schweizer Niederlassung verstrickt? Der Sitz der Espirito Santo in Pully VD.<br>Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Wie tief ist die Schweizer Niederlassung verstrickt? Der Sitz der Espirito Santo in Pully VD.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Die Espirito Santo Bankers Dubai ist eine lizenzierte Bank im boomenden Wüstenparadies. Sie gehört einer Luxemburger Zwischenholding, der Besitzerfamilie der portugiesischen Grossbank Espirito Santo. Die Dubai-Niederlassung stand auf gleicher Stufe wie die Banque Privée Espirito Suisse mit Sitz in Pully VD. Beide Banken waren aktiv im Private Banking und berieten vermögende Kunden beim Geldanlegen.

Nun zeigt sich, dass die Beziehungen zwischen Dubai und der Schweiz enger sind als angenommen. In einem Schreiben der Liquidatoren der Espirito Dubai heisst es, dass die von der Dubai-Bank betreuten Kundenvermögen «über einen Depotvertrag bei den beiden Schweizer Privatbanken Espirito Santo und Reyl» liegen, und zwar mehrheitlich bei der Espirito Schweiz. Während die Wertpapiere bei der Reyl problemlos auf eine Drittbank transferiert werden könnten, sei dies bei den Assets der Espirito Schweiz schwierig, da die Bank «kürzlich in Konkurs» gegangen sei.

Die Zeit der Liquidatoren

Das Sagen habe nun der eingesetzte Liquidator, betonen die zwei Spezialisten der Revisionsfirma Deloitte. Dieser habe den 1. September als Tag der Überschuldung bestimmt. Wertpapiere und andere Vermögenswerte, die vor diesem Stichtag erworben wurden, können die Kunden problemlos in eine andere Depotstelle verschieben, schreiben die Deloitte-Experten. Hingegen würden alle späteren Käufe vom Liquidator «einzeln» geprüft, ob sie an die Kunden oder in die Konkursmasse gingen. «Diese Analyse führt der Liquidator ganz allein durch, was die Dauer ungewiss macht», schreiben die Liquidatoren den Kunden.

Zum Problem könnten die verbrieften Schuldpapiere der Espirito-Besitzer­familie werden. Laut einem Insider sollen diese Wertpapiere, mit denen Schulden überwälzt wurden, im grossen Stil in den Depots der Schweizer Espirito-Kunden liegen. Bis zu 60 Prozent der Kundenvermögen lägen in solch illiquiden Papieren.

Direkt vom Konkurs betroffen sind alle Cashkonten. Weil die Espirito-Bank in Dubai vor kurzem vom dortigen Regulator geschlossen wurde, haben die Kunden keinen Zugang mehr zu ihren Guthaben. Diese zählten zum Fremdkapital und würden erst später ausbezahlt, schreiben die Liquidatoren. Man prüfe jetzt die «finanzielle Lage» der Espirito Dubai und könne «nichts zur möglichen Ausschüttungshöhe» sagen. Dubai kennt keine Staatsgarantie für Bankkonten.

Für die Kunden der Espirito Dubai entwickelt sich der Konkurs der Schweizer Espirito-Bank zum Albtraum. Sie sitzen auf dem Trockenen und müssen die Liquidation abwarten. Dass sie in diese unangenehme Lage gerieten, hat mit einem Konstrukt zu tun, bei dem nicht klar ist, ob es jemals transparent gemacht wurde.

Die Espirito Dubai agierte wie ein externer Vermögensverwalter, der Kunden akquirierte und Gelder verwaltete, diese aber nicht verbuchte. Dafür waren die Schweizer Espirito-Bank und in kleinem Umfang die Bank Reyl zuständig. Laut einer Quelle in Dubai erfolgte der buchhalterische Abgleich über Sammelkonten. Sollte den Kunden nie klarer Wein über die tatsächliche Struktur eingeschenkt worden sein, könnte dies Kläger auf den Plan rufen. Die Dubai-Kunden sind bis auf weiteres auf Gedeih und Verderben dem Schweizer Konkursverfahren und dem dortigen Liquidationserlös ausgeliefert.

Welche Rolle spielt die Finma?

Hier kommt nun die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) ins Spiel. Am 22. Juli hatte die Finma in enger Absprache mit den Espirito-Verantwortlichen einen Teilnotverkauf der Schweizer Tochter veranlasst. Kurz zuvor war ihr Verwaltungsrat Jean-Baptiste Zufferey ausgeschieden. Zufferey hatte lange dem Verwaltungsrat der Espirito Schweiz angehört.

Verkauft wurden alle versteuerten und nicht in Espirito-Konstrukten blockierten Kundenassets an eine Kleinbank namens Compagnie Bancaire Hélvetique. Der Zeitpunkt war heikel. Nur eine Woche später musste Portugal die Mutterbank Espirito Santo, die zu den drei grössten Finanzhäusern des Landes zählte, stützen und brauchte dafür fast 5 Milliarden Euro Steuergelder.

Ab da überschlugen sich die Ereignisse. Am 3. September eröffnete die Finma eine Untersuchung gegen die ­Espirito Santo Schweiz, zwei Wochen später verhängte sie den Konkurs über die Bank. Der Schritt zwang die Dubai-Behörden, die eigene Bank zu schliessen und die Guthaben einzufrieren.

Der Ablauf wirft die Frage auf, ob Gläubiger geschädigt wurden. Weil die guten Vermögensteile notverkauft wurden, besteht die Konkursmasse nun vor allem aus illiquiden oder unversteuerten Geldern. Finma-Sprecher Tobias Lux sieht im Eingreifen der Finma kein Problem. Ende Juli habe «keine Insolvenz» bestanden, der Verkauf habe zu «fairen Marktpreisen» stattgefunden. Dem widerspricht eine Quelle in Dubai. Dort gehe das Gerücht um, dass ein symbolischer Franken bezahlt worden sei. Würde das zutreffen, dann hätten die Kunden, die in der Konkursmasse zurückbleiben, den Schaden.

Tages-Anzeiger

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