«Der Mensch braucht einen gewissen Freiraum»

Heinrich Villiger über echte Männer, die Verteufelung der Raucher und die wirtschaftsfeindliche EU.

Fru?her rauchte er täglich über zehn Puros, jetzt sind es höchstens noch zwei. Heinrich Villiger (82).

Fru?her rauchte er täglich über zehn Puros, jetzt sind es höchstens noch zwei. Heinrich Villiger (82).

(Bild: Kostas Maros)

Mischa Hauswirth

Zu viele Regeln, zu viel Staat, zu wenig Freiheit und vor allem eine ideologisch motivierte Attacke gegen Hersteller von Tabakwaren. Heinrich Villiger, Chef des gleichnamigen Schweizer Traditionsunternehmens, raucht nicht nur gerne, er findet auch klare Worte, wenn es um die Behörden geht. Die BaZ traf den Patron in seinem grossen Büro im deutschen Firmensitz und rauchte mit ihm eine Short Robusto 1888.

Herr Villiger, Sie haben mal gesagt, dass Sie auf Männer bezogen eine «kolossale Abscheu vor Softies und Schwächlingen» hätten. Ist Zigarrenrauchen die letzte Bastion echter Kerle?Das könnte man durchaus so formulieren. Die Zigarre ist ein Symbol von Männlichkeit, je länger die Zigarre, desto imposanter die Erscheinung des Mannes. Wenn Sie berühmte Männer anschauen, die Zigarren geraucht haben, Winston Churchill oder in der neuen Zeit Nicolas Hayek, so waren das in der Regel starke Persönlichkeiten.

Der Jagd geht es gleich wie dem Rauchen – immer weniger Toleranz, immer mehr Auflagen und Einschränkungen. Auch hier verbietet der Staat unter dem Titel Schutz und Gesundheit immer mehr Dinge. Sie sind doch auch Jäger.Die Liste liesse sich noch durchs Autofahren verlängern (schmunzelt). Die Reglementierung ist eine Zeiterscheinung, die es zu akzeptieren gilt. Je enger dieser Spielraum aber wird, desto mehr wächst die Verlockung, sich nicht mehr daran zu halten. Der Mensch braucht einen gewissen Freiraum, unbedingt.

Sie haben mal von einem «Feldzug gegen die Tabakproduzenten» gesprochen. Kommt bald das Verbot von Zigarre und Zigarette?Die Einschränkungen für die Tabakfirmen nehmen weltweit zu. In erster Linie geht es um Nichtraucherschutz, um das Anrecht auf rauchfreie Räume und Gebäude, das bestreiten wir ja auch nicht. Die Frage ist vielmehr, wie weit diese Reglementierung gehen soll. Die WHO hat eine Konvention zu einer weitgehenden «Kontrolle» der Tabakwirtschaft durchgebracht, so weit, so gut, doch nun dreht die Diskussion Richtung komplette Rauchverbote. In der Gastronomie könnte es bald keine Raucherzonen mehr geben. Das bekämpfen wir.

Was missfällt Ihnen am Ansatz, Menschen auf die Risiken des Rauchens aufmerksam zu machen, zum Beispiel durch Schockbilder?Die Frage ist nur, ob jemand, der jeden Tag diese Schockbilder sieht, diese nicht einfach ausblendet und diese Warnstrategie somit wirkungslos bleibt. Wenn ich morgens auf den Zug gehe und Jugendliche schon in aller Frühe rauchen sehe, dann gibt das auch mir zu denken. Aber die Frage ist vielmehr: Muss der Staat hier für die Prävention sorgen? Ich bin der Meinung, dass beim Rauchen die Kontrolle durch die Familie wichtiger ist als der Staat.

Dann geht Ihnen der Gesundheitsschutz, wie ihn die EU will, zu weit?Der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, Tonio Borg, sagte, er habe nichts gegen den Tabak, wolle aber den Tabakgenuss so unattraktiv wie möglich machen. Aus diesem Grund sollen auch Aromatisierungstoffe verboten werden.

Was wäre daran so schlimm?Man muss wissen, dass Tabakfabrikate auch durch sogenannte Aroma-stoffe verfeinert werden. Borgs Ansatz ist so, wie wenn man sagt, weil Zucker schädlich ist, lassen wir nur noch Wasser zu, Limonaden oder aromatisierte Mineralwasser dürfen nicht mehr hergestellt werden.

Übertreiben Sie nicht ein wenig?Überhaupt nicht. Es geht der WHO um die Vernichtung der Tabakindustrie. Was passiert, wenn diese Zusatzstoffe verboten werden, können Sie gut am Beispiel von Schnupftabak sehen. Dieser wird mit Menthol aromatisiert, und die EU will Menthol verbieten. Nun gingen wir auf die Barrikaden und sagten, wenn Menthol verboten wird, ist die Industrie erledigt. In Deutschland sind das rund 120 Arbeitsplätze, hinzu kommt, dass mutwillig Traditionen kaputt gemacht werden. In Bayern oder auch in der Schweiz gibt es eine kleine Schnupftabakkultur. Sie ist gesundheitspolitisch völlig irrelevant.

Wie Sie so gegen die EU schimpfen, erübrigt sich die Frage, wie Sie zur EU-Beitrittsfrage stehen.Ich bin ein EU-Gegner, das hängt vor allem damit zusammen, dass ich kein Freund von komplizierter Administration bin. Die Schweiz hat eine relativ einfache Bürokratie, bereits in Deutschland ist sie schon einiges schwieriger. Und nun soll obendrauf noch die EU-Gesetzgebung kommen. Ein mittelständisches Unternehmen kommt dann nicht mehr ohne eine aufwendige Rechts- und Steuerberatung durch diesen gigantischen Paragrafen-Dschungel.

Und was passiert, wenn die EU die Schweiz als Handelspartner unter Druck setzt?Natürlich ist die EU ein wichtiger Handelspartner, aber der Rest der Welt ist auch noch da, Asien oder Amerika zum Beispiel. Mit den Bilateralen sind wir auf dem richtigen Weg, und die Behauptung, dass die Bilateralen am Ende seien, ist eben eine Behauptung und nicht mehr. Wir müssen bei dem Club nicht zwingend dabei sein, um zu überleben.

Ihr Unternehmen feiert heuer seinen 125-jährigen Geburtstag. Die WHO hat sich zum Ziel gesetzt, bis Mitte dieses Jahrhunderts eine rauchfreie Gesellschaft zu erziehen, und bezeichnet Tabakfirmen als «Händler des Todes». Düstere Aussichten für die Zukunft.In unserer Unternehmensgeschichte sah sich Villiger mehrfach mit Wirtschaftskrisen konfrontiert, doch es ging uns immer akzeptabel, wir haben ja vor allem auf preiswerte Produkte gesetzt. Arbeitslose rauchen mehr als jene, die Arbeit haben. Dass es schädlich ist, wusste man immer schon, das ist nicht neu. Jetzt aber haben wir eine andere Situation, jetzt geht es um die Existenz unserer Firma, weil die Behörden die Rahmenbedingungen verändern wollen.

Villiger ist eines der wenigen Schweizer Traditionsunternehmen, die noch in Familienhand sind. Wie sieht es bei Ihnen mit Boni für Manager aus?Als ich zwanzig war, hat mein Vater gesagt, du musst jetzt arbeiten. Boni gab es damals nicht, man erhielt einfach einen Lohn. Heute ist es so, dass auch wir unseren Kaderleuten Erfolgsprovisionen bezahlen, je nachdem, wie die Ziele erreicht wurden. Die Entwicklung, dass das Management selber die Höhe der Boni bestimmen kann, erachte ich als bedenklich. Was für den einfachen Arbeiter gilt, sollte auch für den Manager gelten: Man bezahlt die Arbeit, die jemand leistet. Allenfalls kann man nach einem erfolgreichen Jahr noch sagen, wir bezahlen eine Weihnachtsgratifikation.

Die Manager würden Ihnen entgegnen, sie wollten nicht von sich aus so viel verdienen, es gehöre zum System.Es hat sich in der Industrie so eingebürgert, und sie kommen fast nicht mehr daran vorbei, das stimmt schon. Mich stört vor allem, dass es ein unsoziales System ist. Wenn ein Arbeiter sein ganzes Leben lang nur einen Bruchteil dessen verdient, was ein Manager jährlich an Boni einstreicht, so ist das nicht gesund. Wir Arbeitgeber verhandeln mit den Gewerkschaften stundenlang und hart über ein oder zwei Prozent Lohnerhöhung, und auf der anderen Seite wird das Geld mit vollen Händen ausgegeben.

Nick Hayek von Swatch sagt, es sei an der Zeit, dass die Schweiz wieder eine Industriepolitik bekomme, die den Namen verdient. Einverstanden?Anhand des Landkreises Waldshut, der so etwas wie ein Kanton ist, lässt sich das Problem exemplarisch aufzeigen, mit dem auch die Schweiz kämpft. Metallbetriebe und eine bedeutende Papierfabrik haben geschlossen, es gibt weniger Arbeit für die Menschen in der Gegend. Eine SPD-Bundestagsabgeordnete sagte mir kürzlich, wenn wir für unsere Arbeitnehmer die Schweiz nicht hätten, wäre die Situation hier dramatisch. In Indonesien, wo wir einen Teil unserer Produktion herstellen, lässt sich beobachten, was mit Dörfern und Landstrichen passiert, in denen es keine Arbeit gibt. Das Resultat ist meistens eine Misere. So gesehen, hat Hayek recht. Ein Land ist nur stark, wenn es eine starke Wirtschaft hat.

Was sagen Sie zur Wirtschaftspolitik?Die ständig wachsenden Auflagen und der Beamtenapparat sind einfach unglaublich. Wenn Sie nur das neue 68 Seiten dicke Vorschriftenwerk der EU zur Strangulierung des Rauchens nehmen – da haben Heerscharen von Beamten Jahre daran gearbeitet, um ein kafkaeskes Werk zu produzieren. Und die Bürger müssen solche Behördenungetüme bezahlen. Überhaupt bezahlt am Ende immer der Kunde die Zeche: Wenn viele Auflagen ein Produkt verteuern, muss der Konsument in die Tasche greifen.

Da wären wir wieder bei der Überregulierung.Sie finden auf der Welt verschiedene Beispiele von Staaten, die durch Überregulierung – meist sozialistisch motiviert – in die Armut abgerutscht sind. Wenn die Menschen keine Arbeit haben, geht ein Land kaputt.

Sie sprechen von Kuba?Zum Beispiel. Als Tabakhändler kenne ich das Land recht gut. Nach dem Tod des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez haben die Kubaner jetzt Angst vor der Zukunft, denn Kuba erhielt von Venezuela Öl zu günstigen Konditionen, das es teurer auf dem Weltmarkt verkaufen konnte. Wenn das Land diese Unterstützung nicht mehr erhält, kann das katastrophale Auswirkungen für die zwölf Millionen Einwohner haben.

In jungen Jahren überlegten Sie sich, Journalist zu werden. Denken Sie manchmal darüber nach, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn Sie statt Zigarren Artikel produziert hätten?Mein Vater liess mir keine Wahl, er sagte, ich müsse in der Firma anfangen, ich sei der Älteste und er brauche einen Nachfolger. Vor sechzig Jahren hat man solche Entscheidungen nicht diskutiert. Damals schrieb ich gerne Aufsätze, und auch heute sitze ich am Sonntag manchmal hier und schreibe etwas auf der IBM-Schreibmaschine für den Verwaltungsrat, über ein Projekt oder für die Lobbyarbeit. Ob ich es als Journalist zu etwas zu gebracht hätte, weiss ich nicht.

Ein Blick in Ihr Büro zeigt – Sie besitzen keinen Computer?Kürzlich war ein Kubaner bei mir und konnte nicht verstehen, dass ich nicht ins Internet gehe. Aber mir sagen diese technischen Errungenschaften nicht viel. Stattdessen lese ich täglich mehrere Zeitungen. Ich bin sehr zufrieden mit der Qualität der Schweizer Presse.

Danke für die Blumen. Noch ein Wort zum Motorradfahren, einem weiteren Hobby von Ihnen. Stimmt es, dass Sie spät damit begonnen haben?Mein Vater hätte nicht erlaubt, dass ich Töff fahre, deshalb habe ich erst mit über vierzig Jahren damit be­gonnen. Ich musste dreimal an die ­Prüfung, bis es klappte. Einmal fiel ich durch, weil ich vergessen hatte, den Benzinhahn zu öffnen, und auf der Kreuzung stehen blieb (lacht).

Sie selber sind einer der letzten Firmenpatrons, aber Sie mögen nicht, wenn Sie sogenannt werden. Warum eigentlich?Noch mehr als Patron stört mich Grandseigneur der Tabakbranche oder Zigarrenpapst. Wie ich, ist auch der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. der Älteste seiner Gilde, da kann er nichts dafür. Ich übrigens auch nicht.

Wie lange machen Sie noch weiter?Ich sehe mich nicht als Sesselkleber, aber solange ich Spass daran habe, setze ich mich für die Firma ein. Solange ich noch Auto-, Motorradfahren oder Biken und Schiessen kann, so lange mache ich weiter.

Basler Zeitung

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