Das hässliche Gesicht der Rezession

In den USA schreiben die Unternehmen wieder Rekordgewinne. Den Arbeitnehmern aber werden die Löhne gekürzt. Das mag moralisch verwerflich sein. Aber es ist vor allem ökonomischer Unsinn.

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(Bild: Cagle.com Pavel Constantin)

Philipp Löpfe

Die amerikanische Rezession hat offiziell im Dezember 2007 begonnen und bis ins vierte Quartal 2009 gedauert. Jetzt werden langsam die Details bekannt, wer wie viel unter dem Abschwung gelitten hat. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Das gesamte Bruttoinlandprodukt ist um 2,5 Prozent zurückgegangen, die Löhne hingegen sind um 6 Prozent gesunken. Andrew Sum, Ökonom an der Northeastern University in Boston, zeigt auf, was dies konkret bedeutet: «Seit dem vierten Quartal 2008 sind die Unternehmensgewinne insgesamt um 572 Milliarden Dollar gestiegen», sagt er. «In der gleichen Periode sind die Löhne um 122 Milliarden gesunken.»

Nicht nur an Wallstreet, auch in der realen Wirtschaft wird tüchtig auf dem Buckel der Arbeitnehmer verdient. Was auf der einen Seite stolz als gesteigerte Produktivität der US-Wirtschaft verkauft wird, kann man auch als obszöne Ausnützung der Notlage der Arbeitnehmer bezeichnen. Bei einer Arbeitslosenquote um die 10 Prozent sind viele zu Lohnkonzessionen bereit. Davon machen Unternehmer und die öffentliche Hand gleichermassen Gebrauch: Die Professoren an der University of Hawaii haben etwa einer Lohnkürzung von 6,7 Prozent zugestimmt. Albuquerque, die grösste Stadt im Bundesstaat New Mexico, hat die Löhne seiner 6000 Angestellten um 1,8 Prozent gekürzt, und der Gouverneur des Staates New York will sie gar um 4 Prozent reduzieren.

Halb so hohe Löhne

Die «New York Times» hat die Situation in der Privatwirtschaft analysiert. Sie sieht es wie folgt: Die Hotelkette Westin hat die Löhne ihrer Angestellten um 20 Prozent gekürzt. Bei General Motors verdienen neuangestellte Arbeiter 14 Dollar pro Stunde, die Hälfte dessen, was die angestammte Belegschaft bekommt. Der Kühlschrankhersteller Sub-Zero hat die Angestellten eines Werks in Wisconsin vor die Wahl gestellt: entweder 20 Prozent Lohneinbusse, oder Betrieb zu. In Seattle werden die Löhne der Musiker des Symphonie-Orchesters um 5 Prozent gekürzt, die Lastwagenfahrer des Transportunternehmens ABF erhalten gar 15 Prozent weniger. Die Liste liesse sich beliebig verlängern. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Arbeitsmarktspezialist Sum.

Die Lohndrückerei erregt einerseits Zorn. «Viele dieser Arbeitnehmer sind aus keinem anderen Grund entlassen worden als aus blanker Gier der Manager», schreibt etwa Bob Herbert in der «New York Times». Doch die Lohndrückerei ist nicht nur moralisch verwerflich, sie ist vor allem ökonomisch unsinnig. Die USA sind im Begriff, den Fehler zu wiederholen, den die Deutschen gemacht haben.

Deutschland hats kapiert

In den Neunzigerjahren wurde in Deutschland nach dem Schock der Wiedervereinigung der Gürtel gnadenlos enger geschnallt. Das Resultat waren eine jahrzehntelange Stagnation der Wirtschaft, eine einbrechende Binnennachfrage, Rekordarbeitslosigkeit und Hartz IV.

In der Rezession hat Deutschland seine Wirtschaftspolitik klammheimlich modifiziert. Qualifizierte Arbeitnehmer wurden nicht auf die Strasse gestellt, sondern mit Kurzarbeit über die Rezession gerettet. Das zahlt sich jetzt aus: Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit sinkt, und Deutschland scheint wieder zur Konjunkturlokomotive Europas zu werden. In den USA hingegen wird ein erneuter Rückfall in eine Rezession immer wahrscheinlicher.

baz.ch/Newsnet

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