«Das Finanzsystem ist noch nicht wirklich gesund und stabil»

Mark Branson, Leiter des Geschäftsbereichs Banken bei der Finma, äussert sich über die Regulierungsvorschläge zu «Too big to fail». Im Interview verteidigt er strengere Eigenkapitalvorschriften für die Grossbanken.

«Lieber, die Schweiz beeinflusst die internationale Diskussion, als umgekehrt»: Mark Branson, Mitglied der Finma-Geschäftsleitung und «oberster Bankenaufseher» der Schweiz.

«Lieber, die Schweiz beeinflusst die internationale Diskussion, als umgekehrt»: Mark Branson, Mitglied der Finma-Geschäftsleitung und «oberster Bankenaufseher» der Schweiz.

(Bild: Iris C. Ritter)

Die Vernehmlassung zur Too-big-to-fail-Vorlage hat Staub aufgewirbelt. Die Grossbanken, welche die Vorschläge der Expertenkommission zur Lösung des Problems systemrelevanter Institute mitgestaltet haben, übten Kritik. Sie befürchten Wettbewerbsnachteile wegen der Eigenkapitalvorgaben, die höher sind als im Ausland.

Mark Branson, «oberster Bankenaufseher» der Schweiz, glaubt nicht, dass der hiesige Finanzplatz an Wettbewerbsfähigkeit verliert. «Die Idee eines perfekten ‹Level Playing Field› ist illusorisch», betont er. Im zweiten Teil des Interviews bringt er zum Ausdruck, dass er die Zahlung von 50 Millionen Euro durch Julius Bär an Deutschland im Zusammenhang mit unversteuertem Vermögen begrüsst – damit würden die Rechtsrisiken einer Bank reduziert.

Herr Branson, der Bundesrat geht mit seinen Regulierungsvorschlägen über den Konsens der Expertenkommission «Too big to fail» hinaus. Weshalb?
Die Empfehlungen der Expertenkommission wurden meiner Meinung nach durch den Entwurf weder verschärft noch abgeschwächt, sondern präzisiert. Die Frage ist, ob man die Präzisierungen auf Gesetzesstufe oder erst später vornehmen will.

Die Banken wünschen sich eine Wiedererwägungsklausel, um zu ermöglichen, die Regulierung in ein paar Jahren zu überprüfen. Ist das nicht sinnvoll?
Regulierung passiert nicht im luftleeren Raum. Alle regulatorischen Rahmenbedingungen werden periodisch neuen Erkenntnissen angepasst.

Also spricht nichts dagegen?
Wir müssen berücksichtigen, dass wir in der Schweiz aufgrund der Wichtigkeit des Finanzplatzes und der Dominanz der beiden Grossbanken eine besondere Ausgangslage haben. Es gilt, die Risiken, die von diesen beiden Instituten für die gesamte Volkswirtschaft ausgehen können, wirksam zu begrenzen. Und: Mir ist lieber, die Schweiz beeinflusst die internationale Diskussion als nur umgekehrt.

Es geht doch um internationale Wettbewerbsfähigkeit!
Die Idee eines perfekten «Level Playing Field» ist illusorisch. Ein Standortentscheid wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst, etwa von steuerlichen und regulatorischen Bedingungen und von der Verfügbarkeit von Know-how. Es gibt Finanzplätze mit Bankensteuern, andere mit detaillierten Bonusregeln und so weiter.

Die Regulierungsvorschläge in Grossbritannien gehen weniger weit als in der Schweiz, obwohl die Finanzplätze vergleichbar sind. Beispielsweise soll das Investmentbanking keine schärferen Kapitalvorschriften erfüllen müssen als auf anderen Finanzplätzen.
Der internationale Konsens für systemrelevante Banken bewegt sich eindeutig in Richtung höhere Kapitalvorschriften. Die britischen Kapitalvorschläge sind kompatibel mit den schweizerischen und postulieren ein Minimum von 10% Common Equity. Die Zuschläge an bedingtem Kapital sind noch nicht ausformuliert.

Der Vickers-Report in Grossbritannien schlägt für das Retail Banking eine Art Brandmauer, Ring Fencing, vor. Das Kleinkundengeschäft soll in einer separaten Tochtergesellschaft mit mindestens 10% Kernkapital organisiert werden. Warum nicht in der Schweiz?
Unser Ansatz zu diesen Fragen der Organisation ist konzeptuell ähnlich wie in Grossbritannien, geht aber weniger weit. Wir möchten nicht das ganze Retailgeschäft, sondern nur ganz konkrete, für das Funktionieren des Schweizer Finanzsystems absolut notwendige Aktivitäten schützen, zum Beispiel den Zugang von Millionen von Kunden zu ihren Konten. Für diese Aktivitäten müssen die Banken einen plausiblen Plan vorlegen, wie die relevanten Geschäfte im Fall einer Krise weiterbetrieben werden können. Wir legen den Ansatz also auf Subsidiarität und schreiben nicht alles vor.

Die Grossbanken befürchten aber just, dass die kommende Gesetzesvorlage des Bundes das Prinzip der Subsidiarität untergräbt, indem die Finma bereits im frühen Stadium einer Krise in das Geschäft der Bank eingreifen kann.
Die Subsidiarität war eine wichtige Komponente des Berichts der Expertenkommission zu Too big to fail, die erhalten bleiben soll. In der Planung für das Weiterbestehen wichtiger Funktionen braucht es aber mehr als das Produzieren von Papier. Es braucht konkrete Vorbereitungsmassnahmen der Grossbanken, sodass wir gar nicht gezwungen sind einzugreifen.

Wann würde die Finma im Krisenfall eingreifen? Wenn das Kernkapital unter 10% fällt, oder bereits vorher?
Es wäre falsch, im Voraus einen spezifischen Wert festzulegen. Für alle Banken bestehen Zielgrössen für das Eigenkapital. Ein Unterschreiten würde in jedem Fall Fragen auslösen, warum es so weit gekommen ist und wie das Kapital wieder aufgebaut werden soll. Es kann durchaus sein, dass die Grenze bewusst und nur vorübergehend, zum Beispiel im Fall einer grossen Transaktion, unterschritten wird. Je mehr eine Schwelle unterschritten wird, desto intensiver werden die Diskussionen über Gegenmassnahmen wie Kapitalerhöhung, Dividendenverzicht, Reduktion der Risiken und so weiter.

Die beiden Grossbanken verfolgen einen unterschiedlichen Ansatz, um die geforderten Eigenmittelquoten zu erreichen. Die CS will teilweise bedingte Wandelanleihen, sogenannte Coco, emittieren. Die UBS setzt bislang auf «echtes» Eigenkapital, durch Dividendenverzicht. Welcher Variante geben Sie den Vorzug?
Es gibt verschiedene Wege zu höherem Eigenkapital. Viele Banken in Europa erhöhen derzeit das Grundkapital, im Unterschied zu UBS und CS, die ihren Aktionären keine weitere Verwässerung zumuten wollen. Wir diktieren das Ziel für die Eigenmittelquote und bis zu einem gewissen Grad die Geschwindigkeit der Umsetzung, aber nicht die Art und Weise der Massnahmen. Die Puffertranche von Wandelinstrumenten mit sogenanntem 7%-Trigger, die den Banken erlaubt, in bisheriger Form weiterzubestehen, ist günstiger zu finanzieren als gewöhnliches Eigenkapital. Wenn eine Bank aber entscheidet, diese Tranche mit echtem Eigenkapital zu füllen: umso besser.

Und die Instrumente, deren Wandlung mit Unterschreiten der 5%-Eigenkapital-Marke ausgelöst würde?
Diese Eigenmittel würden dazu dienen, die geordnete Abwicklung der Bank zu finanzieren. Auf diesem Niveau ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Bank in der bisherigen Form weiterbestünde. Daher ist es wichtig, dass es für diesen Teil der Eigenmittel bedingte Elemente gibt, sei es in Form von Eigenkapital oder mit der Variante eines Abschreibers. Ich bin überzeugt, dass der Markt innovative Wege finden wird, um die entsprechenden Instrumente zu schaffen.

Sind Coco ein Disziplinierungsinstrument für das Management,oder verstärken sie eine Abwärtsspiralein einer Krise?
Jedes Element der Kapitalstruktur besitzt gewisse Eigenschaften, die das Marktverhalten beeinflussen. Coco sind eine Art öffentliche Bereitschaftserklärung einer Bank, nicht unter ein gewisses Kapitalniveau zu gehen. Auf der anderen Seite ist es ein langer Weg von den Zielvorgaben des Kapitalniveaus bis zum Triggerpunkt. Während dieser Zeit kämen, unabhängig von dieser Schwelle, viele schlechte Nachrichten über die Geschäftsentwicklung der Bank in den Markt, die den Aktienpreis unter Druck setzten.

Coco könnten auch als Instrumentfür Bonuszahlungen eingesetzt werden. Würden Sie das befürworten?
Wir betrachten Coco als sehr geeignetes Instrument, um die Interessen des Managements mit der Stabilität des Unternehmens in Übereinstimmung zu bringen. Die Anreize für das Management werden ähnlich gesetzt wie in einem Bonusprogramm mit Rückbehaltelementen.

Die Grossbanken sind im internationalen Vergleich weit fortgeschritten in den Bemühungen, Kapital aufzustocken. Hat Sie das überrascht?
Regulatoren und Märkte erwarten besser kapitalisierte Banken. Das gilt vor allem für diejenigen, die auch in der Verwaltung von Kundenvermögen positioniert sind. Dass die Schweizer Grossbanken bereits jetzt dazu in der Lage sind, ist ein Zeichen der Stärke. Aus unserer Sicht gilt: je früher, desto besser. Es bestehen immer noch grosse Risiken im Finanzmarkt, und die Banken hatten während der Finanzkrise nicht nur zu wenig Kapital, auch die Qualität der Eigenmittel war ungenügend.

Ihrer Meinung nach gehen die Vorschriften für systemrelevante Banken international in eine ähnliche Richtung. Wie hoch wird der Swiss Finish am Schluss sein?
Es ist schwierig, diese Frage mit einer simplen Zahl zu beantworten. Die Qualität des Eigenkapitals spielt ebenfalls eine Rolle. Der Zuschlag in der Schweiz auf dem echten Kernkapital, dem teuersten Teil der Kapitalpyramide, wird nicht gross sein. Maximal sind es 3%, doch am Schluss wird es beträchtlich weniger sein. Beim bedingten Wandelkapital, das günstiger ist als reines Eigenkapital, wird die Differenz zum Ausland grösser sein. Andere Länder wie Grossbritannien und Schweden, wo der Anteil des Bankensektors am Bruttoinlandprodukt oder die Konzentration auf wenige Institute ähnlich hoch sind, werden auch strengere Regimes durchsetzen.

CS und UBS monieren, sie würden härter angefasst werden als Grossbanken in andern Ländern. Liesse sich aber nicht auch behaupten, in der Schweiz gehe die Regulierung weniger weiter als anderswo?
Man muss jeweils das ganze Paket betrachten. Die Schweizer Expertenkommission beschränkte sich auf vier Massnahmenfelder: Risikokonzentration, Eigenkapital, Liquidität und Organisation. Vieles wurde also ausgeschlossen. Es gibt keine Volcker-Regel wie in den USA, die den Eigenhandel verbietet, keine Bankensteuer, keinen vorfinanzierten Rettungsfonds und keine grosse Ausweitung des Einlagenschutzes. Die Ansicht, dass die Schweiz mit den neuen Vorschriften für Grossbanken ein weniger wettbewerbsfähiger Finanzplatz werde, teile ich nicht.

Werfen wir noch einen Blick auf die internationale Bankenwelt. Wie präsentiert sich die Branche zwei Jahre nach der Finanzkrise? Wo stehen wir?
In der Finma sprechen wir über die Finanzkrise noch nicht in der Vergangenheitsform. Die Folgen des Entschuldungsprozesses, des sogenannten Deleveraging, wurden durch Staatsinterventionen rund um die Welt abgedämpft. Die Lage im Bankensektor ist nicht mehr derart dramatisch wie vor zwei, drei Jahren, aber die Gefahr neuer Verwerfungen im Finanzmarkt ist hoch. Es gibt immer noch einige Banken, die nicht auf eigenen Füssen stehen können. Das Finanzsystem ist noch nicht wirklich gesund und stabil. Manche Staaten, die den Schmerz des Schocks mit Interventionen gelindert haben, sind Teil des Problems geworden. Daher glauben wir auch, dass die Banken gut daran tun, Kapital eher früher als später aufzubauen.

Die Schweizer Grossbanken legen Wert auf die Feststellung, sie seien in den Problemländern Europas nicht stark engagiert, also sei das Risikoexposure gering.
Was die unmittelbaren Effekte betrifft, stimmt diese Aussage. Doch gegen Folgeeffekte ist keine global positionierte Bank immun, sei es, dass andere Banken wegen ihres Exposure in den Peripherieländern Europas in grosse Schwierigkeiten geraten oder dass als Drittrundeffekt eine Währung instabil wird. Die Schweizer Grossbanken sind sich der Zweit- und der Drittrundeneffekte sehr wohl bewusst. In einer solchen Grosswetterlage sind Banken gut beraten, dass sie Risiken so breit wie möglich streuen und die Bilanz so liquid halten wie möglich, um längere Stressphasen zu überstehen. In der Finanzkrise ging die grösste Gefahr von Bilanzen aus, die illiquid wurden. Dieses Schlüsselrisiko gilt es zu vermeiden.

Spielt die Finma in Stressszenarien mit den Banken solche Dominoeffekte durch?
Ja. Unsere Stressszenarien sind streng, aber realitätsbezogen. Kassandra zu spielen und stets vom schlimmstmöglichen Szenario auszugehen, würde das Risikobewusstsein einer Bank reduzieren und nicht erhöhen. Unsere Erfahrung mit den Stresstests ist, dass die auf dieser Basis mit den Banken geführten Diskussionen über Risiken wichtiger sind als die konkreten Zahlen.

UBS und CS behaupten, sie betrieben das Investmentbanking nun ganz anders als früher. Wie ist Ihre Wahrnehmung?
Der reine Eigenhandel ohne Kundenbeziehung wurde zweifellos reduziert. Tatsache ist, dass sich kein Wertschriftenbestand bewirtschaften lässt, ohne beträchtliche Risiken einzugehen. Die Banken werden wohl weitere Aktivitäten mit hohem Risiko und entsprechend hoher Eigenmittelunterlegung reduzieren, sobald Basel 2.5 und Basel III international wirksam werden. Die Banken haben ihre Strategien überprüft, aber erst wenige Entscheide gefällt.

Regulierung hat oft ungeahnte Folgen. Risikoreiche Handelsaktivitäten sind in den unregulierten Finanzsektor, zum Beispiel zu Hedge Funds, abgewandert. Ist das aus Sicht der Systemstabilität erwünscht?
Die Konzentration im unregulierten und im wenig regulierten Sektor ist viel geringer. Wenn solche Risiken in einer Vielzahl kleinerer Pools von investiertem Kapital gestreut sind, die nicht mit der Bilanz eines Kommerzgeschäfts zusammenhängen wie bei einer Grossbank, und wenn die Verbindung zum Bankensektor transparent ist, dann bedeutet das eine Verbesserung der Systemstabilität. Viele der unregulierten Vehikel wären im Krisenfall zudem viel einfacher abzuwickeln als eine grosse Universalbank. Die Verlagerung dürfte über alles gesehen positiv sein.

International sind die grossen Banken im Verlauf der Finanzkrise durch Zusammenschlüsse und Übernahmen noch grösser geworden. Hat das nicht die Risikokonzentration erhöht?
Wichtiger als Grösse scheint mir die Frage, inwieweit Strategien und auch Bilanzrisiken zwischen den Banken korreliert sind. Zahlreiche Hypotheken- und Kreditkrisen der Vergangenheit zeigen, dass eine enorme Anzahl kleiner Institute, die untereinander korreliert sind, genauso gefährlich sein kann. Sicher ist, dass eine zu hohe Konzentration in einer Branche unerwünschte Folgen für den Wettbewerb hat, nicht nur aus Sicht der Kunden, sondern auch in der Refinanzierung, wo Banken, die als too big to fail betrachtet werden, Vorteile geniessen.

Finanz und Wirtschaft

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