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5250 Frauen gegen den König der Brustimplantate

In Marseille hat ein Mammutprozess um mangelhafte Brustimplantate begonnen. Die mit billigem Silikongel gefüllten Kissen wurden auf der ganzen Welt verkauft. Auch Schweizerinnen klagen.

Hat gegenüber der Polizei gestanden: Firmengründer Jean-Claude Mas während einer Rauchpause beim Prozess in Marseille.
Hat gegenüber der Polizei gestanden: Firmengründer Jean-Claude Mas während einer Rauchpause beim Prozess in Marseille.
AFP

Im Skandal um den weltweiten Verkauf von Brustimplantaten aus billigem Industrie-Silikon hat der erste Strafprozess gegen die Verantwortlichen begonnen. 5250 Frauen – auch aus der Schweiz – klagen in Marseille gegen den Gründer des insolventen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP), Jean-Claude Mas.

Der heute 73-Jährige hatte im Polizeiverhör bereits gestanden, seine Silikon-Einlagen mit einem billigen Industrie-Gel gefüllt und die Kontrolleure getäuscht zu haben. Weltweit hatte der frühere Weinverkäufer hunderttausende Implantate abgesetzt. In der Schweiz sollen es 300 oder auch mehr gewesen sein.

Gel für Matratzen und Computer

Mas gab zu, seit 1995 drei Viertel seiner Brust-Prothesen illegal mit einem Billig-Gel gefüllt zu haben, das er mit einem eigentlich für Industrieprodukte bestimmten Silikon des deutschen Chemiegrosshändlers Brenntag zusammenmixte. Dabei soll es sich um ein Gel gehandelt haben, wie es auch für Matratzen und Computer verwendet wird.

Das Billig-Gel kostete Mas zehnmal weniger als das eigentlich vorgesehene Nusil-Gel – die Firma sparte dadurch laut Staatsanwaltschaft jährlich mehr als eine Million Euro. Auch das gestand Firmengründer Mas ohne zu zögern: «Ich habe das absichtlich getan, weil das PIP-Gel billiger war.» Die Klägerinnen aber, meint er, wollten doch nur Geld aus dem Prozess schlagen.

Zu Prozessbeginn ging es um Verfahrensfragen. Verteidiger der Angeklagten versuchten zunächst erfolglos, eine Annullierung zu erwirken

Angeblich keine Gesundheitsgefährdung

Mas, der zeitweise zum weltweit drittgrössten Produzenten von Silikon-Einlagen aufstieg und dessen Unternehmen seit 2010 aufgelöst ist, weist aber den Vorwurf der Gesundheitsgefährdung zurück. «Alle Silikon-Gele weisen eine reizauslösende Wirkung auf», liess Mas die Frauen wissen, die auch andere Silikon-Implantate tragen.

Rund zehn Jahre lang hatte Mas weltweit hunderttausende seiner Billig-Implantate verkauft, vor allem in Südamerika, Grossbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich und Belgien. In der Schweiz wurden 280 Frauen Billig-Prothesen implantiert.

Diese Billig-Silikoneinlagen rissen schneller und werden für Entzündungen verantwortlich gemacht. Bisher konnte aber nicht bewiesen werden, dass auch eine Reihe von Krebsfällen bei Frauen auf die Implantate zurückgehen.

Die Gesundheitsbehörden mehrerer Länder riefen dennoch die Frauen ab Ende 2011 auf, sich die Einlagen vorsichtshalber herausoperieren zu lassen.

«Wie wenn eine Sehne reisst»

Isabelle Traeger, die aus Paris zu dem Prozess anreiste, hatte die PIP-Einlagen infolge einer Brustkrebsoperation erhalten. Beim Aussteigen aus einem Flugzeug im Jahr 2010 hörte sie dann ein Geräusch «wie wenn eine Sehne reisst». Sie hatte heftige Schmerzen, ihre Brusteinlage war gerissen und Silikon trat aus. Sie zahlte 1500 Euro für die Entfernung der Einlagen.

Neben Mas stehen seit Mittwoch vier seiner früheren Mitarbeiter vor Gericht. Ihnen drohen wegen Betrugs und schwerer Täuschung der Konsumentinnen bis zu fünf Jahre Haft. Das Verfahren gilt als eines der grössten in der französischen Geschichte.

Ein Befangenheitsantrag gegen das Gericht in Marseille war kurz vor Prozessbeginn gescheitert. Der von Verteidigern eingeschaltete Kassationshof in Paris erklärte sich für nicht zuständig. Die mündliche Verhandlung des am Mittwoch begonnenen Verfahrens soll bis zum 17. Mai dauern. Ein Urteil wird gegen Ende des Jahres erwartet.

SDA/mw

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