Es ist fünf vor zwölf

Die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld steht vor ihrer grossen und wohl auch letzten Bewährungsprobe.

Nach der jetzigen Baselworld werden sich viele Aussteller entscheiden müssen, ob sie sich auf dieses Wagnis einlassen und der Messe ihre Treue halten.

Nach der jetzigen Baselworld werden sich viele Aussteller entscheiden müssen, ob sie sich auf dieses Wagnis einlassen und der Messe ihre Treue halten.

(Bild: Pino Covino)

Am kommenden Donnerstag beginnt die Baselworld 2019 – mit knapp 500 Ausstellern. Letztes Jahr waren es noch 650, im Jahr zuvor 1300 und vor zehn Jahren sogar 2100 Aussteller. Da ist es nicht abwegig, vom Niedergang der einstigen Weltmesse für Uhren und Schmuck zu sprechen. Gründe dafür gibt es viele, sicherlich spielt der Strukturwandel innerhalb der Branche eine grosse Rolle, doch von Ausstellerseite wurden seit Jahren vor allem die Arroganz der Messeleitung und die hohen Preise in Basel kritisiert.

Mit der Eröffnung der neuen Messehalle von Herzog & de Meuron mussten die Uhren- und Schmuckfirmen nicht nur neue, teure Stände bauen, sondern auch happige Preisanstiege in Kauf nehmen. Daneben beklagten sich Aussteller wie Besucher über die ihrer Meinung nach unverfrorene Preispolitik der Hotellerie und der Gastronomie in Basel. Tatsächlich schienen einige Hotels ihr Budget vor allem auf die beiden grossen Messen Baselworld und Art Basel ausgerichtet zu haben. Und auch die Restaurants zogen kühn mit, legten den Gästen Spezialkarten mit kleiner Auswahl, aber hohen Preisen vor.

Mit dem Ausscheiden der Swatch Group aus Basel hat der Niedergang der Baselworld dramatisch an Dynamik gewonnen. Damit fällt in diesem Jahr nicht nur der grösste, sondern mit Marken wie Omega, Blancpain, Longines, Breguet oder Tissot auch einer der weltweit wichtigsten Uhrenhersteller weg. Auch dieser Ausstieg kam nicht überraschend. Nick und Nayla Hayek hatten wiederholt die Entwicklung der Baselworld kritisiert. Doch weder die Messeleitung, noch der CEO und auch nicht der Verwaltungsrat der MCH Group nahmen die Kritik wirklich ernst. Nick Hayek beliess es nicht bei leeren Drohungen, sondern zog die Konsequenzen – und stellt die Neuheiten seiner Marken jetzt in Zürich vor. Die Messeleiterin und der CEO mussten inzwischen ausscheiden. Es wäre für einen echten Neuanfang hilfreich, wenn auch die Zusammensetzung des Verwaltungsrates überdacht und es an der Spitze zu einem Wechsel kommen würde.

Nach dem Köpferollen fiel dem neuen Messeleiter Michel Loris-Melikoff die undankbare Aufgabe zu, den Scherbenhaufen zusammenzukehren. Der frühere Präsident der Zürcher Streetparade, der in der Uhren- und Schmuckbranche ein völlig Unbekannter war, tat das einzig Richtige: Er suchte mit den verbleibenden Ausstellern das Gespräch, hörte sich deren Probleme und Wünsche an, überdachte die Preispolitik und war sich auch nicht zu schade, Klinken zu putzen. Statt die Aussteller vom hohen Ross herab zu behandeln, versteht sich Loris-Melikoff als Dienstleister. Und er tüftelte an einem neuen Konzept für die Baselworld.

Eine gigantische Veranstaltung mit über 2000 Ausstellern wird die Messe bei allen Anstrengungen nicht mehr werden. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Messeveranstaltungen anderer Branchen müssen sich im Zuge der Digitalisierung ebenfalls neu ausrichten. Und selbst der Salon de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf, der vor 28 Jahren von unzufriedenen Ausstellern rund um die Cartier-Gruppe (heute Richemont) ins Leben gerufen worden ist, muss Abgänge von wichtigen Marken wie Audemars Piguet hinnehmen, weil diese neue Plattformen suchen.

Ein Beispiel an der Art Basel nehmen

Die Baselworld hat also nur eine Chance, wenn sie zu einer Experience-Plattform für Aussteller, Einkäufer, aber auch Endkunden wird. Erlebnisse und Emotionen sollen geweckt und der Besucher auch in die Stände eingeladen werden. Früher wurden die Neuheiten der Uhren- und Schmuckbranche bis zum ersten Messetag streng unter Verschluss gehalten. Heute werden die neusten Uhrenmodelle an speziellen Events und im Internet sofort vorgestellt. Oder eine Marke begibt sich auf eine Roadshow durch die halbe Welt, wie dies Georges Kern mit Breitling gemacht hat. Nie wäre es dem erfahrenen Branchenkenner in den Sinn gekommen, nur noch auf eine Präsentation an der Baselworld zu setzen.

Auf der anderen Seite bietet die Messe immer noch Gelegenheit, innerhalb von wenigen Tagen viele Kunden, aber auch Mitarbeiter aus der ganzen Welt an einem Ort zu vereinen. Um diese Menschen zu treffen, denen er hier während sechs Tagen begegne, müsse er Monate lang durch die Welt jetten, meinte etwa Jean-Claude Biver, Präsident des Uhrenbereichs von LVMH mit den Marken, Hublot, Zenith und Tag Heuer.

Die Baselworld muss es deshalb schaffen, der alljährlich wichtigste Branchenevent zu bleiben und sich gleichzeitig auch gegenüber den Endkonsumenten stärker zu öffnen, die sich bislang nur an den Vitrinen der Aussteller die Nase platt- drücken durften. Die Art Basel macht es vor. Obwohl es weltweit Tausende von Galerien gibt und Hunderte von Messen, hat sie es geschafft, die Leadermesse für den internationalen Kunsthandel zu werden – und zu bleiben. Dies nicht zuletzt, weil sie sich ständig den Bedürfnissen des Marktes angepasst hat. Dies hat die Baselworld bisher verpasst.

Es ist fünf vor zwölf – aber noch nicht ganz zu spät für die Rettung der Baselworld. Die kommende Messe wird sicher kein Spitzenjahrgang. Es ist ein Übergangsjahr vom Desaster in eine hoffentlich bessere Zukunft. Zum Abschluss der Baselworld 2019 wird Messeleiter Michael Loris-Melikoff am 26. März seine Pläne für die neue Baselworld vorstellen, die im nächsten Jahr dann umgesetzt sein sollen. Im Zentrum steht die Transformation der Messe von einer Branchenveranstaltung zur Experience-Plattform, die Uhrenenthusiasten aus der ganzen Welt nach Basel locken soll. Auch eine zweite Messe im asiatischen Raum, wo der Zuwachs weiter erwartet wird, ist eine Option. Diese Ziele sind ambitioniert, aber nicht völlig illusorisch. Zudem hilft die Terminangleichung mit dem SIHH der Baselworld und der gesamten Branche. Die Einkäufer werden jetzt nicht mehr zweimal innerhalb von drei Monaten gezwungen in die Schweiz zu reisen, wenn sie Uhren bestellen wollen. Sie können ihre Besuche in Genf und Basel miteinander verbinden.

Nach der jetzigen Baselworld werden sich viele Aussteller entscheiden müssen, ob sie sich auf dieses Wagnis einlassen und der Messe ihre Treue halten. Da diesmal alle Stände wegen der Swissbau abgebaut werden müssen, stehen 2020 wieder höhere Teilnahmekosten an. Da werden es sich die Verantwortlichen zweimal überlegen, ob sie dieses Geld wirklich investieren wollen.

Es braucht eine faire Preispolitik

Den Entscheid kann ihnen nicht nur die Messe, sondern auch die Stadt leichter machen, indem sie sich von ihrer besten Seite zeigt. Mit Freundlichkeit, Offenheit und einer fairen Preispolitik. Der Zusammenschluss verschiedener Basler Hotels gegen überhöhte Preise und auferzwungene Mindestaufenthalte ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Die Messe und die Stadt müssen alles daran setzen, die Baselworld zu retten, auch wenn sie nicht mehr die Grossveranstaltung von einst sein wird. Die Art Basel bringt «nur» 290 Galerien zusammen, doch es sind die wichtigsten überhaupt. Solange Marken wie Rolex, Patek Philippe, Chopard, Hublot, Breitling oder Carl F. Bucherer in Basel teilnehmen, wird sich auch die Baselworld behaupten und sogar in neue Segmente vordringen können. Wie der Kunstsammler wird dann auch der Uhrenliebhaber gar nicht mehr an dieser Messe vorbeikommen.

Eine Dokumentation auf SRF erinnerte kürzlich an die grosse Uhrenkrise vor 40 Jahren, als sich die Schweiz wie gelähmt vor der Konkurrenz aus Japan zeigte und den Anschluss an das Quarz-Zeitalter zu verpassen schien. Einige innovative Köpfe suchten eine Lösung aus der Krise und dominierten mit der Swatch nicht nur den Einsteigermarkt, sondern gaben auch der mechanischen Uhr einen neuen Aufschwung, der bis heute anhält. Visionäre wie Nicolas G. Hayek glaubten damals an das Wunder. Und ein kleines Wunder braucht auch die Baselworld.

Basler Zeitung

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