Novartis verlangt 370'000 Franken für neues Krebsmittel

Gegen Leukämie soll die Therapie Kymriah helfen. Bezahlts die Krankenkasse? Geld nur für Heilung wäre ein alternativer Ansatz.

Bild einer Krebszelle. In der Schweiz ist nun Novartis’ neue Leukämie-Therapie zugelassen worden.

Bild einer Krebszelle. In der Schweiz ist nun Novartis’ neue Leukämie-Therapie zugelassen worden.

(Bild: Keystone)

Holger Alich@Holger_Alich

Die Ergebnisse machen Hoffnung: Bei Kindern und Jugendlichen, die an einer schweren Form von Blutkrebs erkrankt waren, wurde Novartis’ neuartige Zelltherapie namens Kymriah angewandt. Sechs Monate später war bei über 70 Prozent von ihnen der Krebs verschwunden.

Doch diese Hoffnung auf Heilung, sie hat einen Preis. «Unser Erwartungspreis liegt bei 370'000 Franken», sagt Kay Moeller-Heske, der bei Novartis Schweiz für Krebsmittel zuständig ist. Seit Montag ist die neuartige Zelltherapie auch in der Schweiz zur Behandlung von zwei aggressiven Formen von Blutkrebs zugelassen.

Verhandlungen haben begonnen

Ob und zu welchen Bedingungen die neue Behandlungsmethode von den Krankenkassen erstattet werden muss, dazu verhandelt Novartis derzeit mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG). Das Amt macht zu den laufenden Gesprächen keine Angaben.

Der Novartis-Manager hält den Preis für angemessen: Es handele sich um eine einmalige, individuell hergestellte Zelltherapie, die nur einmal verabreicht werden müsse. Der medizinische Nutzen sei belegt. «Zudem entspricht unser Preis dem europäischen Durchschnittspreis», argumentiert er. In Deutschland zum Beispiel kostet Kymriah 320'000 Euro.

Widerstand wächst

Das sieht Thomas Cerny, Präsident der Krebsforschung Schweiz, anders: «Ich halte den Preis für Kymriah für vollkommen überrissen», erklärte er auf Anfrage. Er hat zudem ein grundsätzliches Problem mit der Zulassung: «Es handelt sich bei Kymriah nicht um ein Medikament, sondern um eine hochkomplexe Behandlung. Und die gehört nicht in die Hände der Industrie, sondern sollte der akademischen Medizin überlassen werden», argumentiert er.

Mit Kymriah hat sich Novartis keine Tablette, sondern ein Verfahren patentieren lassen. Dabei werden einem Krebskranken T-Zellen des Immunsystems entnommen und im Labor genetisch so umprogrammiert, dass sie nach ihrer Re-Injektion im Körper die Krebszellen angreifen. Die Methode ist sehr aufwendig und hat starke Nebenwirkungen, aber für schwer an Blutkrebs (Leukämie) erkrankte Kinder ist sie oft die letzte Hoffnung.

Cerny plädiert nun dafür, solche Behandlungen in die Hände der universitären Medizin zu belassen. «Wir überlassen ja auch nicht Organtransplantationen oder Bluttransfusionen den Firmen.»

Auch Novartis ahnt, dass trotz der Behandlungserfolge mit Kymriah der geforderte Preise der Öffentlichkeit kaum mehr zu vermitteln sein dürfte. Auch wenn im Fall der Konzern nur von einer «niedrigen zweistelligen Patientenzahl» ausgeht, die für eine Behandlung pro Jahr mit der neuen Methode infrage kämen. «Wir sind offen für innovative Vergütungsmodelle», sagt daher Novartis-Manager Moeller-Heske. Das Prinzip: Die Kassen sollen Kymriah nur dann erstatten, wenn es wirkt.

Solange die Erstattung noch nicht vom BAG geregelt ist, können Krankenhäuser einzeln bei der Kasse anfragen, ob sie die Behandlungskosten tragen. Daher laufen parallel zu den Gesprächen mit den Behörden Verhandlungen mit den Schweizer Krankenversicherern zur Erstattung.

Neue Modelle in der Diskussion

«Wir können uns vorstellen, dass wir bei Kymriah in ein neuartiges Vergütungssystem einsteigen und das Mittel nur dann erstatten, wenn es beim Patienten nachweislich wirkt», sagt Martina Weiss, die bei der Helsana für die Preisverhandlungen mit der Pharmaindustrie zuständig ist. «Der Knackpunkt hierbei ist, wie wir den Behandlungserfolg definieren. Dabei ist eine Frage zentral: Wie lange muss ein Patient ohne Rückfall überleben?»

Darum werde gerade mit Novartis gerungen. Auch über Art und Weise der Rückvergütung wird verhandelt. «Wir wollen erst zahlen, wenn die Behandlung Erfolg gehabt hat», sagt Weiss, «Novartis dagegen will zunächst bezahlt werden und bietet eine Rückzahlung an, sollte Kymriah nicht wie erhofft wirken.»

Probleme in der Praxis

Solche sogenannten «Pay for Performance»-Vergütungsmodelle sind die grosse Hoffnung der Pharmaindustrie, auch in Zukunft teure, neue Mittel vergütet zu bekommen. Doch die Idee tönt einfacher, als sie in der Praxis ist.

So gibt es es solche erfolgsabhängigen Vergütungsmodelle für Kymriah in den USA. Dort hat Novartis solche Modelle mit Behandlungszentren vereinbart. Die freiwilligen Verträge sehen vor, dass Novartis nur dann Geld von den Krankenhäusern für Kymriah bekommt, wenn Patienten binnen eines Monats auf die Behandlung ansprechen. Die Behandlungszentren selbst lassen sich die Kosten dann von den Versicherern rückerstatten. Der Ansatz ist aber aus Sicht von Novartis nicht unproblematisch. Denn bei erwachsenen Patienten würde es rund 12 Monate dauern, bis Kymriah den gewünschten Effekt zeige.

Vor diesem Hintergrund hatte Novartis-Präsident Jörg Reinhardt vergangene Woche in der FAZ beklagt, dass die Umsetzung solcher neuen Vergütungsmodelle «in vielen Ländern länger dauert, als wir dachten».

Wie viele solcher Preismodelle es weltweit bereits gibt, dazu fehlen gesicherte Daten. Die Unternehmensberatung McKinsey listet in einer Übersicht 200 innovative Arzneimittelverträge auf. Die Universität von Washington kommt auf 463 innovative Preismodelle. In jedem Fall dürfte es nur ein Bruchteil vom Gesamtmarkt sein.

In der Schweiz könnte Kymriah der Türöffner für solche Modelle sein.

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