Nach Kritik an Siemens: Was hinter der Carmichael-Mine steckt

Warum die Beteiligung an einer australischen Kohlemine in der Kritik steht und wie Schweizer Firmen dazu stehen. 

Nach der Wirtschaft wird der Protest globalisiert. Die deutsche Siemens wird für die Lieferung von Signalanlagen für eine australische Kohlebahn kritisiert. Foto: EPA

Nach der Wirtschaft wird der Protest globalisiert. Die deutsche Siemens wird für die Lieferung von Signalanlagen für eine australische Kohlebahn kritisiert. Foto: EPA

Philipp Felber-Eisele@PhilippFelber

Siemens-Chef Joe Kaeser sah sich gezwungen, auf die Proteste an seinerFirma zu reagieren. Aus Klimaschutzgründen hatten Tausende gegen das Engagement von Siemens bei einem Kohleminenprojekt in Australien demonstriert. Mit wenig Erfolg: Siemens verzichtet nicht auf das Geschäft. Die Kritik an Siemens entflammte an einem Auftragüber 18 Millionen Euro. Gerade im Zusammenhang mit den Buschbränden in Australien ist die Carmichael-Kohlemine nochmals verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. Fünf Fragen und Antworten zum Projekt. 

Was ist überhaupt geplant?

Die Carmichael-Mine wird eine der grössten Kohleminen der Welt werden. Jährlich sollen bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle im Tage- und Untertagebau gefördert werden. Zum Vergleich: 2018 exportierte Australien laut der Internationalen Energieagentur 382 Millionen Tonnen Kohle. Das sind rund drei Viertel der australischen Produktion. Australien ist nach Indonesien der zweitgrösste Kohleexporteur der Welt.Wie gross die Mine dereinst sein soll, zeigt folgender Vergleich: Sie soll eine Fläche von 447 Quadratkilometern umfassen, das ist grösser als der Kanton Schaffhausen. 

Neben dem eigentlichen Hauptprojekt will die Betreiberfirmaeine Zugstrecke über gut 200 Kilometer bauen. Auf ihr soll die Kohle an den Hafen von Abbot Point gebracht und von dort aus verschifft werden. Siemens liefert die Signalanlagen für die Bahn. Ohne diese Anlagen würde sich der Abbau verzögern, weil der Transport an die Küste nicht sichergestellt werden könnte.

Das gesamte Projekt bekam 2019 grünes Licht, es wird aber noch keine Kohle gefördert. Das Abbaugebiet befindet sich im Galilee-Becken im Osten Australiens, wo riesige Kohlevorkommen liegen sollen.

Wer steckt hinter der Mine?

Die Mine wird von der indischen Firma Adani betrieben. Mit der gewonnenen Kohle soll günstiger Strom hergestellt werden. Der grösste Teil des in Australien abgebauten Rohstoffs wird nach Indien verschifft. Adani selbst betreibt in Indien Kohlekraftwerke, kann sich also gleich selbst mit dem Rohstoff versorgen. Der Mischkonzern macht einen Jahresumsatz von etwas mehr als 13 Milliarden Dollar. Das Unternehmen ist auch der grösste Hafenbetreiber in Indien. Geführt wird der Konzern von Gautam Adani, der die Firma in den 1980er-Jahren gründete. 

Was ist das Problem?

Umweltschützer üben grundsätzliche Kritik am Abbau von Kohle für die Energiegewinnung.Daneben geht es aber auch um den Schutz des Great Barrier Reef, des berühmten Korallenriffs an der Ostküste Australiens. Dieses werde durch den Transport der Kohle mit Schiffen gefährdet, warnen Umweltschutzorganisationen. Ebenso stellen sich Ureinwohner gegen die Mine. Sie sehen Land gefährdet, das ihnen heilig ist. 

Wer ist beteiligt?

Adani arbeitet mit etlichen Firmen zusammen. Darunter eben auch Siemens.Market Forces, ein Partnerprojekt der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth, führt eine Liste mit Unternehmen, die an der Mine in irgendeiner Form beteiligt sind. Auf der Liste figurieren vor allem australische Firmen, aber eben auch Siemens und andere internationale bekannte Unternehmen.

Daneben weist Market Forces auch Unternehmen aus, die sich bereits vom Projekt distanziert haben, darunter Grossbanken, die das Geschäft mit der Kohle nicht mehr als einträglich ansehen.Seit Umweltschützer konkret gegen einzelne Firmen vorgehen, könnten weitere Unternehmen folgen und die Carmichael-Mine nicht mehr unterstützen, denn das Risiko eines Reputationsschadens ist enorm. Gegen Siemens sind bereits weitere Demonstrationen angekündigt – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Australien. 

Was ist mit Schweizer Firmen?

Schweizer Firmen sind gemäss der Liste von Market Forces nicht direkt am umstrittenen Kohleprojekt beteiligt. Im Gegenteil. Explizit erwähnt die Organisation Swiss Re, Zurich und Credit Suisse, welche die Mine nicht unterstützen. Die Versicherer Swiss Re und Zurich versichern solchen Minen grundsätzlich nicht mehr, offenbar ist das Risiko zu hoch. Die Credit Suisse schliesst die Finanzierung von neuen Minen aus. 

Anders sieht es beim Baustoffhersteller LafargeHolcim aus. Market Forces geht davon aus, dass sich Humes , eine australische Tochterfirma von LafargeHolcim, um einen Auftrag bemüht. Auf Anfrage heisst es, dass man sich generell nicht zu Details von laufenden Bieterverfahren äussere, so ein Sprecher von LafargeHolcim. «Es besteht gegenwärtig keine Vertragsbindung mit Adani, dem Betreiber des Projektes», sagt der Sprecher weiter.

Nicht direkt beteiligt an der Carmichael-Mine ist der Schweizer Rohstoffriese Glencore. Jedoch betreibt er im nahe gelegenen Bowen-Becken eigene Kohleminen. Im vergangenen Jahr förderte das Unternehmen gemäss eigenen Angaben über 100 Millionen Tonnen Kohle in Australien, der grösste Teil davon wird nach Asien verschifft. Dabei spielt der Hafen Abbot Point – wie bei der Carmichael-Mine – eine grosse Rolle. 

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